Das Smartphone ist ein Alleskönner. Es bündelt Information, Kommunikation, Navigation und Unterhaltung. Es verlängert und intensiviert jedoch auch die Arbeitszeit. In seinem Essay denkt Peter Kern über Fluch und Segen des zum Minicomputer weiterentwickelten Mobiltelefons nach.

Das Smartphone

Heilig und verdammt

Das Smartphone ist eine Institution. Eine Institution gibt dem Einzelnen Halt, hat Bindekraft für den sozialen Zusammenhang und besitzt Sakralcharakter. Sie entwickelt ein Eigenleben gegenüber den zwecksetzenden Menschen. Das ihr gemäße routinisierte Handeln eröffnet neue Handlungsfreiräume. Ihr kommt dabei ein Doppelcharakter zu. Eine Institution entlastet und verlangt zugleich konformes Verhalten. Der in der alten Bundesrepublik einmal sehr tonangebende Arnold Gehlen hätte an Hand des Smartphones seine Theorie der Institution verdeutlichen können.

Das Smartphone ist ein Alleskönner. Es navigiert durch den Verkehr, macht Fotos und Videos, liefert Schlagzeilen, Börsenkurse, Musik, dient als Notizblock, Universallexikon, Adressbuch, Wecker, Flugticket, Pulsmesser, Taschenlampe. Man kann mit ihm telefonieren; das gibt es noch obendrein. Dass es die Mängelausstattung des Menschen wie eine Art prothetischer Organersatz ausgleicht, ein weiterer Topos von Gehlen, ist offenkundig. Was es kann, ist fast jederzeit und überall zu haben. Sein Potential liegt in der Zeitersparnis. Umständliche Botengänge, Schaltergeschäfte, Preisvergleiche, Einkaufstouren, Bibliotheksrecherchen, Restaurantsuche, Reservierungen – alles geht mit ihm schneller. Wenn das ganze Leben ein Warten ist, wie es resigniert heißt, verkürzt der Minicomputer das Warten, womit mehr Leben übrigbleibt.

Es kann den Zeitdruck mindern, den schon die alten Griechen als Kennzeichen der Lebensnot ausgemacht haben. Aber dieser Effekt spielt nur beiher, sein eigentlicher ist ein entgegengesetzter: Es verlängert und intensiviert den Arbeitstag. Seit das Smartphone seine ganze Power entfaltet hat, hat es die Arbeitszeit in die Freizeit und noch in den Urlaub verlängert. Schon die Anfahrt ins Büro wird vom Smartphone-Nutzer zur Erledigung von Aufträgen genutzt, sei es, dass er telefoniert oder E-Mails erledigt. Fährt er dann heim in den einmal euphemistisch Feierabend genannten Rest des Tages, wird das in der Bürohektik Unerledigte nachgeholt. Die aufgelaufenen E-Mails sind der Felsbrocken des heutigen Sisyphus. Wo der mythologische den Stein immer wieder vergeblich hochrollt, bekommt der Bürosisyphus immer wieder neue E-Mail-Aufträge aufgespielt.

Den „Kampf um den Normalarbeitstag“, den Das Kapital beschreibt, haben die Angestellten längst verloren. Das „nibbing and cribbling at mealtime“, wie Marx die Praxis der Fabrikherren nennt, sich die ihnen vertraglich nicht gehörende freie Zeit anzueignen, findet heute at any time statt. Das Anknabbern der Freizeit funktioniert mit dem Smartphone besonders gut. Auch seine Maschinerie besitzt Doppelcharakter. An der genannten Stelle heißt es: „Der Arbeitstag ist …über eine gewisse Grenze hinaus nicht verlängerbar“. Das Smartphone und die mobilen PC‘s haben den Arbeitstag noch einmal verlängert.

Es quasselt aus der Toilettenkabine

Das Smartphone hat ihn zudem intensiviert. Multitasking, diese Fähigkeit, vieles zugleich zu tun, ist ohne Smartphone undenkbar. Man kann gleichzeitig tippen, telefonieren, Infos vom Bildschirm abrufen. Selbst auf dem stillen Örtchen ist es mitunter nicht mehr still. Es quasselt aus der Toilettenkabine. Auch hier ist einer vorm Anruf des Chefs oder der Lieben zuhause nicht sicher. Inspector Gadget hieß einmal eine US-amerikanische Zeichentrickfigur. Alle sind wir heute zum Inspector Gadget mutiert. Und das Gadget, die kleine, technische Spielerei hat sich zur Sache selbst gemausert.

Es frisst die für die Regeneration der Arbeitskraft notwendige Reproduktionszeit auf. In den Unternehmen mehren sich die Fälle von Burnout, ablesbar in den Statistiken der Krankenkassen. Die Sache läuft aus dem Ruder. Manches Unternehmen schaltet nach Arbeitsende den Server ab; das Weiterarbeiten am Abend ist dysfunktional geworden. Das den Angestellten in die Hand gedrückte Smartphone hat sich als ein Danaergeschenk erwiesen. Als Firmenhandy schien es anfangs eine Gratifikation zu sein, wie die Kiste Wein zum 25-jährigen Betriebsjubiläum. Bald war klar, es sollte die Reisezeit, den Kundendienst, Ein- und Verkauf der Waren effektivieren, wie sein Pendant der Laptop. Anfänglich besaß ein Firmenhandy nur der Abteilungsleiter. Heute erkennt man den wirklichen Chef der Firma daran, dass kein Smartphone vor ihm liegt, mit dem seine Angestellten nervös hantieren.

Wo bleibt der Sakralcharakter der Institution Smartphone? Die Wortbedeutung changiert zwischen heilig und verflucht. Das Sakrale wird als Offenbarung verehrt und es reizt zum Abfall, zur Apostasie. Das Smartphone muss sich den Vergleich mit der elektronischen Fußfessel gefallen lassen.

Steter Streitpunkt in den Unternehmen: Darf der Angestellte das Mobiltelefon auch privat benutzen? War der Anruf zuhause, mit der Mitteilung, man komme von der Dienstreise erst später zurück, weil die Bahn die übliche Verspätung hatte, privat oder dienstlich veranlasst? Das Smartphone ist mit einem kleinen Haken versehen. Der wird spürbar, wenn es der Vorgesetzte mal wieder für angebracht sieht, dem Untergebenen die Zügel enger anzulegen. Man ist mit dem Handy und den anderen elektronischen Geräten mit einer ewigen Erbschuld belastet, dem unzulässigen Gebrauch, dem Naschen von verbotenen Früchten.

Die kleine Betrügerei – mal bei Google während der Arbeitszeit Sportnachrichten gelesen, mal die abendliche Verabredung festgemacht – Peanuts im Vergleich mit der durch das Smartphone gesteigerten Produktivität. Und diese Betrügereien sind durchaus funktional. Lässt sich dem Angestellten doch immer ein Regelverstoß nachweisen, falls er sich einmal als aufmüpfig erweist.

Es könnte etwas Wichtiges sein

Den jüngeren Alterskohorten sind die Zwänge des Berufslebens noch fremd. Das strahlt auf ihren Handykonsum ab. Er hat seine Unschuld noch nicht verloren. Das Smartphone ist noch mehr Spielzeug als Arbeitsgerät. Aber das Spielzeug verweist schon auf die Berufssphäre. Die Heranwachsenden lernen mit ihm, nicht abzuschalten, und dies konditioniert sie für die künftige Arbeitswelt. Das Gerät bringt ihnen bei, auf Signale sofort zu reagieren. Könnte es doch etwas Wichtiges sein, die erhoffte Zustimmung zum Date beispielsweise. Später wird das Wichtige der Anruf oder die E-Mail des Vorgesetzten sein. 200 Mal am Tag, so der empirische Befund, glotzen die Kids auf ihr Handy. Vermutlich haben die Handyhersteller selbst solche Studien in Auftrag gegeben, die nun von Selbsthilfegruppen zitiert werden.

Die Jungen nehmen mit dem Smartphone Abschied von der antiquierten Unterscheidung zwischen einer öffentlichen und einer Privatsphäre. Die Schule als Vorform der Öffentlichkeit kommuniziert mit ihnen elektronisch. Die Differenz zur Nachricht aus der privaten WhatsApp-Gruppe ist eingezogen. Auf dem gleichen Gerät, mit dem man sich mit den Freunden zum Kinobesuch am Abend verabredet, schickt der erkrankte Lehrer die nicht mehr ersparten Hausaufgaben. Später wird ein Geschäftsführer den Schichtplan der nächsten Woche mitteilen. Zum Einkaufen verlassen die jungen Konsumenten die eigenen vier Wände kaum mehr; der Internethandel blüht. Was mit einem Anklang an Süßigkeit Cookies heißt, dient der allgegenwärtigen Reklame. Die Jungen lernen, sie als für ihr Leben so selbstverständlich wie die Luft zu akzeptieren. Das Handy übt in die für das Bruttosozialprodukt so ersprießliche Fruchtfolge von Arbeiten und Konsumieren ein.

Die soziale Bindekraft des Handys ist evident. Keine soziale Gruppenbildung ohne Smartphone! Die Bindekraft erschließt sich ex negativo. Die jugendliche Peer Group, später das Arbeitsteam dulden keine Außenseiter. Ohne Smartphone, in den Jugendcliquen ohne das neuste Modell, steht man als solcher da.

Eine Institution gibt dem Einzelnen Halt; er braucht Bindung, Gehlens Lieblingsbegriff. Fehlt die Bindung an die soziale Gruppe, muss sich das Individuum in der Öffentlichkeit der U-Bahn oder des Cafés alleine aufhalten, gibt sein Handy Halt. Seit es zur Hand ist, ist der öffentlich Einsame, der mit seinem Alleinsein nichts anzufangen weiß und sich dessen geniert, verschwunden. Er telefoniert oder hantiert mit seinem Taschencomputer, und sein Horror ist verschwunden. Das Smartphone lindert Einsamkeit und unterminiert Zweisamkeit. Symptomatisch das jungen Pärchen am Kaffeehaustisch, dem jeweiligen Handy statt einander zugewandt.

Das Smartphone gehört zu den fetischisierten Dingen, deren Besitz über die längst überflüssig gewordene Schinderei hinwegtrösten soll. Es hilft mit, den Gedanken an Befreiung nicht mehr zu denken. Es verspielt sein Potential, zu einem Ende der Lebensnot beizutragen. Lebensnot, Befreiung? Es ist doch alles da! Den über die Erde ungleich verteilten Reichtum, die Verdammten dieser Erde nehmen ihn wahr. Das Kommunikationsmittel Smartphone informiert sie darüber und setzt sie in Bewegung.

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Kommentare


Dr. Doris Kösterke - ( 24-01-2019 12:28:29 )
Klasse! Besonders der erste Absatz und die letzten beiden Sätze.

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erstellt am 18.1.2019

Abb.: Simon Kirby [CC BY-SA 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons
Abbildung: Simon Kirby [CC BY-SA 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons