Wenn Menschen sterben, die man persönlich oder als öffentliche Figur kannte, dann sind es auch Abschiede von einem Teil der eigenen Biographie. In seiner Kolumne „Kontrapunkt“ würdigt Thomas Rothschild die Verstorbenen des Jahres 2018.

Kontrapunkt

Abschiede

Seien wir ehrlich: Nirgends wird so sehr geheuchelt wie in Nachrufen. Das „de mortuis nil nisi bene“ ist eine unverblümte Aufforderung zur Lüge. Würde man diese Auswüchse rühmender Rhetorik wenigstens zu einem Zeitpunkt formulieren, zu dem sich der derart Gepriesene noch darüber freuen kann. So aber sind sie nicht mehr als ein Akt der Pietät, an den zu glauben einige Überwindung kostet. Und mehr noch (wenn wir schon bei ehrlichen Eingeständnissen sind): Von den Todesmeldungen, die uns täglich über die Medien erreichen, berühren uns doch nur jene, die jemandem gelten, die oder den wir gekannt haben – persönlich oder als sympathische Figur des öffentlichen Lebens. Je älter man wird, umso mehr häufen sich diese Abschiede. Es sind ja stets auch Abschiede von einem Teil der eigenen Biographie. In die Trauer um den Verlust der Frauen und Männer, mit denen man oft seit langem keinen Kontakt mehr hatte, mischt sich das Bewusstsein von der eigenen Vergänglichkeit.

Im kürzlich zu Ende gegangenen Jahr 2018 sind zahlreiche Menschen verstorben, die ich entweder mehr oder weniger gut persönlich gekannt habe, die eine prägende Rolle in meinem Leben gespielt haben oder denen ich aus der Ferne zugetan war: Elmar Altvater, Arnfrid Astel, Michael Coudenhove-Kalergi, Werner Dütsch, Götz Fritsch, Ludwig Harig, Hans Hautmann, Peter Heintel, Klaus Herding, Klaus H. Hilzinger, Hans-Klaus Jungheinrich, Ignaz Kirchner, Erich Kleinschuster, Jürg Laederach, Fritz Mierau, Walter Pilar, Dirk Pilz, Heinz Rudolf Unger, Klaus Wildenhahn.

Sie alle vermisse ich, mit ihren Qualitäten und ihren Fehlern, auf die eine oder andere Weise. Der Kreis derer, die das Leben lebenswert gemacht haben, wird sehr schnell kleiner. Die Welt wird kälter. Weil sie fehlen. Es gelten Wolf Biermanns schöne Verse: „Wie nah sind uns manche Tote, doch/ Wie tot sind uns manche, die leben.“

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erstellt am 07.1.2019