Boško Tomašević, Foto: Oswald Kronstadt [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)]
Boško Tomaševic, Foto: Kronstadt

Mit einer Reverenz an Melvilles „Moby Dick“ beginnt dieser Romantext, nur dass es sich dabei eben nicht um den Matrosen Ismael handelt: „Er sagte: ‚Nennt mich Eden’“. Der Erzähler durcheilt Natur, Literatur Philosophie, mit realistischen und mystischen Betrachtungen die Katastrophen eines Jahrhunderts, wortgewaltig europäische Geschichte und Geschichten aus dem familiären Nahbereich ineinanderfügend. Einen Schriftsteller lässt der Schriftsteller Tomašević diesen Roman erzählen, in dessen Zentrum die Frage nach der Schuld steht. Dieses Buch entstand „aus zufälligen Wörtern, irregeleiteten, absichtlichen und geplanten, doch was mit ihnen geschehen soll, weiß niemand“. Nun, es will gelesen werden mit seinem geradezu expressionistischen Furor und seiner zeitlosen Zeitlichkeit: Ein kurzer Auszug aus dem Roman „Niemand. Nirgends. Eine archäologische Erzählung“ von dem serbischen Begründer der ‚wesentlichen Dichtung’, Boško Tomašević.

Romanauszug

Niemand. Nirgends

Von Boško Tomašević

Gestern Abend, vor dem Krieg

Die Seele ist der Verstand großer Menschen. Er war in prächtige Uniformen, Togen und Gewänder gekleidet, wie sie die Soldaten Cäsars trugen, die Garde Napoleons, die Grena­diere der Theresianischen Armeen, die Leutnante Kutuzovs, die preußischen Kaiser, die Armaden aller Armeen, die die Ge­schichte jemals auf diesem Erdenrund hervorgebracht hatte. In mir atmete, um meinen Körper rankte sich, was man in den verschiedenen Epochen menschlicher Sensibilität mit Eitelkeit und Ehrfurcht menschliche Seele nannte. Um ihn, um diesen toten Stamm, wand sich die Seele wie eine Aura. In diesem Exi­stieren, zwischen Segen und Einsamkeit, schlummerte in ihm wie in einem Streifen Raureif Gott. Ich konnte jeder sein. Einer ohne Ursache, Grenzen, Pflichten. Ein Wesen, in dem Ursa­chen, Grenzen, Pflichten und Gesetze wachen. Konnte all das zusammen in einer gegenseitigen Durchdringung sein. Hier und jetzt um mich herum, innerhalb der Mauern, die mich nicht mehr schützen, in meinem Haus, das bald ein Trüm­merhaufen sein wird, dämmerte der Morgen des ersten Tages des Krieges. Zunächst kam die Nacht, eine ausgelassene Nacht, eine Nacht voller Träume. Ich verstummte und trat ans Was­ser und der Vater sagte: „Geh weiter, hab keine Angst“, und die auf Maiskolbenblättern, tief wie der Wind gebettete Mutter sagte: „Er wird sich an mich nicht erinnern.“ Und das Rascheln der Blätter schien wie ein Berg aus Wind, während das Kind spielen ging, auf dem Brachfeld halbwilde Pferde liefen, über die Ebene riesige Staubwolken wirbelten, auf die ich trat, der­weil der Staub nach Sonne, nach einer nach Sonnenuntergang in ihre Koppel zurückgekehrte Schafherde roch, die meine Beine Staub sehen ließ, während es Nacht wurde und etwas am Abendhimmel entlang flog, möglicherweise eine Eule, de­ren Brausen sich auf einem rauschenden Baum beruhigte und Schatten durch das Gras krabbelten, in die Höhe wuchsen, bis ich nichts mehr sah. Wie alles um mich herum sein konnte, die wie Seide über einen sonnigen Tag gespannte Schönheit, die in vorherbstlicher Kühle zusammengekauerten Schatten in den Ecken des Hofes, das Gesumme der Insekten, blieb mir verborgen, doch man muss nicht alles verstehen, nur das Fallen war willkommen, war Teil der Natur der Bewegung, der Dinge, zeitlos, denn Zeit existiert nicht und das ständige Schauen auf die Uhrzeiger tötet nur das bisschen Verstand, das uns gegeben ist; so konnte ich immer diesem Schauen entrinnen, auf den Spiegeln schaukeln, die sich im Haus auf Duftwolken ausdehn­ten, immer vom Wunsch beseelt, alles möge so bleiben, wie es ist, und mir schien, dass die Luft, die die Mutter einst atmete, immer noch dieselbe ist, die jetzt geatmet wird, nur weiß ich nicht von wem und denke mir, einer atmet sie ein, denn so lautet das Gesetz unsers Weilens hier auf Erden, nichts kann beendet werden, von dem man behaupten könnte, es wäre vollendet, denn es gibt immer einen Augenblick nach dem Augenblick, der sich in der Ewigkeit verliert, so wie der Duft der Gewässer und Gräser auf die ein sommerlicher Platzregen fällt, so wie auf Weinen Lachen folgt und es Licht und Schatten gibt; Schweiß und Staub für immer mit dem Fleisch verbunden sind, denn kaum gerät das Gewebe in Bewegung, lässt es die Finsternis hinter sich und kümmert sich um keine Sünden, die immer nichtiger als das Leben sind, denn es kann keine Sünde sein, wenn der Schleim fließt, denn ohne Samen gibt es nichts und nur deshalb bricht die Erde auf und wird aus ihren Angeln gehoben, in dieser wie in jener Welt.

Schließlich wachte ich auf. Mein Mund war voll Erde.

Auszug aus: Boško Tomaševic, Niemand, nirgends. Eine archäologische Erzählung. Mit freundlicher Genehmigung © Erhard Löcker GesmbH, Wien 2018

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erstellt am 28.3.2019

Boško Tomaševic
Niemand, nirgends
Eine archäologische Erzählung
Aus dem Serbischen von Helmut Weinberger
Broschur, 250 Seiten
ISBN 978-3-85409-865-2
edition pen / Löcker Verlag, Wien 2018

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