Zur Frage, wie De-facto-Sklaverei mitten in Europa wirkt, haben Konstantin Küspert (Text) und Jan-Christoph Gockel (Regie) zusammen mit ihrem Ensemble ein neues Stück entwickelt, das im Rahmen der Frankfurter Positionen 2019 unter dem Titel „sklaven leben“ am Schauspiel Frankfurt mit Komplexität und Komik überzeugend uraufgeführt worden ist. Andrea Pollmeier hat die Premiere im Kammerspiel gesehen.

Theater

Sensationelle Einblicke

Jeder, der am globalen Weltmarkt einkauft, nutzt de-facto-Sklaven für das eigene Wohlergehen. Niemand kann sich entziehen. Nur wenigen ist jedoch bewusst, wie stark sie selbst im Alltag darin verflochten sind. Zur Frage, wie solch eine Art Sklaverei mitten in Europa wirkt, haben Konstantin Küspert (Text) und Jan-Christoph Gockel (Regie) zusammen mit ihrem Ensemble (Torsten Flassig, Katharina Kurschat, Christoph Pütthoff, Sebastian Reiss, Komi Togbonou und Luana Velis) ein neues Stück entwickelt, das im Rahmen der „Frankfurter Positionen 2019“ unter dem Titel sklaven leben am Schauspiel Frankfurt mit Komplexität und Komik überzeugend uraufgeführt worden ist.

Zeit- und Raumgrenzen sind von Beginn an aufgehoben. Ein schwebendes Mega-Auge blickt bereits jeden an, der den Zuschauerraum betritt. Diesem Blick kann sich niemand entziehen. Zwar verschwindet er, wenn das Stück beginnt, die unheimliche Big-Brother-Stimmung wirkt jedoch nach wie ein Tinnitus, den man trotz all der Geräusche, die sich darüber lagern, einfach nicht los wird.

Zunächst geht es um Kleider und darum, dass eigentlich der Zufall entscheidet, auf welcher Seite des Weltmarkts man geboren ist. Es hätte anders kommen können. Die Biografie der Welt wird in diesem Stück darum kurzzeitig umgekehrt.

Komi Togbonou, der ganz dem Wunschbild eines zupackenden afrikanischen Sklaven entspricht, entscheidet sich zunächst gegen die Sklavenrolle. Im Concept Store der Moderne wechselt er die Seite und wird selbst zum Sklavenkäufer. Weißhäutige Personen mit blonden Afrolocken bieten sich ihm willig an. Ein Feilschen beginnt. Von „slave sharing“ wird gesprochen, die Preise purzeln, bis sie am Ende bei null landen.

Im Conten-Store der Moderne: „sklaven leben“, Schauspiel Frankfurt, Foto: Felix Grünschloß

Solch entwürdigender, jedoch verdeckter Menschen-Handel ist noch heute Realität. Er gipfelt im Preisdumping am black friday. Massenkonsum und moderne Sklaverei gehören, das zeigt das Stück, wie Pech und Schwefel zusammen. Im prächtigen Verkaufsraum brechen die Schnäppchenjäger beim Anblick prall gefüllter Kleiderstangen in hysterische Schreie aus. Mit roher Gewalt kämpfen sie um den besten Fang. Komi Togbonou, der 2008 mit Christioph Schlingensief „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ gespielt hat, gibt den Sklavenkäufer mit charismatischer Autorität. Von der Seite aus beobachtet er die mit Tanz und Musik revuehaft angelegte Szene. Im Ethnologenjargon kommentiert er die „sensationellen Einblicke“ in die intimen Rituale des Homo consumus, dessen unzivilisiertes Gebaren noch der Entwicklung bedürfe.

Zwei bedeutende Stimmen des postkolonialen Diskurses geben der Inszenierung ihr theoretisches Fundament. Geschickt werden Passagen aus Werken des in Martinique geborenen Psychiaters Frantz Fanon (1925-1961) und des zeitgenössischen Philosophen Achille Mbembe (geb. 1957 in Kamerun) via Monolog oder Texteinblendung in die Inszenierung eingefügt, ohne ihr theoriebeladene Schwere zu verleihen. Jedes Ensemble-Mitglied wird sich im Verlauf des Stücks direkt an das Publikum richten und die gerade eingenommene, gesellschaftliche Rolle analytisch einordnen. Diese Monologe folgen einer inneren Dynamik und bilden u.a. mit herausragenden Tanzeinlagen (Torsten Flassig) ausgefeilte Höhepunkte der Inszenierung. Zentrale Gedanken der postkolonialen Analyse werden so geschickt personalisiert, wichtige Passagen aber auch im Chor – die Gruppe der Hellhäutigen hat die Afroperücken inzwischen längst abgelegt – gemeinsam gesprochen. „Der Sklave ist kein Mensch“, heißt es zum Beispiel. Diese Schlüsselbehauptung, mit der koloniale Herrscher Grausamkeiten legitimierten, ist ebenso wie der Rassebegriff ein Konstrukt kolonialer und postkolonialer Systeme. Die fatalen Wirkungen dieser Theorien, die bis in die Gegenwart reichen, sind im Stück nur angedeutet. Im Programmheft gibt es jedoch einen Essay des Wissenschaftlers Christian Geulen, der die Ideologie des Rassismus ausführlicher erläutert.

Die ironisch angelegte, direkte Umkehrung komplexer soziologischer und historischer Zusammenhänge könnte leicht oberflächlich oder belehrend wirken. Auch der Versuch, die Geschichte der Sklaverei auf kleinem Raum in ein kompaktes Stück (90 Minuten ohne Pause) zu fügen, ist eine Herausforderung. Mit einer abwechslungsreich angelegten Dramaturgie (Judith Kurz), wirkungsvollen Kostümen ( mit Bühne zusammen: Amit Epstein) einem starken Ensemble und präzisen inhaltlichen Akzenten ist dies jedoch äußerst stimmig gelungen.

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 29.1.2019

„sklaven leben“, Schauspiel Frankfurt, Foto: Felix Grünschloß

Theater

sklaven leben

von Konstantin Küspert

Regie Jan-Christoph Gockel, Bühne und Kostüme Amit Epstein, Musik
Komi Togbonou, Dramaturgie Judith Kurz

Besetzung Torsten Flassig, Katharina Kurschat, Christoph Pütthoff, Sebastian Reiß, Komi Togbonou, Luana Velis

Schauspiel Frankfurt
(Kammerspiele)