Im Schatten der Bankentürme hat sich Frankfurt ein Forum für die Lyrik eingerichtet, bisher mit großzügigen Lyriktagen, nun mit dem Festivalkongress „Fokus Lyrik“. Bernd Leukert hat notiert, was er da hören und sehen konnte.

Festivalkongress »Fokus Lyrik« in Frankfurt

Der poetische Wanderzirkus

Was ist ein „Festivalkongress“? Sicher ein Kompositum wie „Flockensahneknäckebrot“. Zu den Sahnestückchen wären die Veranstaltungen zu rechnen, bei denen Poesie vorgetragen wurde; das Brot der Erkenntnis wäre demnach beim Rest der 25 Veranstaltungen gereicht worden. Genauere Aussagen darüber sind für einen einzelnen Menschen bei vielen zeitgleich abgehaltenen Gesprächsrunden schwer zu treffen, man kann nicht zum gleichen Zeitpunkt an verschiedenen Orten sein. Aber auch sonst wäre die Aufteilung in Pflicht und Kür zu einfach, um schön zu sein. Schon bei der „idealen Eröffnung“ trug Barbara Köhler ihre poetischen Wortfeldforschungen vor, lieferte der englische Avantgarde-Artist Stephen J. Fowler Blumen, Äpfel und Brezel essend eine PowerPoint gestützte, improvisierte absurde Performance, las der Schwede Magnus William-Olsson („Ich umarme die ganze verdammte Eröffnung“) ein Lautgedicht und andere groteske, zwischen Parnass und Gosse schwankende Poesie, sprudelte die Saxofonistin Angelika Niescier ihre sanften Klangkaskaden in die Leselücken, und die Medienwissenschaftlerin Christiane Voss verglich die vom Wind getriebenen Strauchbälle, die durch den Beginn eines Hollywood-Films rollen, mit der Lyrik, die man in die Mitte des Geschehens treiben sieht.

Mit diesem „Phantasma in fünf Stimmen“ begann die in mehrerer Hinsicht umfangreiche, bestens organisierte Veranstaltungsreihe, die mit ihrem Anspruch und mit ihrem Publikumszuspruch – die Säle, Räume und Kirchen waren voll bis überfüllt – wohl einzigartig dasteht. Das erstaunliche Interesse ist sicher nicht nur der Gelegenheit zu verdanken, die die lyrische Szene zur geselligen Selbstvergewisserung wahrnahm. Unter den über hundert Beteiligten – darunter auch einige prominente – waren für das lesende Publikum die Lyriker und Lyrikerinnen zu erleben, deren Namen es bisher nur aus ihren Gedichtbänden kannte. Nun waren sie in der Evangelischen Akademie, im Haus am Dom, im Museum für Moderne Kunst, in der jugend-kultur-kirche sankt peter, im Künstlerhaus Mousonturm oder im frankfurtersalon versammelt und sichtbar.

Poetische Wortfeldforschungen: Barbara Köhler in Frankfurt, 7. März 2019, Foto: Alexander Paul Englert

Einige der inhaltlichen Positionen, die auf den Gesprächspodien auffielen, mögen hier zitatweise skizziert sein. Trotz des Lyrikbooms der letzten zwanzig Jahre ist das Ansehen dieser Wortkunst bei den Deutschen – im Gegensatz zu unseren europäischen Nachbarn – nach wie vor niedrig anzusetzen, besonders bei denen, die Poesie bestenfalls vom Hörensagen kennen. Andere kennen nur einen utilitaristischen Zugang zu Gedichten, wissen genau, was gute und schlechte sind, und beladen sie mit Pflichten, so als wären wir Zeitgenossen Platons oder Luthers und die freieste Kunst wäre ihrem Gegenteil, dem Bekenntnis, unterstellt. Da hat das Gedicht den Krieg nicht verhindert, und dort die sozialen Probleme nicht gelöst. Der Zurichtungswille der Pädagogen, Theologen, Psychologen, Kunstrichter oder politisch gesinnter Dogmatiker ist erschreckend und schließt, neben dem individuellen Zugriff, vor allem das Kunsterlebnis aus.

Dazu machen sogar der Sache zugewandte Kritiker und Journalisten unüberlegt, unbewusst oder aus seltsamer Fürsorge für ihr Publikum Stimmung gegen die lyrische Kunst. Die Lyrikerin und Verlegerin Daniela Seel wies auf dem ersten der Gesprächspodien mit dem Thema „Neues vom Lyrikbegriff“ darauf hin, wie oft Gedichte mit den Beiworten „schwierig“, „schwer verständlich“ oder „Nischenkunst“ vorgestellt werden. Könnte das darauf hinweisen, dass den Feuilletonkritikern die jeweilige Lyrik nicht zugänglich ist? Die Schriftstellerin Ann Cotten sagte auf einem anderen Podium: „Ich wünsche mir eine bessere Kritik, eine mit einer ethischen Position.“ Und der Literaturkritiker Gregor Dotzauer, der vom Erschöpfungszustand des Romans sprach, fragte: „Warum schreiben die Kollegen nicht über Gedichte?“ Nico Bleutge erzählte, als Lyrikkritiker habe er in den Redaktionen keine ‚wissenden’ Ansprechpartner mehr. Es schien, als habe der Kulturjournalismus die Lyrikkritik ausgespien.

Es ist sicher nicht falsch, den Kongress „Fokus Lyrik“ als ein Forum zur Selbstverständigung der lyrischen „Community“ – wie der Lyriker Alexandru Bulucz den bunten Haufen von Poetinnen und Poeten nannte – aufzufassen. Selbstverständlich war man sich selten einer Meinung. Das begann schon bei der Bestimmung des Lyrikbegriffs, als die Klangkünstlerin und Hochschulprofessorin für Kultur-Ästhetik-Medien, Swantje Lichtenstein, behauptete, Lyrik sei undefiniert. Das ist zwar falsch, aber dient dem Plädoyer für eine Lyrik „auf der Höhe der Zeit“. Die Argumentation geht davon aus, dass die poetische Entwicklung international immer schon weiter und besser ist, als sie es in unserer „privilegierten, dekadenten“ Situation ist, und führt zum modernen Conceptual Writing des US-amerikanischen Konzeptkünstlers Kenneth Goldsmith und zu dessen “uncreative writing”. Dabei handelt es sich um ein rein quantitatives Konzept. Goldsmith stellte fest, dass nie so viel veröffentlicht wurde, wie in der digitalen Zeit. Unmengen an Texten und Wortschnipseln flössen durchs Netz. Warum müsse man da noch etwas Neues schaffen? Es wäre viel besser, man nähme schon existierendes Material und schaffe daraus literarische Werke. Darin bestünde die Revolution der Literatur und des Schreibens.

„Ich wünsche mir eine bessere Kritik“: Die Schriftstellerin Ann Cotten, Foto: Alexander Paul Englert

Auch fiel der Satz: Gedichte in Büchern ist eine komische alte Idee. – Abgesehen davon, dass immer mehr junge Lyriker ihre Gedichte von Mobiltelefonen ablesend vortragen, zielt die Bemerkung freilich auf die Verbreitung poetischer Texte im Netz einerseits, andererseits auf die bühnenwirksame Performance, die nicht nur dem theatralischen Entäußerungsbedürfnis der Sprechkünstler dient, sondern, wie die Literaturwissenschaftlerin Anna Bers bemerkte, im Gegensatz zum Gedichteschreiben, von den politischen Institutionen, von Rundfunk und Fernsehen oder privaten Sponsoren auch gefördert wird. Nun sind aber ausgerechnet die Profis der Performance der emphatischen Sezessionsidee nicht gefolgt. Der Schweizer Erzähler und Poet Michael Fehr, der wegen eines Augenfehlers nicht lesen kann, erklärte: „Das Buch ist eine sehr gute Konserve, ein Ort der Verbindlichkeit. Ich bin eine Ableitung des Buchs.“ Und die Sprachkünstlerin Nora Gomringer, die von Textinszenierung sprach, nicht von Performance, bekannte sich zur Schriftkultur: „Ich habe den kindlichen Wunsch, in einem Buch vorzukommen.“ Daniela Seel, deren Verlag kookbooks ein Aushängeschild zeitgenössischer Poesie ist, rehabilitierte denn auch den als obsolet geschmähten Begriff der Lyrik. „Lyrik“, sagte sie, „ist verdichtetes, formbewusstes Sprechen und Schreiben: Arbeit am Text. Ihre Gestaltung verlangt eine diskrete, nicht ortsgebundene Form. Die Performance hat einen anderen Zeitbegriff.“ Die Tänzerin und Lyrikerin Martina Hefter erwähnte allerdings auch das „Gefälle der Aufmerksamkeitsökonomie“, das die Performance nach sich ziehe.

Kurz, streng konservative Positionen wurden nicht vertreten, differenzierte wohl, jugendbewegte im Sinne einer Anklage immer wieder. So bemängelte der Lyriker Jan Skudlarek, dass man „vergeistigt“ von Wasserglaslesungen rede und die Poesie der Gegenwart, der Rap, gar nicht vorkomme. Die Verlegerin und Autorin Christiane Frohmann sprach sich dafür aus, der Jugend relevante Lyrik anzubieten. Die Rapper sprächen den Jungen aus der Seele, und „Fokus Lyrik“ ohne den Rapper Haftbefehl bedeute eine Ausgrenzung. Der Einwand des Lyrikers Durs Grünbein, dass es sich dabei um eine Sprache der Gewalt handle, die Rassismus wie Antisemitismus und Sexismus mit sich führe, wurde mit der Bemerkung, das gehöre nun mal zur DNA des Rap, beantwortet. Grünbein wies auf die Diskriminierung in der Dichtung überhaupt hin und befand, Poesie sei nicht per se das Aufgeklärte, also politisch kritisierbar.

Befeuert von der Migrationsthematik kamen die Probleme der Fremdsprachigkeit in die Diskussion, die Nöte und Benachteiligungen in Deutschland lebender, nicht Deutsch sprechender Ausländer, die sich vom Literaturbetrieb ausgeschlossen fühlen. Selbstverständlich wäre ihre Situation in jedem anderen Land ähnlich. Aber es gibt in Deutschland dennoch spezifische Konstellationen. Wenn ein Verleger dem syrisch-palästinensischen Autor Ramy Al-Asheq untersagt, über Auschwitz zu schreiben, und er von deutscher Seite aufgefordert wird: „Schreib über Deinen Schmerz!“, stoßen politische Beschneidung und überhebliches Wohlwollen auf beleidigende Weise zusammen.

Der Lyriker Max Czollek fragte: „Warum orientiert sich die Lyrikszene an nationalen Grenzen?“ Als Antwort auf diese Frage sei das internationale Lyrikprojekt „Babelsprech“ entstanden, das er mitbegründete. Damit war das Thema der Übersetzung im Gespräch, und zwar auf mehreren Podien. Die Lyrikerin, Übersetzerin und Essayistin Lea Schneider fand es „inakzeptabel“, dass eine Lyrikerin oder ein Lyriker keine Fremdsprache beherrscht und daraus übersetzt, behauptete andererseits, die deutsche Poesie sei ohne Gefühle, sei akademisch. Sie verwies auf die 3000-jährige Geschichte des Prosagedichts in China: „Die Chinesen halten deutsche Gedichte für lächerlich.“

Martin Piekar las im „frankfurtersalon“ aus dem letzten Buch von Paulus Böhmer, Foto: Alexander Paul Englert

Die Autorin und Übersetzerin Marie Luise Knott stieß bei der Suche nach einem genuinen Austausch lyrischer Texte über Sprachgrenzen hinweg auf die dritte Sprache, die oft als Fähre auf dem Weg in die eigene Sprache genutzt wird: das Englische.

Evgenia Lopata, die Leiterin des Internationalen Lyrikfestivals Meridian Czernowitz, und der slowenische Dichter und Übersetzer Aleš Šteger bestätigten das und sahen darin durchaus ein Problem. Der permanente Komparativ mit vielen anderen Sprachen, wie etwa auf der Plattform „Versopolis“, sei, so Šteger, heilend gegen den Nationalismus. Die Vermittlung hochentwickelter Lyrik geschehe aber zu oft über das Englische, und das sei offensichtlich schlechter. Der Büchner-Preisträger Jan Wagner schlug deshalb als Gegengewicht zum Englischen den Versschmuggel vor – über Schmugglerwege jenseits von Straßen und Autobahnen, wie Marie Luise Knott formulierte: „Schmuggel über das Nichtverstehen“.

Wenn der Rezitationsabend, an dem Jan Wagner zusammen mit der Schriftstellerin Monika Rinck den Band „Grand Tour“ vorstellte, den er mit dem italienische Lyriker und Literaturwissenschaftler Federico Italiano herausgegeben hat, („Eine Reise durch die junge Lyrik Europas von Albanien bis Zypern“) und die mit Musik des ungarischen Mundharmonikaspielers und Loopkünstlers Andy Vazul, sowie überbordender Poesie von Verity Spott, Kim Hyesoon, Tim Holland, Ann Cotten und anderen gefüllte Schlussveranstaltung aufwendig und in ritueller Feierlichkeit präsentiert erschienen, geschah in der „Nachtblende Lyrik – Frankfurter Abend“, veranstaltet vom Salon Fluchtentier und dem gutleut verlag, was Nora Gomringer als „kommunionartiges Wirken mit dem Publikum“ bezeichnet hat. Dicht gedrängt saßen und standen Lyrikerinnen, Lyriker, Kritiker, Literaturvermittler, Prominente und das ganz normale Publikum in dem Kaffeehaus „frankfurtersalon“ in der Innenstadt, amüsierten sich über die lakonisch-witzigen Lieder, die Nils Brunschede am Klavier vortrug, und lauschten atemlos, wie Caroline Danneil, Julia Grinberg, Julia Mantel und Alexandru Bulucz ihre letzten und ganz neuen Gedichte vortrugen. Großer Abschluss des Abends: Der Lyriker Martin Piekar las souverän einen größeren Abschnitt des letzten Buches von Paulus Böhmer, „NO HOME“, – Böhmer war während der Planungen für „Fokus Lyrik“ gestorben. Die lebenden dichtenden Menschen werden sich in anderen Städten bei Lesungen und Festivalkongressen wiedersehen. Denn, so mutmaßte Jan Wagner, „Weil Poeten ständig im Wanderzirkus unterwegs sind, haben sie scheinbar kein Zuhause.“

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Kommentare


Axel Dielmann - ( 21-03-2019 11:46:13 )
Respekt, diese überbordende und an Aspekten mehr als reiche Gesamt-Veranstaltung so konzise zusammengefaßt zu bekommen!

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erstellt am 19.3.2019

Foto: Alexander Paul Englert
Foto: Alexander Paul Englert
Weitere Informationen

www.fokuslyrik.de