In ihrem Roman „Die Wüstengängerin“ verwebt Alice Grünfelder die Geschichte zweier Frauen, die ins westchinesische Gebiet Xinjiang reisen, in dem das Volk der Uiguren lebt. Grünfelders literarisches Debüt enthält viele differenzierte Wahrheiten über China, findet Karin Betz.

Buchkritik

Chinas wilder Westen

„Du wirst es aber ganz anders machen, nehme ich an“, sagt der junge Student Alex zu Roxana, die in der Wüste Xinjiangs auf der Suche nach unentdeckten Höhlen mit buddhistischen Gemälden ist. Roxana macht vieles anders, sie reist nicht als Touristin durch Xinjiang, um Reiterheere und Kamele zu fotografieren. Sie reist allein, getrieben von dem Wunsch, zu lernen, mehr zu erfahren über ein Volk und ein Gebiet, das immer wieder vom chinesischen Kaiserreich erobert wurde, seit 1955 als Uigurisches Autonomes Gebiet Xinjiang Teil der Volksrepublik China ist – und über das bis vor kurzem wenig bekannt war. Dass das rund zehn Millionen Menschen zählende Volk der Uiguren Zeitungslesern in jüngster Zeit zu einem Begriff geworden ist, liegt vor allem an alarmierenden Nachrichten: Eine zunehmende Zahl politischer Häftlinge und „Verschwundener“, Umerziehungslager und blutige Zusammenstöße zwischen protestierenden Uiguren und chinesischen Sicherheitskräften.

Über die Romanheldin Roxana heißt es, sie interessiere sich nicht für Politik, „wenngleich sie sich zwangsweise immer mit den politischen Verhältnissen vor Ort auseinandersetzen musste“. Ähnlich geht es Linda, der zweiten Protagonistin des Romans, die zwanzig Jahre nach Roxana für ein Entwicklungshilfeprojekt nach China reist und zufällig auf die Spur der unter mysteriösen Umständen verschwundenen Roxana stößt. Hier, bei der Frage, was aus Roxana geworden ist, wird der Roman zum Krimi.

Die Sinologin Alice Grünfelder verwebt in ihrem Debütroman die Geschichte zweier Frauen, die sich nicht mit Behauptungen abfinden wollen, sondern sich selbst auf Wahrheitssuche begeben, zu einem in besten Sinne erkenntnisreichen Roman über weitgehend unbekanntes Terrain. Die Autorin geht dabei so bedacht vor wie ihre Heldinnen: Sie erschließt dem Leser Wege, sich ein eigenes Bild zu machen und die Geschichte für sich weiterzuspinnen, ohne ein moralisches oder politisches Urteil zu fällen. Fraglos ist die politische Dimension allgegenwärtig in diesem Roman, in dem gleich in einem der ersten Kapitel eine Reihe Menschen auf einem Platz der Stadt Turfan öffentlich wegen einer dubiosen Reihe von Vergehen an den Pranger gestellt und später hingerichtet werden. Sie schiebt sich immer wieder zwangsläufig vor die eigentliche Erzählung, die von zwei Frauen handelt, deren Natur ihnen gebietet, nicht ohne Mission zu reisen, und sich allein schon deshalb, weil sie Chinesisch sprechen, abheben vom Heer der Chinareisenden und Expats. Aber niemand vor Ort dankt ihnen ihre kulturelle Sensibilität, ihren Wunsch nach Verstehen und nach der Aufgabe der eigenen Denkmuster. Roxana erntet für ihr Forschungsinteresse nur Misstrauen, von uigurischer wie chinesischer Seite. Dass die Entwicklungshelferin Linda zwanzig Jahre nach Roxanas Verschwinden, frustriert von der Hinhaltetaktik der chinesischen Kooperationspartner ihres Projekts zum Bau von Brunnen in der Wüste, in einer Karawanserei Roxanas Aufzeichnungen in die Hand gedrückt bekommt, wirkt in Grünfelders Romananordnung nur folgerichtig.

„Das Weggehen hat mich nicht von mir befreit“, liest Linda in einem Brief, den Roxana an eine Freundin geschrieben und offenbar nie abgeschickt hat. Und dann „Es gibt keinen Ort, an dem ich mich vor mir selbst verstecken könnte.“ Zur Tatenlosigkeit verdammt, bringt die Entdeckung von Roxanas Aufzeichnungen Linda ihren eigenen Lebenslügen näher „weil sie das erste Mal Zeit hat (…) in einem Leben, das sie mit Hilfsprojekten in der ganzen Welt angefüllt und die Vergangenheit darunter begraben hat“. Und beschert uns eine der vielen treffenden Metaphern, die Grünfelder immer wieder für den Zustand ihrer Protagonistinnen (wie auch dem Chinas) findet: „(Begraben) unter Zement, aus dem das Gedächtnis zusammengesetzt ist, wohl wissend, das Zement verwittert, zerfällt und eines Tages enthüllt, was er verbergen wollte“.

Der Roman ist reich an solchen Bildern, die bis in seine Erzählstruktur reichen. Er beginnt bei Roxana in den frühen 1990ern, wechselt dann zwischen ihrer und Lindas Geschichte in den 2010ern hin und her, dann verweben sich beide Geschichten, bis Roxanas verschwindet und zu Lindas wird. Das passiert beiläufig und nimmt den Leser mit, bis ins Berlin der Gegenwart, wo genauso viel Schuld an Roxanas Geschichte zu finden ist wie in der Wüste Chinas. Vielleicht hält der Roman aus Furcht, den Leser zu überfordern, etwas zu viel an Erklärungen zur Geschichte Chinas und Xinjiangs bereit, die immer wieder in die Dialoge eingestreut sind. Andererseits ist hier nichts zu viel erzählt, im Gegenteil; in geschliffener, sehr bewusster Unschwafeligkeit wird auf nur 237 Seiten ungeheuer viel erzählt, weil die Autorin so viel Raum für die Fantasie des Lesers öffnet.

Der Topos der neugierigen Alleinreisenden, in dem sich jeder, der schon einmal mit dem Rucksack und einem „Lonely Planet“-Reiseführer in Indien, Ecuador oder an den Rändern Chinas unterwegs war, wiederfinden kann, ist nur ein Vehikel, um der Frage nachzugehen, was einen Menschen dazu treibt, so lange stur vom bequemen Weg abzuweichen, bis er verschwindet. Dazu muss man keine Frau sein und Die Wüstengängerin ist zum Glück alles andere als ein Roman über weibliche Selbstfindung. Die beiden Frauen wissen sehr genau, wer sie sind und was sie wollen. Wie „männlich“ das Thema ist konnte man schon in Filmen wie Sean Penns Into the Wild erleben.

Alice Grünfelders ungewöhnliches literarisches Debüt ist die wenig romantische, eher die schmerzliche Variante des Abenteuerromans. Und ein Roman, der sehr viel mehr differenzierte Wahrheiten über China beinhaltet, als die Flut der jüngsten Artikel über dieses Land, die zwischen der ignoranten Beschwörung einer „gelben Gefahr“ und halbherzigen ethischen Fragen an die Volksrepublik oszillieren. China, so lernen wir hier, will nicht verstanden werden. Die Klagen der chinesischen Regierung darüber, dass Ausländer leider nicht begreifen, dass China anders denke, sind doppelbödig, denn wer mit Sprachkenntnissen und großem Wissen ins Land kommt, ist oft alles andere als willkommen. Denn das ermöglicht, so manche Wahrheit hinter der Propaganda entdecken – oder zu verschwinden.

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 28.3.2019

Alice Grünfelder
Die Wüstengängerin
Roman
Gebunden, 237 Seiten
ISBN: 978-3-85990-338-8
edition 8, Zürich 2018

Buch bestellen