Die Opéra de Lyon veranstaltet einmal im Jahr ein kurzes Festival. Diesmal stand es unter dem Motto „Leben und Schicksale“. Thomas Rothschild hat sich die Premieren von Tschaikowskis „Zauberin“ und „Dido und Aeneas, remembered“ nach Purcell angesehen.

Opernfestival in Lyon

Russische Wirtin und karthagische Königin

Von Pjotr Iljitsch Tschaikowski werden in unseren Breiten die immer gleichen Opern gespielt: „Eugen Onegin“, „Pique Dame“ und „Jolanthe“. Dabei hat der prominenteste russische Komponist zehn Opern geschrieben. „Die Zauberin“ von 1887, in Deutschland erst 1939 durch einen Zufallsfund entdeckt und bald darauf, nach dem Überfall des Deutschen Reichs auf die Sowjetunion, verboten, ist auch heute so gut wie unbekannt. Zu Unrecht, wie man jetzt bei dem jährlichen kleinen Festival an der Oper von Lyon feststellen konnte. Selbst in Russland gab es seit der Uraufführung nur wenige Inszenierungen, die jüngste eben erst am Ort der Handlung, in Nischni Nowgorod. Der Reichtum an musikalischen Erfindungen, für die Tschaikowski eher als für deren Verarbeitung gerühmt wird, lässt einen Vergleich mit den zuvor genannten Werken durchaus zu. Wie in zahlreichen Kompositionen macht Tschaikowski reichlich von folkloristischen Einflüssen und Wiederholungen Gebrauch. Entsprechend hat der Chor in der Eingangsszene einen großen Auftritt, ehe er aus der Partitur und, jedenfalls im Libretto, von der Bühne verschwindet. Erst im hochdramatischen Finale sorgt er dann für einen Ruhepol.

Das Libretto, das aus einem drei Jahre zuvor veröffentlichten und übrigens als Stummfilm adaptierten Drama von Ippolit Schpashinski hervorgegangen ist, führt ins Nischni Nowgorod des 15. Jahrhunderts, an die Mündung der Oka in die Wolga, und handelt, auf sein Skelett reduziert, von der schönen Wirtin Nastasja, genannt Kuma (Elena Guseva), über die der fürstliche Schreiber Mamyrow (Piotr Micinski) – ein Verwandter von Schillers Wurm und als Intrigant natürlich ein Bass – das Gerücht verbreitet, sie sei eine Zauberin. Während sich Nastasja in den Sohn des Fürsten Kurtjatew Juri (Migran Agadzhanyan) verliebt, macht sich der Fürst (Evez Abdulla) selbst an die verführerische Frau heran. Nach einigem Hin und Her ermordet die Fürstin Eupraxia (Ksenia Vyaznikova), angestiftet von Mamyrow, die unschuldige Rivalin. (Die Besetzung orientiert sich in Lyon offenbar an der Beherrschung der russischen Sprache.) So weit, so melodramatisch, und eine Variante des Motivs von der Denunziation erotischer „Bedrohung“ als Hexerei.

Fragwürdige Inszenierung, perfekter Gesang: „Die Zauberin“, Foto: Opéra de Lyon / Stofleth

Von all dem erkennt man allerdings in Lyon sehr wenig. Was der ukrainische Regisseur Andriy Zholdak von Oper hält, gibt er gleich zu Beginn zu verstehen. Nicht Musik eröffnet den Abend und auch kein Bühnengeschehen, sondern Film. Angeblich ist Zholdak von Ingmar Bergman und Andrej Tarkowski beeinflusst. Bergmans „Zauberflöte“ und Tarkowskis „Boris Godunow“ haben jedoch keine Spuren hinterlassen. Die beiden Genies kannten noch den Unterschied zwischen einer Oper und einem Film. Für Zholdak ist alles eins. So weit, so modisch. Auch ansonsten kümmern ihn das Libretto und die Musik wenig. Beide sind in Text und Partitur prononciert russisch. Die Kirche aber, die Daniel Zholdak ins Zentrum der breiten Bühne gestellt hat, ist nicht etwa russisch-orthodox, sondern unverkennbar katholisch, und der Intrigant Mamyrow schleicht, versehen mit einer Virtual-Reality-Brille, als nosferatuähnlicher katholischer Pfarrer, lebensnah besetzt mit einem Polen, über die Szene. Zholdak stopft, ehe ihm die Luft ausgeht, die geteilte Bühne – links ein Schlafzimmer, in der Mitte der Kirchenraum, rechts die Andeutung von Nastasjas Wirtshaus – voll mit Arrangements, die ebenso gut für „Lucia di Lammermoor“ oder „Die Teufel von Loudon“ geeignet wären. Die Musik erzählt eine andere Geschichte als der ebenso phantasiebegabte wie profilierungssüchtige Regisseur.

Prinz Juri tritt zunächst als indischer Maharadscha aus einem Schrank und verstreut Goldflitter. Im Zweiten Akt reduziert sich das Panoramaspektakel zu einem Kammerspiel mit Irritationsmomenten wie auf dem Boden robbendem Dienstpersonal. Treffend ist jene Szene, in der das Bild der „Zauberin“ den verhexten Fürsten verfolgt: die Besessenheit der Liebe oder vielmehr: der Geilheit wird da überzeugend szenisch umgesetzt. Die Hexerei wird durch katzenartiges Fauchen, per Video vergrößert, verbildlicht. Tschaikowski goes Cats. Mamyrow wiederum offenbart spät einen Teufelsschwanz. Na ja, kein Wunder bei einem katholischen Pfarrer. Auch am Schluss darf die Oper bei Zholdak nicht musikalisch ausklingen. Mamyrow, mittlerweile im grünen Zivil, spielt Tennis. Auf der Geräuschebene endet der Abend mit dem Aufprall der Tennisbälle. Aha.

So fragwürdig die Inszenierung ist, die auch entsprechend ausgebuht wurde, so vollkommen ist der Gesang. Elena Guseva ist eine makellose Nastasja, allenfalls im Volumen von Ksenia Vyaznikova in der unsympathischen Rolle der Fürstin übertroffen, und Migran Agadzhanyan verleiht seinen Juri einen Schmelz, der den Wunsch erweckt, ihn als Lenski in „Eugen Onegin“ oder als German in „Pique Dame“ zu hören.

Purcell goes Performance: „Dido und Aeneas, remembered“, Foto: Opéra de Lyon / Blandine Soulage

Die zweite Premiere innerhalb des Festivals trug den Titel „Dido und Aeneas, remembered“. Der Regisseur David Marton, spezialisiert auf abstruses Musiktheater im Schatten von Christoph Marthaler, hat Purcells kurze Oper unter Verwertung von Versen Vergils, die bei dem englischen Komponisten nicht vorkommen, um Zutaten des finnischen Gitarristen Kalle Kalima und der Schweizer Gesangsvirtuosin Erika Stucky erweitert.

Zu Beginn betätigen sich Jupiter und Juno, die bei Purcell nicht auftauchen, in antiken Gewändern als Archäologen und graben ein Smartphone, eine Computermaus und Fernbedienungen aus. Wieso wir das so genau wissen? Erraten! Weil es als Videobild auf die Rückwand aufgeblasen wird.

Einzelne Szenen finden auf Nebenbühnen statt, die vom Zuschauerraum aus nicht zu sehen und daher auf Videoprojektionen angewiesen sind. Opernchef Dorny erklärt, dass die Inszenierung eigentlich in einem Industrieambiente stattfinden müsste wie beim Koproduzenten, der Ruhrtriennale, wo man die Seitenräume auch sehen werde. Schön und gut. Wenn das aber so ist – warum präsentiert man die Premiere überhaupt im Notbehelf eines Opernhauses? Es ist, als schüttete man Schokoladensauce über einen Bismarckhering, die eigentlich für Profiteroles gedacht ist.

Kalle Kalima hat sensible, flächige Kompositionen beigesteuert, die sich an den Übergängen von Purcells Harmonien inspirieren lassen. Erika Stucky hingegen macht, was sie immer macht. Es sind nur mühsam camouflierte Solo-Einlagen. Purcell goes Performance.

Sehr spät versammelt sich der Chor, der zuvor nur im Video aufgetreten ist, auf der Bühne. Akustik ist also doch nicht Nebensache. Und dann singt Alix Le Saux die berühmte Wehklage „When I Am Laid in Earth“ vorne an der Rampe, ganz ohne Video. Sollte David Marton ahnen, was Oper ist?

Na ja, es gibt einen Nachschlag. Jupiter vergräbt die Computermaus und Elektrokabel im Videobild. Wir sind wieder auf der Höhe der Zeit.

Vielleicht hätte ich dem Abend noch etwas abgewinnen können, wenn die schrille Dame aus der Entourage des Ensembles mir nicht ihre überbordende Begeisterung in die Ohren gejohlt hätte, als würde sie an schwerer Verstopfung leiden, wenn sie auf Selbstdarstellung verzichtete und einfach nur Beifall klatschte. Die hysterische Claque nimmt einem die Lust, auch nur höflich zu reagieren. Sie benötigt einen Ausgleich.

Offenlegung: Die Opéra de Lyon ermöglicht ausgewählten Rezensenten durch Übernahme der Reise- und Übernachtungsspesen die Besprechung ihrer Produktionen. Diese Rezension wäre ohne solch eine Einladung nicht zustande gekommen. Die Wahl der Opéra de Lyon, der einzigen nicht deutschsprachigen seit 1992 außer der Brüsseler Oper La Monnaie, zum Opernhaus des Jahres 2016/17, möglicherweise auch nicht.

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erstellt am 18.3.2019

„Dido und Aeneas, remembered“, Foto: Opéra de Lyon / Blandine Soulage

Opéra National de Lyon

www.opera-lyon.com