Zwischen Literatur und echtem Leben bewegt sich Malina, Ich-Erzählerin in Thomas Sautners Roman „Großmutters Haus“. Am Ende trauert sie um eine geliebte Autorin, hat aber auch ihre tot geglaubte Großmutter gefunden. Es ist ein vergnügliches wie tiefsinniges Buch, meint Gudrun Braunsperger.

Buchkritik

Sprung ins Leben

„Ein guter Roman gleicht einem Perpetuum mobile“: Der Roman schreibe sich mittels seines Endes fort. Auf den letzten Seiten von „Großmutters Haus“ lässt Thomas Sautner die Schriftstellerin Ilse Hofstetter das Leben mit einem Buch vergleichen: Die Leser würden annehmen, es sei zu Ende, „doch dann entdecken sie, hoppla, das waren nur die ersten Zeilen einer sich jäh auftuenden unendlichen Geschichte“.

„Den Quantensprung springen“, „den Theatersaal verlassen und raus ins Leben“ anstatt immer nur ein wenig mehr vom Gleichen zu erfahren, so lautet das Vermächtnis jener von der Protagonistin verehrten Autorin. Sie trägt vielleicht nicht zufällig denselben Vornamen wie eine angesehene österreichische Autorin, die vor wenigen Jahren wie diese in ihren Neunzigern verstorben ist. Ilse Hofstetters Romane hätten der Germanistikstudentin Malina „das denkbar Unerklärbarste nähergebracht: mich“. Diese wiederum hat den gleichen Namen wie eine der bekanntesten literarischen Figuren Ingeborg Bachmanns.

Es sind Angebote im freien Spiel der Assoziationen, die das Vergnügen an guter Literatur steigern. Ebenso vergnüglich wie tiefsinnig ist die Lektüre von Thomas Sautners Roman „Großmutters Haus“. Ein Roman, der an Metaphorik kaum zu überbieten ist, beschreibt er doch jenes Naturgesetz des Lebens, das seine Wirkmacht in einem Prozess entfaltet, der über eine spiralförmige Dynamik zurück zu sich selbst führt und zugleich auf einer höheren Ebene ankommt.

Der Raum, in dem sich dieser Prozess in Sautners Text entfaltet, ist das Spannungsfeld zwischen literarischer Fiktion und realem Leben. Am Ende betrauert die Ich-Erzählerin zwar den Verlust einer geliebten Autorin, von deren Tod sie aus der Zeitung erfährt, sie hat aber eine Großmutter gefunden, die bis zum Zeitpunkt, an dem die Handlung einsetzt, nicht Teil ihres Lebens gewesen ist. Im Kreislauf des Lebens begegnet die Enkelin in der Großmutter sich selbst und entdeckt die eigene innere Lebendigkeit, indem sie aus dem geschützten Raum der Literatur ausbricht und sich gestattet, zu erleben, wovon Literatur erzählt. In „Großmutters Haus“ erzählt sie davon, wie ein Sprung aus der Welt der Imagination hinein in den überwältigenden Reichtum des Lebens gelingt.

Bücher sind eine Chance

„Zwischen Buchdeckeln war die Welt weiter“, heißt es über Malinas Weltverständnis, ehe sie der Großmutter begegnet. Romane sind für sie keine Ablenkung vom Leben, sondern eine Rettung davor, „helle Inseln im seichten Tümpelmeer“: „All die Bücher machten mich stärker und sie machten mich verletzlicher, taten mir gut und taten mir weh, gaben mir Kraft und rissen mich in Abgründe, die zu sehen mir zuvor nicht eingefallen wäre.“ Sie sind eine Chance, eine Art Inkubator, sie legen Seiten in der Ich-Erzählerin offen, die sie sich selbst nicht zuzugestehen gewagt hätte, sie ermutigen sie zur Rebellion gegen das „Mittelmaß“, das „in meiner Kindheit und Jugend ringsum zur alles normierenden Selbstverständlichkeit erhoben worden war“.

Malinas Lebensplan, sich mit einem Teilzeitjob in einer Bücherei und einem Philosophie-, Germanistik- und Komparatistikstudium in der Welt der Bücher behaglich einzurichten, gerät durch die Begegnung mit Oma Kristyna ins Wanken. Malinas Großmutter ist „vielseitig und wandlungsfähig“, sie tut nicht nur, wonach ihr der Sinn steht, sondern entscheidet auch in jedem Augenblick neu, wer sie sein will. Im Familiensystem wird sie daher buchstäblich totgeschwiegen. Von ihrer Existenz erfährt Malina erst, als ihr der Postbote eines Tages eine Paket mit einem Packen Geldscheinen überreicht. Sie macht sich auf zum Haus der Großmutter, das zu ihrem Erstaunen ganz in der Nähe ihres Heimatorts im Grenzgebiet mitten im Wald liegt. Was für eine Großmutter! Eine Frau, die jedes Maß sprengt, in jedem Fall das Mittelmaß: „Als wäre sie an nichts gebunden, weder an ihr Alter, noch an ihr Geschlecht, weder an ihre Zukunft, noch an ihre Herkunft, ja, als wären selbst die Naturgesetze nur dazu da, dass Großmutter mit ihnen umsprang, wie es ihr gefiel.“

Das viele Geld kommt aus Großmutters Drogenplantagen hinter dem Haus, in dem Malina nun zwei Wochen in idyllischer ländlicher Umgebung verbringt. Malina wird nicht nur mit dem Gewerbe der Großmutter vertraut, sondern auch mit deren Hausfreunden, dem gräflichen Besitzer des großmütterlichen Anwesens und mit Jakob, dem es im wahrsten Sinn des Wortes die Sprache verschlagen hat.

Die Natur ist omnipräsent

Sautners großes erzählerisches Talent wird auf vielen Ebenen unter Beweis gestellt, etwa das des Satirikers in der grotesk-komischen Szene, in der der vornehme Graf Abbitte leistet, indem er auf Knien vor der Großmutter robbt. Die Beschreibung eines Sonnenuntergangs hat Sautner in der Sprache des 21. Jahrhunderts gegen den Strich gebürstet: „Am Horizont klebte, nur eine Armlänge entfernt, ein dick aufgetragenes Orange. Doch schon zerfiel es in ein Karminrot, das, kaum erblüht, in ausuferndes Violett zerfloss (…) Wären Wolken am Himmel gestanden, all die Farben wären leuchtend explodiert an ihnen und hätten, in diesem hellen Zustand, innegehalten verschwindend lange Zeit“. Die Intensität der Natur ist omnipräsent und tritt in vielerlei Gestalt zutage, etwa im Aufgebot der morgendlichen Vogelschar als Frühstücksfernseh-Show.

Thomas Sautner ist als Stilist auch Psychologe: Die nassforsche Sprache der Ich-Erzählerin drückt die mit Ohnmacht gepaarte Wut des weiblichen Geschlechts aus, die auf dem Weg durch das Dickicht empfunden wird, der gebahnt werden muss, um die eigene Rolle zu finden. Zugleich kaschiert dieser selbstbewusst-abgeklärte Chargon die Irritation über eine Großmutter, die aus der Rolle fällt. Aus der Utopie eines glücksverheißenden Versprechens hat die zur Unternehmerin konvertierte Hippie-Oma ein einträgliches Geschäftsmodell gezimmert: Über einen alten Freund, Besitzer eines elitären Nachtclubs und Mitglied eines „illustren Männerbundes“, vertreibt Oma Kristyna in der Hauptstadt ihre eigene Rauchwaren-Kreationen – eines ihrer Modelle trägt den sprechenden Namen „Godfather“. Hier tut sich ein neues Spannungsfeld zwischen den Generationen auf, dem die Enkelin mit Kopfschütteln über die Widersprüche der Alt-Achtundsechziger begegnet.

Sautners Roman ist ein vielschichtiger Text, der die Erzählebene als Sprungbrett hin zu magischen Momenten nutzt. Er entführt nicht nur in entlegenen Winkel eines paradiesischen Gartens, sondern auch in Momente der Einsicht. Etwa in die Qualität von Zeit, wenn sich die Dynamik zwischen der ungeduldigen Malina und dem sprachlosen Jakob überschlägt.

Alles fügt sich ein in ein kunstvolles Vexierbild, in dem die Grenzen zwischen Literatur und Leben fließend sind: „Welch großartige Romanfigur du abgäbest – Kristyna-Oma“.

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 21.3.2019

Thomas Sautner
Großmutters Haus
Roman
Gebunden, 252 Seiten
ISBN: 978-3-7117-2076-4
Picus Verlag, Wien 2019

Buch bestellen