Im siebten Brief, den Yassin Al Haj Saleh an seine entführte Frau Samira Khalil richtet, erzählt er von seinem Leben in Istanbul, der ersten Station nach seiner Flucht aus Syrien. Spürbar wird der Kontrast zwischen europäischer und asiatischer Lebensweise. Vor allem das Getriebensein auf der kommerziell geprägten Istiklal-Straße in der Nähe des Taksim Platzes irritiert ihn. Genau beobachtet er auch am Beispiel der Statuen von Atatürk und Hafez al-Assad unterschiedliche Formen des Herrscherkultes. Elf Briefe hat Yassin an seine verschwundene Frau geschrieben. Sie werden in der Übersetzung von Larissa Bender in loser Folge auf Faust-Kultur publiziert.

18. Oktober 2017

In einer fremden Stadt

Yassin Al Haj Salehs siebter Brief an Samira

Aus dem Arabischen von Larissa Bender

Sammour,

du erinnerst dich sicher noch daran, dass ich kurz davor war, in meine erste Wohnung in Istanbul umzuziehen. Ich bezog sie vier Tage nach deiner Entführung und lebte etwa einundzwanzig Monate dort. Jetzt lebe ich seit etwa zwei Jahren in einem anderen Appartement. Beide Wohnungen sind relativ groß, etwa so wie unsere Wohnung in Dahiyat Qudsaiya . Sie bieten beide Platz für ein Paar und wenn nötig sogar für drei Personen. Beide Wohnungen sind möbliert, und beide habe ich über Freunde gefunden, nicht über einen Makler. Was das betrifft, hatte ich keine Probleme, im Gegensatz zu den meisten syrischen Familien oder alleinstehenden Männern.

Aber beide Appartements sind lediglich Orte zum Wohnen, kein Zuhause, Sammour. Ich wohne wie ein Student in einer fremden Stadt; alles, was ich dort besitze, sind meine Bücher, meine Kleidung und zwei Computer. Ich habe auch zwei Portraits von dir sowie viele Geschenke für dich, die ich in fremden Städten kaufte oder die mir Freunde schickten. Du warst es immer, die aus den Wohnungen, in denen wir in Dahiyat Qudsaiya gelebt haben, ein Zuhause gemacht hat. Jetzt, wo du weg bist, bin ich wieder der umherziehende Nomade, der ich früher war.

Immerhin konnte ich in beiden Wohnungen unter günstigen Umständen arbeiten. Die Tätigkeit hat mir nicht nur geholfen, deine Abwesenheit zu ertragen, Sammour, sondern auch, mein Gleichgewicht zu bewahren (ich hoffe, ich liege mit dieser Einschätzung nicht allzu falsch) und einigermaßen gesund zu bleiben. Ich habe wunderbare Hilfe von Freundinnen und Freunden bekommen, von Syrern wie von Türken. Ohne sie wäre meine Situation unvergleichlich schlimmer. Sie sind Partner bei der Arbeit, im Kampf für unsere Sache und im alltäglichen Leben.
Die etwa vierhunderttausend Syrer in Istanbul leben in sehr unterschiedlichen Vierteln. Die Armen in den ärmeren Vierteln; jene, die arbeiten, leben in der Nähe ihrer Arbeitsstätten; die Konservativen in den konservativen Vierteln; die jungen Frauen und Männer der Mittelschicht in kosmopolitischen Vierteln, in denen ihresgleichen wohnen, Türken wie Ausländer. Meine erste Wohnung lag in einem Wohnkomplex in einem Mittelstandsviertel, die zweite in einem etwas ärmeren, aber gemischten Stadtviertel. Kurios war, dass die erste Wohnung einer türkischen Schriftstellerin und Jogalehrerin gehörte, die in Amerika lebt; und die zweite Wohnung gehört einer Amerikanerin, die in der Türkei lebt.

Ich kenne immer noch sehr wenig von Istanbul, Sammour. Die Stadt ist sehr groß, sie hat achtzehn Millionen Einwohner und sogar die Menschen, die in der Stadt geboren wurden, kennen nicht alle Stadtteile und -viertel. Stell dir dann mal einen Fremden vor, der in schon etwas fortgeschrittenem Alter hergekommen ist. Ich kann mir kaum Zeit freischaufeln, um durch die Stadt zu bummeln oder die gigantischen Sehenswürdigkeiten anzusehen. Die Freunde witzeln über mich – und ich mit ihnen -, dass ich noch nicht einmal die Hagia Sofia oder die Blaue Moschee oder die Zisternen gesehen hätte, wäre nicht Farouk Mardam Bey zu Besuch gekommen. Farouk ist ein Freund, den ich persönlich erst hier in Istanbul kennengelernt habe. Farouk liebt historische Sehenswürdigkeiten, über die er sich kundig macht, bevor er sie besucht, und ich habe ihn bei seinen Rundgängen während seiner beiden Besuche in Istanbul begleitet. Farouk lebt zwar seit mehr als einem halben Jahrhundert in Frankreich, aber er war mein Touristenführer in der Stadt, in der ich seit ungefähr vier Jahren wohne.

Die Cisterna Basilica ist ein großes unterirdisches Wasserbecken, das ich von all den historischen Sehenswürdigkeiten der Stadt am meisten mochte. Es wurde im sechsten Jahrhundert n.Chr. gebaut, um die Stadt in Zeiten einer Belagerung mit Wasser zu versorgen (Liebe Sammour, bitte betrachte meine archäologischen Kenntnisse nicht als gesicherte Informationen). In diesem Becken gibt es gigantische Steinpfeiler, zwei von ihnen stehen auf Medusenköpfen, ein weibliches mythologisches Wesen mit wilden Schlangenhaaren. Die Legende sagt, dass derjenige, der sie ansieht, zu Stein wird. Besucher werfen dort ein Geldstück hinein und wünschen sich von ganzem Herzen etwas.
Ich habe eine Münze hineingeworfen und mir nichts anderes gewünscht, als dass du gesund zurückkehren mögest, Sammour. Wie so oft in letzter Zeit flossen meine Tränen an jenem kühlen dunklen Ort, und der noble Farouk tat, als bemerke er nichts.

Der Stadtteil, den ich besser kenne als jeden anderen in Istanbul, ist Taksim, das Herz des europäischen Teils der Stadt. Taksim ist ein großer Platz, der seinen Namen von der ehemaligen Wasserverteilungsanlage (arabisch taqsīm, A.d.Ü.) Istanbuls ableitet. Auf dem Platz steht eine Statue von Mustafa Kemal Atatürk, der sich – in Militäruniform gekleidet – mitten in einer Gruppe von Kämpfern oder Militärführern befindet. Bilder und Statuen von Atatürk gibt es überall in Istanbul und in der ganzen Türkei, Sammour, niemals aber habe ich welche gesehen, die so abscheulich sind wie die Statuen von Hafez al-Assad in Syrien. Die Bilder und Statuen des »Eroberers« – Atatürks Spitzname – zeigen ihn immer aktiv, vertieft in irgendein Tun. Es gibt sogar zahlreiche Portraits von ihm, auf denen er Arak trinkt, und tatsächlich starb dieser Mann, der so gerne trank, vor seinem sechzigsten Lebensjahr an Leberzirrhose. Die Statuen, die wir zuhause von Hafez al-Assad kennen, zeigen ihn immer steif und leblos, sie sind wie »Ungeheuer«, die über die Angst der Syrer wachen. Ihr Sinn ist es, wahren Schrecken zu verbreiten und den Willen der Syrer durch eine omnipotente Autorität zu lähmen. Atatürks Statuen wurden außerdem erst nach seinem Tod errichtet, Hafez hingegen hat noch zu seinen Lebzeiten Exemplare von sich überall in diesem unglücklichen Syrien aufstellen lassen. Und noch wichtiger ist, Sammour, dass Atatürk häufig inmitten einer Gruppe dargestellt wird, während die Statuen von Hafez al-Assad, wie du weißt, immer allein dastehen. Hafez al-Assad zeigt sich als Tyrann, der allein an der Spitze der Macht steht und dessen Autorität auf Angst basiert. Atatürk aber, der ein nationaler autoritärer Herrscher war und dessen Regime etliche Verbrechen beging, scheint trotzdem mitten im Leben zu stehen.

Der Taksim-Platz ähnelt einem See, an dem eine in Istanbul sehr berühmte Straße beginnt, die Istiklal-Straße. Die Straße wirkt wie ein Strom aus Menschen, insbesondere am Freitag- und Samstagabend (das Wochenende in der Türkei besteht aus dem Samstag und dem Sonntag) wird die Zahl der Passanten auf täglich drei Millionen geschätzt. In meinen ersten Tagen und Monaten in Istanbul liebte ich gerade diese Straße und vor allem den Anblick der jungen Frauen (in ihrer Sommerkleidung) und der jungen Männer, die sich am Wochenende bis spät in die Nacht in den Bars und Restaurants der Seitenstraßen tummeln. Die Istiklal schien mir damals eine Straße der Liebe und der Jugend zu sein. Heute kommt sie mir eher wie eine kommerzielle Straße vor, in der der Menschenstrom unaufhörlich fließt und ein Stehenbleiben verhindert. In der Straße selbst gibt es keine Cafés oder einfachen Bars, keine Kinos oder Kulturzentren, die den Passanten innehalten ließen. Es gibt nur Bekleidungsgeschäfte, die zum Teil berühmte internationale Marken anbieten, und Imbissbuden für türkische Gerichte, allerdings hat man keine Möglichkeit, sich draußen niederzulassen. Man entscheidet auf der Straße, was man essen möchte, und trägt dann sein Essen auf einem Tablett ins Innere des Restaurants.

Die überfüllte Istiklal ist berühmt für ihre Straßenmusiker. Auch syrische Musiker stehen dort mit ihren Instrumenten, singen syrische oder arabische Lieder und bekommen dafür ein bisschen Geld von den Passanten. Sie scheinen beliebt zu sein, denn sie sind immer von einer größeren Menschentraube umgeben als andere Musiker. Manche Zuhörer sind Araber, die Fotos schießen und sich an dem Gesang erfreuen. Es gibt aber auch Musikgruppen aus Peru in der auffälligen Kleidung der „American Natives“, sie tragen nicht nur eine einzelne Feder auf dem Kopf, sondern einen ganzen Federkranz.

Einzig den Musikern gelingt es, die Menschen kurz zum Innehalten zu bewegen und in der überfüllten Straße ihr Tempo, das sie immer weiter nach vorn drängt, zu drosseln. Ginge es auf der Istiklal langsamer zu, wäre sie viel schöner. Die ganze Zeit hört man Arabisch auf der Straße, besonders den syrischen Dialekt, im Sommer kommen auch Touristen vom Golf und aus dem Libanon dazu.

In den Seitenstraßen der Istiklal pulsiert das Leben: Dort gibt es Cafés, Bars und Restaurants mit Tischen auf den Bürgersteigen. Der Anblick der jungen Leute in den Kneipen und Teestuben ist voller Leben und höchst erfreulich. Aber der „berühmte türkische Kaffee“ – so wird er sogar in der Türkei selbst und in Europa genannt – hat meiner Meinung nach weder die Berühmtheit noch den Namen verdient. Ich sage immer, dass man diesen Kaffee isst, statt trinkt, denn er ist äußerst stark und besteht zur Hälfte aus Kaffeesud. Unser syrischer Kaffee schmeckt viel besser, aber der allerbeste Kaffee ist natürlich der, den ich dir immer zubereitet habe: das Pulver ins kalte Wasser und dann ganz lange auf kleinstmöglicher Flamme kochen lassen.

Oft lief ich durch diese paar Straßen, die ich kenne, und dachte an dich, Sammour. In meinem Herzen beschrieb ich dir, was ich sah. Ob ich allein oder mit Freunden zusammen saß, du warst immer in Gedanken bei mir.

Du bist auch bei mir, wenn ich den Bosporus zur asiatischen Seite überquere. Dort gibt es etwas Ähnliches wie den Taksim, einen Stadtteil namens Kadiköy (was so viel heißt wie “das Dorf des Richters”). Ich kenne diese Gegend weniger als den Taksim, aber sie scheint nicht so kommerziell zu sein wie die Istiklal-Straße, der Puls des Lebens schlägt langsamer. Hier gibt es die besten Fischrestaurants. Auch Künstler, junge Leute und verschiedene Kulturgruppen (Theater, Musikgruppen, Kunstausstellungen …) scheinen diesen Teil des asiatischen Festlands dem Taksim auf der europäischen Festlandseite vorziehen.

Es gibt drei Brücken über den Bosporus, die den asiatischen und den europäischen Teil miteinander verbinden, ich aber fahre lieber mit den Fähren, die jede halbe Stunde von mehreren Anlegeplätzen aus ablegen. Die Fahrt dauert zwanzig Minuten, und die Stadt mit ihren zwei Seiten macht auf einen sorglosen Menschen sicher einen wunderschönen Eindruck.

Ich hoffe, dass wir bald all diese Strecken gemeinsam gehen, Sammour.

Ich küsse dich von ganzem Herzen, pass auf dich auf

Yassin

Aus dem Arabischen von Larissa Bender

Die Übersetzung der Briefe wurde durch das Beiruter Büro der Heinrich-Böll-Stiftung gefördert.

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erstellt am 07.4.2019

Dies ist der siebte von elf Briefen, die Yassin Al Haj Saleh an seine verschwundene Frau Samira Khalil geschrieben hat. Samira wurde am Abend des 9. Dezember 2013 aus Douma entführt. Yassin erklärt in diesen Briefen seiner Frau, was sich seit ihrem Verschwinden in seinem Leben und in Syrien ereignet hat. Die Briefe haben weltweit Aufmerksamkeit gefunden und wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Larissa Bender hat sie aus dem Arabischen ins Deutsche übertragen.

Samira Khalil, Foto: Larissa Bender
Samira Khalil, Foto: Larissa Bender