Zeichnungen und Druckgrafiken von Henri Matisse, ergänzt durch Texte von Botho Strauß – Überlegungen, die an Matisse anschließen, ihn zuweilen auch umschließen oder sogar aufschließen. Dazu ein Essay von Markus Müller, dem Leiter des Kunstmuseums Pablo Picasso in Münster. Martin Lüdke empfiehlt den von Josef Kleinheinrich verlegten Band.

Henri Matisse und Botho Strauß

Ein rundum schönes Buch

Picasso meinte einmal über seinen Kollegen, Matisse habe die Sonne (nee, nicht im Herzen, sondern): „im Bauch“. Matisse wurde darum oft und auch gerne als etwas zu leicht befunden. Da bleibt mit Ernst Jandl nur zu sagen: „Werch ein Illtum!“

Es war vor über vierzig Jahren. Louis Aragon, Schriftsteller, Mitbegründer der surrealistischen Bewegung und später Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Frankreichs, der aber auch noch als überzeugter Stalinist gegen den Einmarsch der Sowjets in Ungarn protestierte, dieser wunderbare Aragon, ein wandelnder Widerspruch, zeitlebens verspielter Poet, dem alles Leben zum „Roman“ wurde, dieser Aragon hat in den frühen siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts, in einer Phase, in der dem er dem „sozialistischen Realismus“ anhing, ein zweibändiges, viele hunderte Seiten umfassendes, überreich illustriertes Werk mit dem damals ziemlich stolzen Preis von 248 DM und einem dafür recht schlichten Titel „Henri Matisse. Roman“ herausgebracht. Es war auch, doch nicht vor allem ein auch großformatiges Bilderbuch – hunderte von Abbildungen, Gemälde, Zeichnungen, Collagen und Objekte von Matisse. Tausende von Kommentaren, Anmerkungen, Reflexionen und späteren Ergänzungen zu dem früher geschriebenen von Aragon. Ein wildes, wüstes, faszinierendes Buch. Vor allem aber war es ein über Jahrzehnte andauernder Versuch, sich dem Objekt seiner Be- und Verwunderung anzunähern, in Beschreibungen, Analysen, Kommentaren, die oft wieder kommentiert, ergänzt, verbessert, um dann nochmals kommentiert, ergänzt und verbessert zu werden: „Henri Matisse. Roman“. Ein Buch, das eine ganze Bibliothek ersetzen kann.

Jetzt, vier Jahrzehnte später, hat dieser grandiose Versuch noch einmal unerwartbaren Beistand bekommen.

Ebenfalls großformatig, aber gerade mal 180 Seiten umfassend, ein ebenso schlichter wie prächtiger Band mit Zeichnungen, Linol-, Holzschnitten, Radierungen von Henri Matisse. Ergänzt durch „Reflexionen“ von Botho Strauß: „Non-Finito, Ausgespartes, Leere Stellen“. Überlegungen also, die an Matisse anschließen, ihn zuweilen auch umschließen oder sogar aufschließen. Dazu am Ende ein Essay von Markus Müller, dem Leiter des Kunstmuseums Pablo Picasso in Münster, der die hier präsentierte Sammlung seines Museums kenntnisreich in Szene setzt.

Doppelseite aus dem besprochenen Band

Aber, wohlgemerkt, diese Gestaltung ist dem Inhalt dieses Buches nicht äußerlich, sie berührt seinen Kern. Es ist wieder ein Versuch, in drei Anläufen, Matisse durch ein Verfahren näher zu kommen, das von unseren Altvorderen, Benjamin und Adorno mit den Begriffen Konfiguration und Konstellation bedacht worden war. Eingangs, wie gesagt, Botho Strauß und am Ende das Nachwort von Markus Müller. Dazwischen die Bilder von Matisse, Zeichnungen, Druckgrafiken etc. Aber diesmal einigen der Abbildungen direkt gegenübergestellt: die „Reflexionen“ von Strauß aus dem ersten Teil, wenn auch nicht in dessen Reihenfolge.

Der umfangreiche Mittelteil beginnt mit einem Zitat des Malers: „Ich male nicht die Dinge, ich male nur die Unterschiede zwischen den Dingen.“

Die Selbstauskunft von Matisse spricht für sein utopisches Bewusstsein, den abgestreiften Identitätszwang. Eduard Beaucamp meinte dazu, erst Cézanne habe Matisse den Mut dazu gegeben, den Mut zu einer Abstraktion, die auf der Durchdringung und Verdichtung der Gegenstände beruhe. Es sind, so wiederum Strauß, Bilder, die vom Betrachter ein Sehen einfordern, „das ergänzt.“

Mit jedem Bild versucht Matisse den Zustand der „Verdichtung der Empfindungen“ zu erreichen, der für ihn das Bild ausmacht.

Die meisten der Abbildungen zeigen, mit wenigen Strichen skizziert, Frauenköpfe, und sehr häufig auch, liegend, sitzend, hockend, stehend, nackte Frauen. Dazu Strauß, gegenüber einem mit dünnem Strich skizzierten, sich aufreckend sitzendem Akt:
„Der Maler fragte sich mehrmals: Sitzt vor mir eine Frau, von der ich ein Modell für viele andere entwerfen soll? Oder sitzt dort das Modell, von dem ich eine unbekannte, unnachahmliche Frau erschaffen soll.“

Doppelseite aus dem besprochenen Band

Umgekehrt, denn auch das impliziert der Begriff der Konstellation, betrachtet Strauß aus der Position des Modells heraus, was in dieser Beziehung zwischen Maler und Modell entstanden ist.

Es handelt sich hier also nicht um einen Essay, es sind auch keine Fragmente eines Essays, es sind, streng genommen, nicht einmal, wie suggeriert wird, „Reflexionen“ von Botho Strauß über Henri Matisse. Es sind Sprachbewegungen, die den Zeichnungen des Malers gegenübergestellt werden. Mal weit ausgreifende, selten direkt zupackende Bewegungen. Kommentierende, ausschweifend schwebende Beschreibungen, die, wie es einst der Kunstbanause Kant in seiner Kritik der Urteilskraft zu sagen pflegte, viel zu Denken Anlass geben, doch in keinem Gedanken ganz aufgehen.

Es ist, anders und vielleicht noch altfränkischer gesagt, einfach ein rundum schönes Buch.
Doch dieses Buch ist tatsächlich von gestern, auch für Menschen von gestern, allerdings solche, die noch nicht alle Hoffnung aufgegeben haben, dass nur in der Vergangenheit etwas aufscheint, das Zukunft verspricht.

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erstellt am 18.1.2019

Henri Matisse im Jahr 1933, Foto: Carl Van Vechten [Public domain]
Henri Matisse, Foto: Carl Van Vechten [Public domain]

Botho Strauß Reflexionen
Henri Matisse Estampes
Markus Müller Essay
Leinengebunden mit Pergaminumschlag
186 Seiten
ISBN 978-3-945237-19-9
Verlag Josef Kleinheinrich, Münster 2018

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