Jan Bonnys Film „Wintermärchen“ erzählt von Becky und Tommi, einem gelangweilten Paar, das sich mit einem Freund zur Terrorzelle zusammenschließt, um öffentlichkeitswirksam Migranten zu ermorden. „Wintermärchen“ ist radikales Kino am Abgrund, meint Jens Balkenborg.

Filmkritik

Wintermärchen? Von wegen!

Jan Bonnys Film ist eine Zumutung. Zwei Stunden mit drei kaputten, triebgesteuerten Menschen, die permanent ausrasten, die saufen, herumvögeln und zwischendurch Menschen mit Migrationshintergrund töten. Keine Sympathie, keine Empathie. Auch die Nähe der Bilder von Kameramann Benjamin Loeb ist heimtückisch: Es gibt keine Totalen, sondern eine Unmittelbarkeit, die wehtut, die wehtun soll. Man will nicht sehen, was die Drei da treiben in ihrer kaputten Welt, aber entziehen kann man sich auch nicht.

Ebenso spöttisch wie der Filmtitel sind die vier Buchstaben, die zwischendurch im Hintergrund auf einem Regal zu sehen sind: H O M E. Sweet ist gar nichts in den spärlich eingerichteten vier Wänden, in denen zunächst nur Becky (Ricarda Seifried) und Tommy (Thomas Schubert) hausen. Die beiden sind so etwas wie ein Paar, oder besser: die pervertierte Version davon. Sie schwankt zwischen depressiv und extrem cholerisch, er kriecht anfangs durch die Szenen wie ein unterwürfiger Köter.

Verstehen tut man die beiden nicht, soll man auch nicht. Bonny verweigert zunächst einen psychologischen Zugang. Man ist ihnen nah und zugleich fern, diesen rechtsradikalen Maximalverblendeten, wenn sie Schießübungen im Wald machen oder durch eine Straße fahren auf der Suche nach einem Ziel. „Was ist mit dem?“ fragt sie bei jedem irgendwie ausländisch aussehenden Passanten. Die meiste Zeit verbringen die beiden in ihrem „Zuhause“, gelangweilt in maroder Zweisamkeit. Er will Sex, kann aber die eigene Lust nicht halten. Sie schreit herum, besäuft sich, macht ihn klein und befriedigt sich mit dem Brausekopf in der Badewanne.

Es gibt nichts, was es dem Zuschauer „leichter“ macht, keine Musik und vor allem kein Weggucken. Man ist bei allem dabei, was diese in physischer Höchstleistung aufspielenden zwei, und schließlich drei Hauptfiguren treiben. Mit der Ankunft Maiks (Jean-Luc Bubert) wird es noch heikler. Der rennt meist nackt herum – „Ich hab richtig dicke Eier“ keift er zum Begrüßungsstriptease – und treibt es mit Becky, während Tommy vor der Schlafzimmertür onaniert. Und wenn die Drei sich nicht gerade gegenseitig zerstören oder vögeln, gehen sie auf ihre Feldzüge, töten türkischstämmige Supermarktbetreiber oder Mitarbeiter in einer Anwaltskanzlei. Sie wollen berühmt werden mit ihren amateurhaften Attentaten.

„Wintermärchen“ ist radikales Kino am Abgrund, das in seiner Konsequenz an einen Gaspar Noé denken lässt. Auch wegen jener Begegnung von Feuerlöscher und Gesicht, die man in expliziterer Version aus „Irreversibel“ kennt. Bei Bonny gibt es allerdings weder Noés ästhetischen Anarchismus noch das intellektuelle Gehabe eines Lars von Trier. Sondern einfach zu Film gewordene Verstörung, erzählt in blassen, langen Einstellungen, teils mit Homevideo-Charakter. Man kann diesen Film nicht mögen, er ist abstoßend. Und lässt einen gerade deshalb nicht kalt. Ist das genial-böse Erbarmungslosigkeit oder doof radikal um der Radikalität Willen? Ein schmaler Grat.

Auch wenn ein Bezug zum NSU nicht nur wegen der Dreieckskonstellation nahe liegt: „Wintermärchen“ ist keine Aufarbeitung der Geschichte von Beate Zschäpe und Co., wie sie Christian Schwochow mit „Die Täter – Heute ist nicht alle Tage“ in beklemmender Authentizität geleistet hat, will das nicht ansatzweise sein. Es gibt kein sichtbares Nazi-Netzwerk, bis auf einen Kurzauftritt von Lars Eidinger als ungehörten „Führer“. Bonnys Film ist mehr ein Versuchsaufbau für ein extremes soziologisches Experiment, auf Handlungs- und Rezeptionsebene.

Bei der Frage nach dem Warum bricht Bonny schließlich mit seiner Radikalität und lässt die zuvor schon in wie Fremdkörper wirkenden Szenen angedeutete Antwort konkret, ja zu konkret werden. So gut das gemeint sein mag: Dieses Trio mit all seiner Kaputtheit passt nicht in den Ärzte-Song hinein, der da am Ende geflüstert wird.

Der Text ist in der Ausgabe 3/2019 der Monatszeitschrift epd Film erschienen.

Filmtrailer: „Wintermärchen“

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erstellt am 08.3.2019

„Wintermärchen“, Kinostart: 21. März 2019