Tuschicks Kolumne

Getünchte Fahne

In Delphine de Vigans Roman „Loyalitäten“ wankt das Personal zu den Ausgängen der Geschichte. Die französische Autorin schildert eine Implosion des Sozialen. Jamal Tuschick hat das Buch gelesen.

Vielleicht wird man in einer besseren Zukunft das Schauspiel unserer Gegenwart so grauenhaft finden wie wir unsere Vorstellungen vom finsteren Mittelalter mit seinen Galgenbäumen, pestflüchtigen Flagellanten und planetarisch ausschwärmenden Rattenkohorten. Vermutlich wird kein Mensch des späten 21. Jahrhunderts in seinen Deutungen der Frühzeit eines neuen Jahrtausends von neoliberalen Auswüchsen in entsolidarisierten Gesellschaften reden. Unser Intelligenzbesteck könnte in einem Sarkophag aus überlagernden Begriffen schlicht und ergreifend nicht mehr identifizierbar sein. Das fällt mir ein, während ich Delphine de Vigans „Loyalitäten“ lese. Lauter zerstörte Solisten spielen in dem Roman ihre Rollen. Die Autorin erzählt von der großen Vereinzelung. Die Vereinzelung ist ein Strafgericht. Es setzt Schläge, die das Bewusstsein atomisieren. Betäubt wankt das Personal zu den Ausgängen der Geschichte.

Der zwölfjährige Theo Lubin betrinkt sich bei jeder Gelegenheit und tüncht die Fahne mit Kaugummi der Geschmacksrichtung Menthol-Lakritz. Sediert und losgelöst bewältigt das Scheidungskind einen Alltag zwischen depressiv-alkoholkrankem arbeitslosem Vater und furios verbitterter Mutter. Theo pendelt im Wochentakt zwischen ruinierten Existenzen. Als Zeuge doppelten Versagens steht er in der Pflicht zu schweigen.

Theo darf sich zu den gültigen Verfassungen seiner Eltern nicht äußern. Offiziell ist „seine Mutter leitende Angestellte in einem pharmazeutischen Labor, sein Vater (berufstätiger) Informatiker“ und nicht dieser eingepisste Typ, der sich auf nichts mehr konzentrieren kann.

Acht Metrostationen trennen die Spielarten des Unglücks. Die Mutter sieht im Sohn einen Agenten ihres Feindes. Sobald sie ihn übernimmt, setzt sie ihn einer Quarantäne und inquisitorischen Maßnahmen aus.

Delphine de Vigan lässt Protagonist*innen in der ersten Person zu Wort kommen. Die Lehrerin Hélène Destrée schenkt Theo besondere Aufmerksamkeit. Wie er sich wegduckt und sich unsichtbar zu machen versucht und so bedächtig schwankt wie ein erfahrener Trinker: das weist auf erlittenen Missbrauch hin. Hélène insistiert. Theo fürchtet, denunziert worden zu sein. Das Interesse der Lehrerin ist ihm lästig. Es vergrößert die Zumutungen erwachsenen Misstrauens. Theo fühlt sich eingekesselt.

Hélènes Sorge rührt von einschlägigen Erlebnissen – eine üble Familiengeschichte mehr in einem Roman, in dem nur der öffentliche Verkehr nicht zusammenbricht.

De Vigan schildert eine Implosion des Sozialen.

Hélène projiziert. Sie unterstellt Theo ihre eigenen, einem trinkenden und schlagenden Vater geschuldeten Entbehrungen. Sie tritt über ihre Ufer und geht zu weit.

Delphine de Vigan, Loyalitäten, aus dem Französischen von Doris Heinemann, Roman, Dumont, 123 Seiten

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erstellt am 31.1.2019

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll in seine Kolumne auf Faust Kultur.