Seit 2011 ist Syrien Schauplatz eines von regionalen und internationalen Kräften genährten Krieges. Zahllose Menschen wurden getötet oder entführt und vermisst. Wie es sich anfühlt, auf der Suche nach den Vermissten selbst von guten Freunden ohne Hilfe zu bleiben, unerwartet hingegen von Unbekannten unterstützt zu sein, erzählt Yassin Al Haj Saleh in dem dritten Brief an seine Frau Samira Khalil, die am Abend des 9. Dezember 2013 in Douma entführt wurde. Die arabische Fassung wurde von Larissa Bender übersetzt.

29. Juli 2017

Yassin Al Haj Saleh: Dritter Brief an Samira

Aus dem Arabischen von Larissa Bender

Sammour,

Selbst wenn du dir die stete Verschlechterung der Lage vorstellen könntest, würdest du dich vielleicht trotzdem fragen, liebe Sammour, wie es sein kann, dass du seit drei Jahren, sieben Monaten und zwanzig Tagen verschwunden bist. Denn schließlich weißt du, dass wir Freunde und Bekannte haben, die zwar nicht zum Führungszirkel der oppositionellen Koalition gehören, ihm aber zumindest nahestehen und die über Beziehungen und Einfluss verfügen. Über dieses Thema spreche ich zwar ungern, aber es führt kein Weg daran vorbei.

Tatsache ist, dass alle dir bekannten oppositionellen Gruppierungen gegen deine Entführung öffentlich protestiert haben. Mehr aber taten sie nicht. Einzelne Personen, die in politischen Führungspositionen waren, nahmen jedoch offenbar Kontakt zu regionalen Instanzen wie dem Außenminister von Katar auf – und dieser sprach anscheinend tatsächlich mit der Armee des Islam, der faktischen Autorität in der Ost-Ghouta, die das Verbrechen vermutlich begangen hat – allerdings ohne tatsächlich Druck auszuüben und ohne den Fall seitdem weiter zu verfolgen. Leider haben auch unsere einflussreichen Freunde die Sache nicht weiter verfolgt. Einige haben nicht einmal ein Wort darüber verloren, sie haben keine Erklärung abgegeben oder versucht, Druck auszuüben, Artikel zu schreiben oder mir bzw. der Familie von Razan, Wael und Nazem eine wie auch immer geartete Hilfe anzubieten. Ich schäme mich, dir das gestehen zu müssen, Sammour. Ich möchte keine Namen oder Details nennen, aber es sind viele.

Du verstehst nicht, warum? Auch mir fällt es schwer, das zu verstehen. Ich glaube, es gibt zwei oder drei Gründe dafür. Diese Leute sind sehr mit sich selbst beschäftigt, mit ihren Beziehungen und ihren Karrieren; offenbar haben sie nichts erreicht, was ihnen privat oder öffentlich eine besondere Bedeutung verleiht. Außerdem geht es um Politik und politische Interessen: Wer steht auf wessen Seite, welche Beziehungen sind nützlich und welche nicht?

Wir haben weder Geld noch Macht noch Beziehungen; wir nutzen niemandem, der nur auf seinen Vorteil aus ist, Sammour. Gleichzeitig befinden wir uns (wir, das heißt: ihr vier, ich und unsere Freunde) außerhalb jeglicher Kontrolle, wir sind von niemandem abhängig, niemand sponsert uns und wir beugen uns niemandem. Das macht uns in den Augen der neuen Wortführer zu einer störenden Erinnerung an eine vergangene Zeit, und so gehören wir plötzlich zu den Menschen, die jene disziplinierten, “vernünftig” denkenden Leute besser meiden sollten.

Ich muss zugeben, dass jene Personen eine für mich unerwartete Insensibilität und Unmenschlichkeit an den Tag gelegt haben. Ich schäme mich, Sammour, dir zu schreiben, dass einige, die du kennst, nicht einmal angerufen oder eine Mail geschrieben haben, um ihre Solidarität auszudrücken oder sich nach dir zu erkundigen. Ich schäme mich, denn das zeigt, wie naiv ich gewesen bin.

All diesen Gründen füge ich noch einen letzten Punkt hinzu: Die Dummheit. Egal welche persönlichen oder politischen Interessen diese Leute haben, sie hätten sich selbst mehr Gewicht und Unabhängigkeit geben können, wenn sie eurer Sache gegenüber das verdiente Interesse gezeigt hätten. Sie hätten unter den Anhängern der Revolution Gruppierungen ansprechen können, die sich in den Institutionen, die in ihrem Namen gegründet worden sind, nicht repräsentiert fühlten. Sie hätten ihren Einfluss auf bestimmte Kräfte ausweiten können.

Mit Mühe und Not kann man nachvollziehen, dass sie diese Institutionen nicht boykottieren wollten, aber wie kann man verstehen, dass sie sie nicht einmal kritisieren, sich nicht von ihnen distanzieren oder gegen sie protestieren? Sie haben uns nicht nur nicht geholfen, sie haben auch sich selbst nicht geholfen. Das ist der Beweis für die Mittelmäßigkeit ihrer Qualifikation, ihrer Vorstellungskraft und ihrer politischen Kompetenz. Unsere ehrenwerten Opportunisten sind von beschränkter Intelligenz.

Ich werde dir ein Beispiel geben. Vor mehr als einem Jahr traf ich zufällig einen wichtigen Menschen, den du kennst und der dich und mich sehr gut kennt. Er hatte Zahran Aloush getroffen, als er im April und Mai 2015 in der Türkei war, aber dieser Mensch hat in deiner Sache seinen Mund nicht aufgemacht. Er spürte, wie trocken ich ihm gegenüber war und rechtfertigte sich mit den Worten: »Wir können nichts machen.«

Ich sagte damals zu ihm, dass das nicht stimme. Und vor nicht allzu langer Zeit hat dieser Mann, der »nichts hatte machen können« einen wichtigen Posten in der syrischen Koalition erhalten. Da fehlen einem die Worte. Solche Leute, »die nichts machen können«, sollten besser zu Hause bleiben, statt öffentliche Posten zu bekleiden. Die Behauptung, dass »wir nichts machen können« verbirgt nämlich, dass sie uns gegenüber voreingenommen sind und nur ihre egoistischen Interessen verfolgen, um verbrecherische, aber einflussreiche Kräfte auf Kosten der einflusslosen demokratischen Kämpfer zufriedenzustellen.

Im Zusammenhang mit dem »nichts machen können« glaube ich übrigens, Sammour, dass die Erwartungen und Beziehungen dieser Leute ihre Fantasie beschränken. Zum Beispiel »können sie sich nicht mehr« vorstellen, Protestaktivitäten zu organisieren oder sich an unseren Aktionen zu beteiligen, Kunstaktionen oder eine humanitäre Initiative aus einem beliebigen Anlass zu unterstützen (zum Beispiel zum Jahrestag der Revolution oder dem Jahrestag eures Verschwindens). Sie können sich nicht vorstellen, eure Fotos auf einer Versammlung in die Höhe zu halten, geschweige denn, die Armee des Islam zu boykottieren oder vielleicht ein Büchlein über deren Menschenrechtsverletzungen in der Ost-Ghouta herauszugeben oder eine neue Initiative für eure Freilassung zu starten.

Abgesehen davon, dass das ein unverzeihlicher Verrat an dir, Razan, Wael und Nazem ist, ist es vor allem ein Verrat an der syrischen Revolution und ihrer Werte, der Revolution der Unbekannten und Unbedeutenden.

Es ist unverzeihlich. In den fast vierundvierzig Monaten habe ich keine mildernden Umstände gefunden, die mich verstehen und verzeihen lassen können.

Das erwähnte Beispiel ist nur eines von vielen, über die ich dir berichten werde, wenn du wieder da bist, aber es zeigt, dass wir ein sehr tief sitzendes Problem mit der traditionellen Opposition haben, aus der wir beide kommen, Sammour. Diese Leute sind woanders, sie sind nicht bei der Revolution, sie stehen den Menschen nicht nah, die eingesperrt, gefoltert und getötet wurden, die entführt wurden, die verschwanden, die flohen, die heute in Zelten leben, in Syrien und im Ausland.

Ich vermeide es hier nicht aus Gefälligkeit, Namen und Details zu nennen, Sammour. Vielleicht bin ich heute sogar weniger gefällig als früher. Aber ich möchte unsere Sache nicht auf eine persönliche Ungerechtigkeit und auf Vorwürfe und Rechtfertigungen reduzieren. Du, Razan, Wael und Nazim, ihr führt den härteren und nobleren Kampf. Aber ich, der ich gerettet wurde, versuche einen ähnlichen Kampf zu kämpfen, der eurer Sache würdig ist. Die anderen, ich sage es noch einmal, sind woanders, in einer unehrenhaften Welt, sie sind keine Freunde oder Partner.

Aber das Glas ist gleichzeitig halb voll, wie man sagt, Sammour. Freunde und Freundinnen, von denen du einige kennst und von denen du es erwartest, und andere, dir unbekannte Menschen, arbeiten mit an deiner Befreiung. Viele von ihnen sind nicht einmal Syrer, einige von ihnen kenne ich auch nicht persönlich. Trotz allem sind wir nicht allein, Sammour. Mit unseren Partnern haben wir gemeinsam, dass wir nicht über Einfluss und Beziehungen verfügen, aber dass wir uns für Gerechtigkeit engagieren, für uns und für andere in dieser zerrütteten Welt. Überall fragen mich die Menschen nach dir, sie verfolgen deinen Fall und haben das Gefühl, dich zu kennen. Das verleiht mir Kraft, und ich hoffe, dass diese Kraft dich erreicht und stärkt, dich und Razan und Wael und Nazem.

Wir sind nicht allein, Sammour.

Wie jeden Tag geht auch heute die Arbeit an eurer Befreiung weiter, Sammour. Wir werden nicht damit aufhören. Ich hoffe, dass wir einen starken Fall geschaffen haben und dass wir unsere moralische Kraft in eine juristische und politische Kraft verwandeln können.

Und ich hoffe sehr, dass du auf deine Gesundheit acht gibst und dass du Geduld und Durchhaltevermögen hast, bis du zurückkommst.

Ich küsse dich, mein Herz.

Yassin

Aus dem Arabischen von Larissa Bender

Die Übersetzung der Briefe wurde durch das Beiruter Büro der Heinrich-Böll-Stiftung gefördert.

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erstellt am 25.1.2019

Dies ist der dritte von acht Briefen, den Yassin Al Haj Saleh an seine verschwundene Frau Samira Khalil geschrieben hat. Samira wurde am Abend des 9. Dezember 2013 aus Douma entführt. Yassin erklärt in diesen Briefen seiner Frau, was sich seit ihrem Verschwinden in Syrien ereignet hat. Die Briefe haben weltweit Aufmerksamkeit gefunden und wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Larissa Bender hat sie aus dem Arabischen ins Deutsche übertragen.

Samira Khalil, Foto: Larissa Bender
Samira Khalil, Foto: Larissa Bender