Tuschicks Kolumne

Wer war Kafka?

Dem Nachlassfall Brod/Kafka folgte der wichtigste Prozess in Israel, seit Adolf Eichmann vor Gericht gestellt wurde. Das erklärte Benjamin Balint, Autor von „Kafkas letzter Prozess“, in Berlin. Jamal Tuschick war dabei.

Max Brod muss ein großartiger Freund gewesen sein. Er sicherte jeden von Franz Kafka beschrifteten Zettel und führte ihn einem Konvolut der Selbstlosigkeit zu, das ihn ins Exil begleitete. Brod war als Kafkas Nachlassverwalter zudem autorisiert, die Handschriften, Nebenerzeugnisse und Randnotizen des Erblassers den besten Zwecken zuzuführen. So versorgte er Kafkas Nichte Marianne Steiner, die 1939 nach England emigriert war, mit dem, was er als ihr Erbe ansah, das dann in Oxford der Auswertung zugänglich gemacht wurde.

Die Übergabe umfasste fast alles, was Brod in einem Koffer kurz vor dem Einmarsch der deutschen Truppen in die Tschechoslowakei außer Landes und weiter nach Jerusalem geschafft hatte. Während der Suezkrise 1956 flog der Schatz nach Zürich.  

Die Akademisierung Kafkas in Oxford bot sich einer Partei in der Auseinandersetzung als Keil an. Die englische Universitätsstadt als eine Zentrale der Kafka-Rezeption rückt das Werk dicht an ein Weltkulturerbe. In den Auseinandersetzungen vor Gericht argumentierte so die sich um den Nachlass geprellt fühlende Marbacher Literaturarchivleitung. Die Kanonisierung des deutschsprachigen Autors hat, von Deutschland ausgehend, eine europäische Dimension, während es in Israel noch nicht einmal eine Kafka-Straße gibt.

Das führte Balint aus, mit Sympathien für die surrealen Volten in einem Verfahren, das jede Position desavouierte – und eine salomonisch auf die Zukunft zielende Lösung herbeiführte, in der die Aufforderung steckt, Kafka ganz oben auf der literaturwissenschaftlichen Agenda Israels zu platzieren.

2016 entschied das Oberste Gericht in Israel, dass die Hinterlassenschaft Max Brods mit wichtigen Handschriften von Kafka nicht in Privatbesitz bleibt. Benjamin Balint dokumentiert in „Kafkas letzter Prozess“ das Verfahren und seine historischen Voraussetzungen.

Der einigermaßen mittellose Brod revanchierte sich in Israel für diverse Dienste, die ihm die gleichfalls aus Prag eingewanderte Ilse Ester Hoffe leistete, mit der an Hemmungen einer freien Verfügung gebundenen Preisgabe von Stücken seiner Kafka-Sammlung. Postum war Ester Hoffe nach Brods letztem Willen nur noch eine Verwahrerin der Sachen ohne Verfügungsgewalt. Doch steht außer Zweifel, dass sie Grund hatte, das anders zu sehen. Brod starb 1968, und ein paar Jahrzehnte schaltete Ester Hoffe als Erbin ziemlich frei. Sie verfügte über die Manuskripte von Kafkas „Process“, „Beschreibung eines Kampfes“ und „Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande“. Sie verkaufte Handschriften. Nach ihrem Tod betrachteten sich Hoffes Töchter Eva und Ruth als ungebundene Erbinnen. Das Verbliebene wollten sie dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach verkaufen. Dagegen wehrte sich die Hebräische Nationalbibliothek und forderte Herausgabe eines israelischen Kulturgutes.

Balint, der die deutsche Ausgabe seines Buches für die wichtigste und sogar für ein Herzensanliegen hält, stellte die Fragen aller Fragen: Wer war Kafka? Ein jüdischer Autor deutscher Sprache? Ein Tscheche, der seine Bücher auf Deutsch schrieb? Eine Jahrhundertgestalt, die im Eros der Epochen stets jung bleibt?

An der Fassade eines Berliner Logierhauses fand Balint eine Inschrift, die Kafka zum Österreicher erklärt. Der Autor nannte Jerusalem den Endpunkt allen Jüdischen. So implizit teilte er seine Zustimmung zum Urteil mit. Er wies noch daraufhin, wie verwoben Brods Nachlass mit Kafka ist. Brod habe Bemerkungen des Freundes festgehalten und in seinem Tagebuch auch ein Bild von Dora Diamant verwahrt, das ihrer Familie Jahrzehnte nicht bekannt gewesen sei.

Benjamin Balint, Kafkas letzter Prozess, aus dem Englischen von Anne Emmert, Berenberg Verlag, 331 Seiten

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erstellt am 15.3.2019

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll in seine Kolumne auf Faust Kultur.

Benjamin Balint, Foto: Jamal Tuschick
Der Autor und Übersetzer Benjamin Balint, Foto: Tuschick