Der Literaturkritiker Andreas Platthaus hat einen Versuch zum Ende des Ersten Weltkriegs 1918 sowie den darauffolgenden innenpolitischen Kämpfen und Auseinandersetzungen um den Versailler Vertrag vorgelegt. Platthaus‘ ausgewogene Studie animiert Bruno Laberthier zu einem Vergleich mit seinem Geschichtslehrer.

Sachbuch

Hundert Jahre Kriegsverlierer

Ein guter Freund beschenkt mich hin und wieder mit Publikationen der Zentralen für politische Bildung. Dort gibt es die frischen Titel anerkannter Sachschriftsteller quasi zum Selbstkostenpreis, während dieselben Neuerscheinungen bei den etablierten Verlagshäusern für den üblichen Ladenpreis zu haben sind. Der Freund ist nun alles andere als seinerseits ein Freund des billigen Jakobs, und ich schätze seine Aufmerksamkeiten wegen seiner Sensibilität für den Beschenkten (mich) und meine thematische Genusszonen sehr.

Zuletzt durfte ich Andreas Platthaus‘ 18/19 auspacken und lesen, eine jubiläumsjahrhundertgenau lancierte Darlegung über das Ende des Ersten Weltkriegs und „Deutschland zwischen Revolution und Versailles“ (so der Untertitel).

Warum nicht, dachte ich, wenn die letzte ausführlichere Beschäftigung mit dem Thema erstens schon etwas her und zweitens durch einen pädagogisch sehr guten, in puncto gesellschaftspolitischer Einstellung aber etwas anrüchigen Geschichtslehrer gefiltert war. Hätte die Darstellung von Platthaus, die am Ende ihrem „wichtigsten Leser“ Dietmar Dath dankt, anstelle von Zeiten und Menschen, Band 3 (³1976) und dessen Exegese durch Herrn N. den Grundkurs Geschichte besser gemacht?

Der Krieg nach dem Krieg

Andreas Platthaus beschreibt eine Gleichzeitigkeit der Ereignisse ab Herbst 1918. Auf der einen Seite steht dort ein durchaus selbst angezettelter Weltkrieg, der nicht mehr erfolgreich gestaltet werden konnte, was Militärs wie Paul von Hindenburg und den gerissenen Erich Ludendorff (die in dieser Phase noch viel zu kamellen hatten) zu gesichtswahrenden Stehversuchen animierte. Diese Nummer der Obersten Heeresleitung ging auf, denn als die Alliierten, allen voran die Franzosen unter dem Hindenburggegenüber General Ferdinand Foch und Ministerpräsident Georges Clemenceau, einen Friedensvertrag aufzusetzen und gleichzeitig die Daumenschrauben anzulegen begannen, schlug sich die kaiserliche Armee in die Büsche (und der Kaiser in die Abdankung nach Doorn, Niederlande) und überließ das Feld den Politikern, die durch ihre Konditionierung auf das System Kaiserreich nicht selten überfordert waren und trotzdem ein Ende des Krieges mitzubesiegeln hatten.

Auf der anderen Seite brodelte es an der Basis des nunmehr entkaiserlichten Staatswesens Deutschland. Seit 1917 schien die kommunistische Denke trotz – oder wegen – des Separatfriedens mit Russland von Osten aus auf Deutschland überzugreifen und dort die innenpolitischen Kräfteverhältnisse zu beeinflussen. Revolution lag in der Luft, Räterepubliken wurden ausgerufen und ihre Protagonisten im Gegenzug kaltgemacht: Kurt Eisner stirbt in München, namhaftere Opfer sind bis heute Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Der Krieg nach dem Krieg war vor allem ein innenpolitischer: eine Art Bürgerkrieg um die Ideologie, die in Deutschland vorherrschen sollte.

Der Druck von außen und der im Inneren summierten sich zu einem Dilemma, das „Deutschland“ um ein Haar um Kopf und Kragen gebracht hätte, so stellt es 18/19 dar. Der Frieden von Versailles war am Ende eine Kröte, die von der Regierung in Berlin geschluckt werden musste. Immerhin gerierten sich die amerikanischen und britischen Alliierten weniger revanchistisch als die Franzosen um Clemenceau. Und wenigstens war damit Deutschland nicht von der Karte, sondern konnte sich in der Weimarer Republik in nicht(teil)monarchistischer Demokratie üben: wenn auch mit Schimpf und Schand-Vertrags-Vorwürfen aus der Ecke, die zuvor militärisch versagt und verhandlungspolitisch das Feld anderen überlassen hatte.

Das alles entspricht dem Programm aus dem Geschichtsunterricht von 1985. Und wie damals hat es eine eingebaute Teleologie auf die Gegenwart und ihre nach hundert Jahren immer noch bruchlos deutschlandgewohnte Leserschaft.

Deutschland musste den „Gewaltfrieden“ von Versailles unbedingt und alternativlos unterzeichnen, denn sonst …? Die Kriegshandlungen wären wieder aufgeflammt, und das bei einem demobilisierten Reich. Andererseits hatte seit Ende 1918 kein geringerer als US-Präsident Woodrow Wilson, seit dem Kriegseintritt seines Landes so etwas wie der primus inter pares der Alliierten, seine Vision eines Völkerbundes entworfen, was mittelbar bedingt hätte, dass beim Bad Case-Szenario eines Scheiterns der Verhandlungen mit Deutschland als Ganzem solche mit seinen Einheiten hätten erfolgen müssen, den Klein- und neuerdings Freistaaten auch räterepublikanischen Zuschnitts.

Diese Szenarien spielt Platthaus durch, fremdelt aber erkennbar mit ihnen. Verteidigt und durchgesetzt – auch im emplotment von 18/19 und dessen Spin – wird vielmehr die Vorstellung eines ungeteilten, unzersplitterten, ganzen Nationalstaates Deutschland. In dieser Hinsicht wirkt das Buch manchmal selbst etwas staatsräsonistisch und stellt eine Alternativlosigkeit aus, die sein Lesepublikum heute kaum hinterfragen dürfte, die aber zwischenzeitlich zur größten Katastrophe des 20. Jahrhunderts geführt hat.

Schlaglichter auf die im Schatten

Dabei ist 18/19 kein Wohlfühlbad für Hyperpatrioten, die sich und ihr Deutschland seit jeher in den Nachteil gesetzt fühlen. Auch wenn die Knebel im Juni 1919 in Versailles stramm angelegt waren, so dass sich auf deutscher Regierungsseite erst nach einiger Suche Unterzeichnungsberechtigte und –bereite fanden: Als Opfer konnte sich Deutschland unmöglich fühlen, daran lässt Platthaus‘ Darstellung vor allem dann keinen Zweifel, wenn sich der Blick weg von den fünf Großalliierten (neben Frankreich und den USA sind dies Großbritannien und Italien sowie quasi im Beiboot Japan) auf die besonders gebeutelten kleineren Länder und Nationalökonomien richtet. Belgien erwischte der furor teutonicus besonders heftig, in Leuven etwa fackelten deutsche Truppen die Universitätsbibliothek nieder. Brasilien wurde von Deutschland die Zahlung von bereits gelieferten Waren verweigert, außerdem sackte es mit Eintritt des lateinamerikanischen Landes in den Krieg ganze Schiffsladungen an Kaffee ein, einem der wichtigsten brasilianischen Exportgüter. Wer weiß sowas in Deutschland noch? Mein Geschichtslehrer von damals wusste es nicht, oder wollte es nicht wissen.

Die Berücksichtigung von Ereignissen wie diesen, die im Schatten des grand récit eines deutsch-alliierten ‚Kriegs nach dem Krieg‘ um die endgültige Friedenvertragsfassung stehen, machen Platthaus‘ Buch besonders lesenswert. Dasselbe gilt für einen Exkurs in die Notizbücher und Korrespondenzen von Zeitzeugen. Theodor Wolff, dem frankophilen Journalisten und Chefredakteur des Berliner Tagblatts, nimmt man die Erschütterung über die hartleibige französische Haltung bei den Vertragsverhandlungen im Vorfeld von Versailles ohne Einschränkung ab. Zwar muss Platthaus ihn – da kaum mehr bekannt – zunächst einführend nobilitieren als leitartikelnden Ulrich Wickert avant la lettre. Doch das gelingt. Albert Einstein, der die Revolution nach 1918 als Physikprofessor in Berlin durchlebte, erscheint als ein vom Kriegsverlauf und seinen innerpolitischen Folgen betroffener Salonsozi, dem im Zweifel sein Standing in der Wissenschaft wichtiger ist als ernsthaftes eigenes Intervenieren. Wenn ein solches Entlarven der Zweck des zweiten Exkurses war, dann gelingt Platthaus auch dies. Eher rein anekdotisch wird es bei Claude Monet, dem Impressionisten und engen Vertrauten Georges Clemenceaus, der aus dieser Männerfreundschaft heraus den Triumph Frankreichs im Grande Guerre zu symbolischem Kapital macht, das auf seinem eigenen Nachlasskonto verbucht wird. Immerhin gelingt mit der Episode ein eleganter Ausstieg aus einem Thema und einer Zeit, in der es vor allem zwischen Franzosen und Deutschen heftig knirschte.

Zurück zur Frage, ob 18/19 eine andere und womöglich die bessere Erzählung der Ereignisse rund um das Ende des Ersten Weltkriegs in Deutschland liefert als das, was mein Geschichtslehrer damals zu bieten hatte. Die Antwort lautet: Ja, ganz ohne Zweifel, auch wenn Andreas Platthaus‘ Historiografie sehr selbstverständlich von Deutschland als bewahrenswertem Nationalstaat ausgeht und so sein Publikum (a)dressiert.

Herr N. hätte das auch so gesehen. Die Details an deutschen Unterlassungen und Gewalttaten, die das Geschichte-Erzählen von 18/19 mit hätte ausmachen sollen, sah er dagegen nicht.

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erstellt am 07.2.2019

William Orpen, The Signing of Peace in the Hall of Mirrors, Versailles, 1919. Imperial War Museum, London

Andreas Platthaus
18/19. Der Krieg nach dem Krieg
Deutschland zwischen Revolution und Versailles
Gebunden, 448 Seiten
ISBN:  978-3-87134-786-3
Rowohlt Berlin, 2018

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