Das zärtliche Masuren ist voll von Opfern der Kriege, der Flucht, der Vertreibung und der Gewalt. Artur Becker, Sohn deutsch-polnischer Eltern, begann, auf Polnisch Gedichte zu verfassen; heute schreibt er auf Deutsch Romane. Sein neues Buch mit dem Titel „Drang nach Osten“ zeichnet er vor allem die Geschichte seiner Familie nach. Im Gespräch mit Eric Giebel erzählt er von den Widersprüchen im kleinen und großen Europa.

Gespräch

Zum andern ist er eher besorgt

Artur Becker

Eric Giebel: Der Titel deines neuen Romans „Drang nach Osten“ nutzt ein politisches Schlagwort, das in Deutschland bis heute wenig Verbreitung gefunden hat, in den östlichen Nachbarländern jedoch wohl bekannt ist für die ab dem 19. Jahrhundert aufkommenden nationalistischen und imperialistischen Bestrebungen. Dieser Drang wurde in Polen während des Zweiten Weltkriegs in unvorstellbarem (wenn auch nicht im gleichen) Maße zur Katastrophe für die polnisch-jüdische und polnisch-christliche Bevölkerung. Steckt hinter dem Titel eine Lust an der Provokation, die du als Autor mit deiner Figur Arthur teilst?

Artur Becker: Eigentlich hat der Titel wenig mit einer Provokation zu tun. Ich überlege mir immer erst den Titel, wenn ich ein Buch schreiben will, weil der Titel für mich schon die Geschichte vorwegnimmt; er erzählt für mich die Story, die ich auf dem Papier skizziere und später in einem Buch entwickle und beschreibe; der Begriff „Drang nach Osten“ hat vor allem etwas mit meiner sozialistischen Kindheit zu tun und natürlich mit dem Mythos, der sich um die sogenannte „Ostkolonisation“ rankt. Dieser Mythos erlebte in Polen zwischen 1848 und 1989 verschiedenste Phasen, aber auch in Russland oder Ungarn.
Nach der „Polenbegeisterung“ nach 1830, konkret nach dem Novemberaufstand im geteilten, vom zaristischen Russland besetzten Polen, gab es die Hoffnung, dass die deutschen Parlamentarier (siehe „Hambacher Fest“ von 1832) die Polen in ihren Unabhängigkeitsbestrebungen unterstützen würden. Aber ausgerechnet Carl Friedrich Wilhelm Jordan (1819-1904), ein begeisterter Hegelianer, Schriftsteller und Politiker, einst ein Linker, hielt 1848 in der Frankfurter Paulskirche eine Rede, die die Wende in der deutschen Politik gegenüber Polen zeigte. Er sagte, dass die Teilung Polens kein Völkermord gewesen sei, wie man sie fälschlicherweise genannt habe. Sie sei nur eine Proklamation des Todes gewesen. Die verwesende Leiche habe man nicht mehr tolerieren dürfen. Jordan schrieb einst „Polenlieder“ und war links-liberal. Im Prinzip zeigt seine Rede, die antipolnisch ist, wohin dann die ganze Reise unter Bismarck weiterging.
Der „Kulturkampf“ begann, obgleich Bismarck in seiner Rede im Parlament von 1886 den anwesenden Polen vorwarf, sie selbst würden „Kulturkampf“ betreiben, und er stellte den polnischen Revolutionär Ludwik Mierosławski an den Pranger.
Das ist also eine lange Geschichte; Fakt ist aber, dass Deutschland erst nach 1918, also in der Weimarer Republik, national vollends erwachte, obwohl es, wie gesagt, schon Ende des 19. Jahrhunderts zunehmende Germanisierungsversuche z. B. in Posen und Großpolen gegeben hatte; nicht umsonst schrieb Henryk Sienkiewicz (Nobelpreisträger) den Roman „Die Kreuzritter“, der ja eine Antwort auf diesen „Kulturkampf“ gewesen war – als Stärkung des nationalen Herzens Polens –, wobei die künstlerisch-literarische Umsetzung des Themas hier nicht zur Debatte steht; aber nach dem Ersten Weltkrieg ging Deutschland rigoros gegen Polen in den deutschen Gebieten und Grenzgebieten vor. Das Apogäum dieser nationalen Politik fand natürlich im Dritten Reich statt: Stichwort „Lebensraum“.
Ich komme natürlich aus sehr spezifischen Gebieten: der Mythos der Schlacht von Tannenberg von 1410 wurde von den Kommunisten propagandistisch ausgenutzt. Deshalb war auch die Wut der Kommunisten groß, als Jan Józef Lipski 1981 seinen berühmten Essay „Zwei Vaterländer – zwei Patriotismen. Bemerkungen zum nationalen Größenwahn und zur Xenophobie der Polen“ publizierte und darin auch den Mythos von „Drang nach Osten“ demontierte, wobei diese Demontage im Kontext der damaligen Außenpolitik der Kommunisten gesehen werden muss, warf man doch der BRD den Revanchismus vor.
In meinem Roman hat er, der besagte Begriff, also eine historische Funktion, dieser Titel, und auch eine autobiografisch-symbolische. Schließlich gab es nach 1980 und 1989 auch den „Drang nach Westen“. Außerdem hat dieser Begriff noch andere Komponenten, die romantische zum Beispiel. Völlig richtig sagt Karl Schlögel, dass der deutsche Osten zwei widersprüchliche Seiten habe: Wir denken zusammen mit der Gräfin von Dönhoff an die schönen Landschaften, das Land der Kindheit in Ostpreußen – auf der anderen Seite an all die Opfer der Kriege, der Flucht, der Vertreibung, der Gewalt. Insofern hat der Titel eigentlich mehrere Funktionen. Er erzählt im Prinzip die Geschichte meiner Familie. Nach 1945 gab es einen „Drang nach Osten“, der aber von den Polen selbst ausging: Sie gingen aus Posen oder Warschau nach dem ehemaligen Ostpreußen, um dort ein neues Leben anzufangen, sofern sie nicht aus den ehemaligen Grenzgebieten Polens „vertrieben“ wurden: aus Litauen und Galizien, hatte doch die Jalta-Ordnung 1945 angefangen zu wirken.
1970 und 1980, im Jahr der Solidarność-Begeisterung, änderte sich natürlich vieles, sodass Lipski zurecht seinen berühmten Essay schrieb und den Begriff kritisch beleuchtete.
Heute ist die Situation hochinteressant, wovon mein Roman doch auch erzählt: rechtsnationale Verschwörungstheoretiker und rechtskonservative und -radikale Politiker und Aktivisten werfen der BRD vor, sie würde heimlich wirtschaftlich Polen und andere osteuropäische Länder kolonisieren. Da lebt dieser Mythos wieder auf, wobei man sagen muss, dass es auch in der Politologie solche Thesen gibt, die Deutschland die Rolle des Kämpfers um Vorherrschaft in Europa zuschreiben, wie das z. B. in den Texten von Brendan Simms und Benjamin Zeeb herauslesbar ist.
Wenn der Romantitel jemanden provozieren wird, dann eher eben irgendwelche Hitzköpfe.

Es ist nicht ganz leicht, deinen Protagonisten Arthur zu mögen. Er ist ein Planet, der um sich kreist, über das Beziehungsgeflecht eines Sonnensystems und die Umlaufbahnen anderer Planeten wenig zu wissen scheint, doch Distanz und Nähe emotional erlebt: ein Mann in der Midlife-Crisis inklusive Burnout, pendelnd zwischen Großmannssucht und Selbstmitleid. Er ist eitel, provokant, paranoid, eifersüchtig, stolz, hypochondrisch, wie ein kleines Kind, das viele Rollen besetzt. Hast du etwas zur Verteidigung deiner Figur vorzubringen?

Säße er auf der Anklagebank sozusagen, könnte man ihn in der Tat an den Pranger stellen. Er ist doch auch nur ein Spiegel des modernen westeuropäischen Menschen mit osteuropäischen Wurzeln, und ich sehe als Autor in ihm eher sehr ironisch eine Widerspiegelung vieler Emigranten und Bürger der BRD. Ich nehme mich selbst natürlich auf die Schippe, und so sehen es auch andere Leser, dass ich es tue. Fakt ist, dass er, wie viele im Westen, mit der Apostasie nicht klarkommt. Zum einen. Zum anderen ist er schon sehr besorgt um seine Mutter und will ihr helfen, aber die Mutter lässt sich nicht helfen, nicht von ihm, sie will sein Geld für eine Herzoperation nicht. Für mich ist er eine sehr emotionale und verlorene Gestalt, die im Leben/Roman letztendlich gerne alle Zügel in der Hand halten würde, aber es gelingt ihm nicht, weil die familiären Wurzeln so zerbrechlich sind. Wie sein eigenes Leben. Er hat in der Tat viele Ängste, aber eines kann man ihm nicht vorwerfen: Er kann gut seine Situation analysieren und die seiner Familie. Bloß glücklich werden, in dieser schönen Liebe mit Malwina, das gelingt ihm kaum. Nicht weil er sich selbst im Wege steht: Er kann sich schwer entscheiden, und das ist etwas, was wir aus den Liebesgeschichten von Isaac Bashevis Singer kennen. Die unerfüllte Liebe ist einerseits produktiv und das Schönste, gleichzeitig das Ermüdendste. Wir sprechen hier eigentlich von Sehnsucht …

Arthur schreibt ein Buch über seine Großeltern. Er hat deutsche (ostpreußische) Wurzeln väterlicherseits und polnische mütterlicherseits. Dein Roman führt in den „Gnade“ betitelten Kapiteln zurück ins Jahr 1945, wo zu Beginn des Februars bei minus vierzig Grad Überlebenden aus Bartenstein | Bartoszyce Leichen unter Aufsicht der Rotarmisten verbrennen, ein „Gestank aus Benzin und Menschenfett“. Irmgard, eine Deutsche, trifft auf Jan, der ein Geheimnis mit sich rumträgt. Ryszard und Renata, zwei Polen, die nach Deutschland zur Zwangsarbeit verschleppt wurden, entscheiden sich füreinander und für ein Leben im ehemaligen Ostpreußen, fern ihrer Eltern. Das Schloss von Gallingen | Galiny ist der Kristallisationspunkt, in dem sich die Großelterngeneration Arthurs trifft und anfreundet. Du zeigst überzeugend auf, wie gering die Handlungsspielräume der Individuen in dieser Phase der Machtkonversion, der Transformation waren. Eine Normalität war nicht möglich. An anderer Stelle des Romans, in der es um Arthurs Eltern geht, stellst du die Frage nach Normalität erneut. Dort charakterisiert Arthur seine Eltern weder als Kommunisten noch als Dissidenten, sondern als Harmlose, als Normale. Gab es Normalität im real existierenden Sozialismus?

Es kommt darauf an, von welchen Zeiten wir hier sprechen. Natürlich war der Alltag kurz nach 1945 und im Stalinismus ganz anders als nach 1968, 1980 und kurz vor 1989. Aber es gab immer eine Normalität, zumal Polen viel liberaler war als andere Ostblockländer. Das Festival „Jazz Jamboree“ zum Beispiel leistete bereits 1958 einen speziellen Beitrag zu dieser Normalität; die aus dem Westen übersetzte Literatur auch, die offene Gesellschaft, die sich ab 1968 langsam herausbildete und mit Solidarność ihren Höhepunkt hatte. Aber davon mal abgesehen – im Alltag war der Sozialismus im Privaten oft unsichtbar, da Menschen sich ihre Inseln geschaffen haben. Und man kann das polnisch-kommunistische Regime schwer mit dem des Dritten Reiches vergleichen. Denn nicht einmal unter Stalin gab es in Polen solche moralischen, ethischen Entgleisungen wie im Nationalsozialismus. Trotzdem: der Sozialismus und der Unterdrückungsapparat des Geheimdienstes haben den Alltag im damaligen Polen sehr beeinflusst. Ich habe es ja selbst erlebt.

Arthur flieht 1984, im Orwell-Jahr, vor dieser Normalität seiner Eltern, vor der Totalität der sozialistischen Staatsmacht in den Westen, in die BRD. Ha, wie neidisch ich auf dich bin, wegen dieses unbefangenen Gebrauchs der BEERDE. Im Westen wurden wir von unseren konservativen Zuchtmeistern, Lehrer wäre in diesem Zusammenhang eine irreführende Bezeichnung, scharf für das Kürzel BRD gerügt. Und der Satz „Danzig ist eine deutsche Stadt“ aus dem Mund eines solchen Meisters aus Deutschland ist mir in Erinnerung geblieben. In deinem Artikel „Danzig das Leben nehmen“ (FR vom 30.01.19) anlässlich der Ermordung von Paweł Adamowicz erinnerst du daran, dass für den Bürgermeister Danzigs die Multikulturalität von entscheidender Bedeutung war. Was hätte der pubertierende Artur Bekier Ende der Siebziger Jahre zu einem Lehrer gesagt, gleich in welchem System, der mittels Sprache Geschichtsklitterung und Revisionismus betreibt (und für diese Indoktrination vom Staat Tantiemen kassiert)?

Ich war in der Schule ein Anarchist und Revoluzzer. In der BRD hätte ich bestimmt den Lehrern das Leben wegen des Nationalsozialismus schwer gemacht, ich hätte ihnen Löcher in den Bauch gefragt. 1985 kam ich in Deutschland in die zehnte Klasse des Gymnasiums. Ich war 17 und schon mit ganz anderen Dingen beschäftigt: mit dem Schreiben von Gedichten, mit der Literatur. Und ich staunte darüber, wie unterschiedlich unsere geschichtlichen Perspektiven waren, unsere Blicke auf die Geschichte, Stichwörter: Asymmetrien, Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen (Reinhart Koselleck, Ernst Bloch). Und ich hatte Glück, da ich keine Nazi-Nostalgiker, perversen Revisionisten usw. traf, sondern wunderbare, weltoffene und vor allem europäische Geister, Linke, Alt-68-er und Dichter, die mit Ernst Jünger und Carl Schmitt nichts am Hut hatten. Wie gesagt, ich hätte mich mit solch einem Lehrer, den du beschreibst, ständig gestritten. Das habe ich auch in Polen gemacht: mit unseren Polnisch- und Russischlehrern, sobald sie sich nur ein bisschen als Kommunisten oder Nationalisten outeten. Das brachte mir Ärger ein, aber ich schlug mich wacker durch.

Dieser Tage stand in den Zeitungen, dass der Prozess gegen den 95jährigen Johann R., der zur Wachmannschaft des KZ Stutthof gehörte, voraussichtlich bald eingestellt wird. Stutthof spielt in deinem Roman eine Rolle, obwohl er als Ort der Handlung nicht vorkommt. Aber anhand dieses Konzentrationslagers, natürlich: dieses deutschen Konzentrationslagers, kann die Frage nach dem Verhältnis der polnischen Opfer gefragt werden. Stutthof war kein Vernichtungslager der „Aktion Reinhardt“ wie Treblinka, Sobibór oder Bełżec: Juden und Christen, unschuldige Menschen, wurden misshandelt und ermordet. Welche Absicht verfolgst du als Autor, wenn du deiner Figur folgende Worte in den Mund legst: „Im Kalten Krieg konzentrierte man sich in Westdeutschland lange Zeit in erster Linie auf die Verarbeitung der Geschichte des Holocausts, was verständlich ist, aber dadurch wurde der millionenfache Mord an uns Polen während der Okkupation sowie die totale Zerstörung des Landes stiefmütterlich behandelt. Für polnische Rechtskonservative ist das heute ein gefundenes Fressen!“

Ein weites Feld. Ich antworte mit Karl Schlögel: In seinem „Vortrag anlässlich des Symposiums Gemeinsames Kulturerbe als Chance am 20. September 2004 im Berliner Kronprinzenpalais“ sagte er: „Die allgemeine Geschichte interessierte sich nie sonderlich für das östliche Europa und schon gar nicht für das Thema der Deutschen im östlichen Europa. Das östliche Europa kam nur in den Blick, insofern es von den Nazis besetztes Europa war. Die Geschichte der Deutschen im östlichen Europa und die großen Kapitel kamen nicht mehr vor.“ Nach 1945 konnte Hermann Aubin seine Ostforschung fortsetzen, obwohl er im Nationalsozialismus in Breslau „Ostforschung“ betrieben hatte. Aber nach 1945 gab es ein neues Feindbild, das kommunistische Lager. Plötzlich gab es eine politische Ausrichtung. Dadurch entstand eine Isolation. Und erst nach den Friedensverträgen zwischen der BRD und der Volksrepublik Polen 1970 änderte sich langsam einiges. Auch die Solidarność-Bewegung von 1980 (trotz der Kritik an ihr seitens der SPD) war ein richtiger Schritt zur Öffnung und Neubewertung. Doch erst nach 1989 konnten Historiker beider Länder alles neu bewerten. Und zusammenarbeiten, was bis zum Streit um die Vertreibung lange gut ging. Denn vor 1989 tauchte z. B. in Westdeutschland der „Warschauer Aufstand“ nur sporadisch auf, wie Adam Krzemiński in seinem Essay „Powstanie Warszawaskie“ (Warschauer Aufstand) in dem Buch „Polsko-niemieckie miejsca pamięci“ (Polnisch-deutsche Orte der Erinnerung, publiziert in Warschau 2015, Band 2) schreibt. Er erwähnt z. B. das Buch „Der Warschauer Aufstand“ (Frankfurt am Main, 1962) von Hanns von Krannhals. Das ist nur ein kleines Beispiel, aber unsere Erinnerungsorte funktionieren eben ganz unterschiedlich. Im deutschen Gedächtnis kennt man natürlich den Kniefall von Willy Brandt von 1970. Jedenfalls ist es symptomatisch, dass in den 50ern und 60ern in der BRD es keine richtige Auseinandersetzung mit der Okkupation Polens gegeben hat, zumal solche Nazi-Verbrecher wie der Generalleutnant Heinz Reinefahrt, der im Warschauer Stadtteil Wola zigtausende Zivilisten hat erschießen lassen, nicht verurteilt wurden. Er konnte sogar nach 1945 Bürgermeister von Westerland werden.

Eine der Nebenrollen ist hervorragend besetzt. Das sagt man ja eher über Filme, aber bei der nicht geringen Anzahl von Filmen, die du in deinem Roman erwähnst, von Akira Kurosawas „Ran“ bis zu Paweł Pawlikowskis „Ida“ (nur nicht Andrei Tarkowskis „Nostalghia“ vergessen!) sei mir das gestattet. Es ist die Figur des Mannes mit der Baskenmütze, der ewige Mahner, der die Menschen an ihre Schuld erinnert. Die Luzerner Zeitung titulierte am 21.12.2017: „Heinrich Böll: Der Mahner mit der Baskenmütze“. Ich weiß ich nicht, ob du auch an Böll gedacht hast, aber bei mir stellte sich diese Assoziation schnell ein, da ich 1984 kurz vor meinem Abitur eine Ausarbeitung über Bölls „Billard um halbzehn“ schreiben durfte. Diese Arbeit, dieses Stück authentischer BEERDE-Geschichte hat die Zeitenwende irgendwie überlebt und gibt mir die Möglichkeit, meine unreifen Gedanken zu einem Stück Literatur einer katholisch-konservativ geprägten Gesellschaft in Westdeutschland des Jahres 1958 heute neu zu erleben. Johanna Fähmel darf zum 80. Geburtstag ihres Mannes die Irrenanstalt verlassen. Ihre (Bölls) Mahnung: „Seid ihr denn blind? So leicht zu täuschen?“ hat sich in mein Hirn eingeschrieben. Dein Mahner mit der Baskenmütze wandert durch die Generationen, er ist noch nicht fertig, lässt selbst den erwachsene Arthur nicht los. Was ist unsere Schuld?

Ich lese Heinrich Böll sehr gerne, und er ist für mich nicht nur ein wunderbarer Chronist der jungen BRD. Sicher, die Verbindung zwischen der Baskenmütze, einem geheimnisvollen Fremden in meinem Roman, und Böll besteht, das sind die kleinen Anspielungen, die Türen, die man als Leser öffnen kann oder auch nicht. Aber ich bin auch schon seit meiner Jugend von der Frage fasziniert, wie man kollektive und individuelle Schuld miteinander vergleichen kann. Wie geht das überhaupt? In einem ZDF-Interview mit Gero von Boehm von 1992 sagte die Philosophin Jeanne Hersch (Schülerin von Jaspers, Miłoszʼ Übersetzerin und Freundin), ihr sei es nach 1945 nicht gelungen, einen „einzigen festen Nazi“ (womit sie meinte „überzeugten“) zu treffen, obwohl sie den Wald voller erhobener Hände zum Hitler-Gruß gesehen habe. Das ist eben das Problem, auf das sie hinweist. Sie sagt noch, alle hätten nach 1945 gesagt, sie seien keine Nazis gewesen. Aber wenn ich mich an meine Montagsappelle in meiner Berufsschule in Bartoszyce erinnere, dem Technikum, da stand ich doch auch brav im Anzug und ernster Miene in erster Reihe … 1983 … Patriotische Reden wurden gehalten, der Sozialismus gelobt – dabei war ich ja kein junger Kommunist. Ich bin aber an jedem 1. Mai mitmarschiert.
Ich möchte noch auf etwas hinweisen, was am wichtigsten ist. Wir leben nicht in einer Star-Trek-Gesellschaft. Der Konflikt zwischen den Israelis und Palästinensern, der uralt ist, wird noch nicht als ein Konflikt zwischen Erdlingen, Bewohnern der Erde, angesehen: Deshalb liebe ich die Schrift „Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf“ von Immanuel Kant. Unsere Kriege sind oft ideologisch, wirtschaftlich, religiös und in einem Mix aus den genannten Begriffen motiviert, was bedeutet, dass 1939 nicht nur Deutsche Polen überfallen haben, sondern Menschen/Erdlinge, die andere Menschen/Erdlinge überfallen haben. Man wird mir vorwerfen, dass mein kosmopolitisches Denken für die Katz sei, ich weiß. Aber zu denken, man habe, weil man zum Beispiel aus Polen kommt, mit der deutschen Geschichte nichts zu tun, mit der Schuldfrage vor allem, ist ein kurzsichtiges Denken. Dass sich dieses oberflächliche Bewusstsein ändern muss und auch ändert, zeigt uns am besten der Klimawandel im Zusammenhang mit der Umweltverschmutzung. Wir alle vergiften die Flüsse und Meere für die zukünftigen Generationen (siehe Michel Serres, „Der Parasit“). Ich denke hier ganz einfach daran, dass wir als Individuen das Böse und das Gute jedes Mal neu erleben, obwohl das Böse scheinbar universell sei und überall bekannt. Aber wir müssen uns jedes Mal neu mit dem Bösen auseinandersetzen, weil wir die Schmerzen neu erleben, als unsere eigenen Schmerzen. Deshalb ist auch eine kollektive Geschichte solcher Erinnerungsorte wie Hiroshima oder Auschwitz eine Geschichte, die uns alle angeht (und gleichzeitig so weit entfernt – ich habe keine Atombombenexplosion erlebt usw.) – sonst hätten Hannah Arendt und Zygmunt Bauman ihre Bücher zu diesem komplexen Thema nicht geschrieben. Ich empfehle hier vor allem Baumans „Dialektik der Ordnung: Die Moderne und der Holocaust“ von 1992 (dt.) wie auch Michel Foucaults Text über die Probleme der Aufklärung „Was ist Aufklärung?“ von 1984.

In deinem Roman prallen die unterschiedlichen Sichtweisen zur historischen Person Lech Wałęsa aufeinander. Den einen eine Lichtgestalt, den anderen Bolek, ein Kollaborateur der Staatssicherheit. Der Friedensnobelpreisträger von 1983 war letztes Jahr Teilnehmer des Internationen Symposiums „Gewaltlosigkeit ist der Weg“ anlässlich des Besuchs des Dalai Lama in Darmstadt. Dabei wiederholte er seine Einladung an alle Weltbürger (für den unwahrscheinlichen Fall, er würde nochmals Präsident), nach Polen zu kommen, sofern sie ihm zuvor 100 Millionen Dollar zugesendet hätten. Angesichts der Fluchtursachen, die weltweit herrschen, ist das blanker Zynismus. Ist Solidarität ein nostalgischer Atavismus?

Wałęsa ist eine umstrittene, dialektische Persönlichkeit, das ist wahr. Aber ich würde ihn nicht schwarz-weiß sehen. Darauf habe ich ja schon in meinem Artikel „Lech Walesas T-Shirt“ (FR vom 22.01.19) hingewiesen. Als ich letztes Jahr im September in Südafrika unterwegs war, sprach ich auch in Soweto mit Menschen, die Nelson Mandela sehr kritisch beleuchtet haben: seine eigenen Landsleute machen ihm oft Vorwürfe, dass er zum Schluss seines Wirkens als Dissident sich mehr und mehr von den alltäglichen Problemen der Menschen in Soweto entfernt habe. Einen ähnlichen Vorwurf macht man in Polen auch Wałęsa. Trotzdem sind sie beide große Figuren des 20. Jahrhunderts. Und an ihrer Symbolkraft wird sich nichts ändern. Was Solidarność-Solidarität in unseren Zeiten angeht, so kann ich sagen, dass wir sie heute dringender brauchen denn je … National-populistische Bewegungen werden uns nicht weit bringen … Das ist eine Sackgasse.

Ende Februar wurde bekannt, dass dein Verlag weissbooks zum Sommer 2019 Frankfurt am Main verlässt und sich unter das Dach des Unionsverlags in Zürich begibt. Claus-Jürgen Göpfert, Journalist der Frankfurter Rundschau, schreibt hierzu über deine Verlegerin: „Anya Schutzbach ist in einem kleinen Dorf mit 500 Einwohnern nahe Überlingen am Bodensee geboren. Jetzt kommt sie ihrer alten Heimat wieder näher.“ Was bedeutet für dich als Mensch mit vielfältigen Wurzeln ganz allgemein eine Annäherung an die alte Heimat, den Ort der Geburt?

Das stimmt, der Verlag geht nach Zürich, und in Überlingen hat Anya Schutzbach ein Zuhause. Das ist ein Katzensprung: Zürich ist um die Ecke. Aber ich werde in meine Heimat nicht mehr zurückkehren, ich glaube daran nicht, auch nicht als alter Mann. Ich möchte weiterhin Bücher über Ermland und Masuren schreiben. Ich möchte mir etwas Sakrales bewahren. Und das Geheimnis meiner Heimat weiterhin pflegen, die ich auch als eine geistige Heimat betrachte, auf den drei Eliotʼschen Ebenen: metaphysisch, historisch und privat.

An welchen neuen Projekten arbeitest du zur Zeit? Und wie wird dein Werk in Polen wahrgenommen?

Ich schreibe an einem neuen Roman, der „Morena“ heißt und in einem Erholungszentrum in Masuren spielt, 1980, es geht um die Streiks im August 1980 und vor allem um einen Mann, der alle im Erholungszentrum am Gehlandsee terrorisiert. Es ist eine Parabel auf die ewigen Besserwisser, Diktatoren, die nicht aussterben. Außerdem wird im August dieses Jahres ein neuer Gedichtband herauskommen: „Bartel und Gustabalda“. Und ich habe ein fertiges Romanmanuskript, das eine Adoleszenzgeschichte erzählt, die erste Liebe, 1983 – 1984. Das Buch heißt „Ein roter Ziegelstein für Izabella“ und es entstand in den letzten Jahren, doch es ist an der Zeit, es auch zu veröffentlichen. Na ja, und ich arbeite ständig an meinen Essays. Aber ich müsste eigentlich eine Art deutsches Tagebuch schreiben – „Schwarze Servietten auf meinem Herzen“, und endlich einen langen Essay über Czesław Miłosz beenden, so um die 120 Seiten. Ich habe aber auch sehr viel zu tun mit meinen polnischen Publikationen. Die Übersetzungen meiner Bücher wollen lektoriert und redigiert werden usw. In Polen kommt jetzt der Essayband „Kosmopolen“ heraus. Und ich habe einen polnischen Gedichtband geschrieben: „Za słupami Heraklesa“ (Hinter den Säulen des Herakles). Er wird in Polen bald veröffentlicht. Zwei Gedichte daraus in meiner Übersetzung ins Deutsche sind 2018 in der Dresdner Literaturzeitschrift Ostragehege abgedruckt worden. Also, arbeitslos werde ich nicht. Ich danke dir für das Gespräch!

Als ich Mitte, Ende der Achtziger einiges an lateinamerikanischer Prosa gelesen habe, wurden viele Titel von Curt Mayer-Clason (1910-2012) ins Deutsche übertragen, darunter, immer noch eines meiner Lieblingsbücher, „Die drei Tode des Jochen Wasserbrüller“ von Jorge Amado. Übersetzerinnen sind mir nicht in Erinnerung geblieben. Im Buchregal finde ich jedoch „Die Hortensien“ von Felisberto Hernández in der Übersetzung von Anneliese Botond (1922-2006). Wie wichtig ist es immer noch, Autorinnen und Übersetzerinnen im Gedächtnis einer männlich dominierten (Buch-)Welt zu verankern? Ihr stellt die Frage ja selbst in eurem Editorial: Braucht es die Betonung auf den feministischen Aspekt oder ist das ein nicht benötigtes Etikett, das den Zugang zu den Texten erschwert?

CQ: Ein Beispiel aus meiner Übersetzerpraxis als Mitherausgeberin eines Essaybands zur aktuellen spanischsprachigen Lyrik: In seinem Essay schreibt der Kubaner José Kozer, wie er in seinem Bücherregal große kanonische Namen findet, aber keiner darunter ist eine Frau. Analog dazu die Kolumne „My white male bookshelf“ von Tillmann Severin auf Fixpoetry. Vielleicht erscheint die Betonung auf weibliches Schreiben kleinkariert. Ein geschärfter Blick ist jedoch unbedingt notwendig. Wir haben uns in der Redaktion selbst hinterfragt. Das Verhältnis von etwa 70 vorgestellten Frauen zu 100 Männern ist nicht so schlecht. Ich habe mir noch notiert: Der Markt ist ein Raum, wo diejenigen auffallen, die am lautesten schreien.

Ein ganz furchtbarer Satz. Heißt aber: Ein bisschen mitmarktschreiern muss sein?!

CQ: Ja, auch wenn es uns nicht unbedingt liegt.

LH: Die Erkenntnis der immer noch notwendigen Betonung steht konträr dem gegenüber, was wir uns überlegt haben: Es spielt keine Rolle, wer den Text geschrieben hat. Er spricht für sich.

Noch immer werden Texte von Frauen allzu oft nicht nach dem Inhalt beurteilt, sondern nach dem äußeren Erscheinungsbild der Autorin.

CQ: Stimmt. Frauen werden als charmant, nett, hübsch, jung vorgestellt, Männer als Experten. Bei unserer Releaseveranstaltung zu alba11 habe ich die beiden Frauen, die mit auf der Bühne waren, kompetent, intelligent, (und dann auch) charmant genannt. Das sind kleine, aber wichtige Gesten.

Christiane, Adelaide Ivánova, deren Lyrik du aus dem brasilianischen Portugiesisch übersetzt hast, ist u. a. Herausgeberin des anarchistisch-feministischen Magazins MAIS PORNÔ, PVFR! Ihre Lyrik, man darf sich nichts vormachen, erschreckt Männer. Da hält eine Frau einen Hammer unter der Bettdecke und berechnet kühl die freigesetzte Energie beim Aufprall. Sie spricht Gewaltphantasien aus (ich würde dich vergewaltigen,/das weiß ich jetzt), nennt heterosexuelle Liebeserklärungen idiotisch. Als Hetero-Mann fühle ich mich verunsichert. Wie ging es dir beim Übersetzen der Gedichte? Konntest du die politisch-gesellschaftlichen Aspekte dieser Texte ausblenden und dich auf die bestmögliche Übersetzung konzentrieren?

CQ: Erst einmal machen die Texte Angst. Ivánova verarbeitet hier eigene Erfahrungen durch das Prisma der Poesie. Und diese Erfahrung ist ganz klar eine Vergewaltigung durch einen Mann. Die Vergewaltigungsphantasie steht für den Moment, in dem sie im Verarbeitungsprozess ihrer Erfahrung an den Punkt kommt, wo sie sogar einen Hauch Empathie hat, wo sie versteht, wie der Mechanismus, der Impuls zur Vergewaltigung funktioniert. Aber zu deiner Frage: Übersetzen hat insgesamt sehr viel mit Empathie zu tun. Ich kann nur einen Text übersetzen, in dem ich mich zumindest zeitweise eindenke, einfühle. Das heißt nicht, dass ich, wenn ich fertig bin, wieder rausgehe, nicht sagen könnte: Okay, das ist jetzt ein Stück zu arg. Ivánovas Gedichte sind krass, aber die Auswahl zeigt nicht die Dynamik des gesamten Buchs, dessen erste Hälfte den Gang durch die Institutionen nachvollzieht, der mit einem Freispruch für den Vergewaltiger endet. In der zweiten Hälfte entdeckt das lyrische Ich ihre eigene Sexualität unter neuen Voraussetzungen. Sie ermächtigt sich wieder dieses Bereichs ihres Lebens, ihres Körpers.

Entstehen eure Beiträge stets in ehrenamtlicher Arbeit oder dokumentieren sie wenigstens teilweise Ausschnitte aus Aufträgen, die ihr als professionelle Literaturübersetzende für Verlage leistet? Gelingt es, durch eure Arbeit die deutschsprachigen Verlage auf Autor*innen hinzuweisen, die dann später verlegt werden?

LH: Es ist ein Ehrenamt. Schön dabei ist: Wir können machen, was uns gefällt. Manchmal gelingt es Übersetzer*innen, wie zum Beispiel Dania Schüürmann, die für alba11 Hilda Hilst übersetzt hat, dass sie noch vor Erscheinen des Magazins den Auftrag für die Übersetzung des gesamten Buches erhalten. Ein anderes Beispiel ist eine Veröffentlichung eines Textes von Lina Meruane in einer früheren Ausgabe von alba. Ihr Roman „Rot vor Augen“ liegt inzwischen in der Übersetzung von Susanne Lange vor. Ob das jetzt direkt mit der Veröffentlichung in alba zusammenhängt, kann ich nicht sagen.

CQ: Unser Literaturmagazin ist jedenfalls eine gute Möglichkeit, Projekte zu publizieren, die man noch nicht unterbringen konnte. Für Ivánova habe ich selbstverständlich ein Exposé erstellt. Noch stehen Reaktionen aus. Ein Wort noch zum Buchmarkt in Lateinamerika. Oft fehlt es an professionellem Lektorat. Es wird manchmal über Bande gespielt, das heißt: Wir Übersetzer*innen machen nicht selten Vorschläge für die Originalfassung, um zu einem besseren Ergebnis zu kommen.

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erstellt am 04.4.2019

Artur Becker
Drang nach Osten
Roman
Gebunden
394 Seiten

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