Frank Witzels neu aufgelegter Roman „Vondenloh“ dreht sich um Leben und Werk einer geheimnisvollen Schriftstellerin, deren Romane 120 Seiten nie überschreiten und stets Bestseller werden. „Vondenloh“ ist Kulturbetriebs-Krimi und Provinzsatire zugleich. Vincent Sauer empfiehlt den Roman.

Buchkritik

»Na, Helga, kennst du mich noch?«

Dass Dichter Lügner sind, ist altbekannter Generalvorwurf gegen diesen Berufsstand. Seit Platon sie aus seinem Staat raushaben wollte, sind ihre Apologeten drauf und dran, den Dichtern doch ein Plätzchen mit Rang und Ehre in der Gesellschaft zu verschaffen. Dabei sind die Unwahrheiten, die sie fabrizieren, gar nicht so schlimm. Schließlich muss jedes Kind lernen, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, indem es nicht alles glaubt, was es zu hören, sehen oder später zu lesen bekommt. Romanlesern wird diese Leistung von jeher abverlangt. Der alte Don Quixote reimte sich schon vor mehr als 400 Jahren seine ritterliche Mission im Kopf zusammen, denn sein Jahrhundert hatte keine Verwendung mehr für Männer wie ihn. Zeitblom, der Erzähler in Thomas Manns „Doktor Faustus“, entschuldigt sich dann rund zweieinhalb Jahrhunderte später vorneweg dafür, dass seine Darstellung des genialischen Komponisten Leverkühn subjektiv verfärbt ist, seine Erinnerung nun mal nur die seinige ist.

„Unzuverlässiges Erzählen“, wie man in der Literaturwissenschaft sagt, ist ein Kunstgriff von Zweiflern, die nicht schweigen, die nicht ohne Geschichte sein wollen. Das angehimmelte Ideal – sei’s das Rittertum, sei’s ein Jugendfreund – ermöglicht erst, ans Werk zu gehen. Wer sich auf das einlässt, was solch eine unsouveräne Autorität zu sagen hat, kommt viel unfreiwillig Wahrem auf die Schliche: so auch in Frank Witzels neuem Roman „Vondenloh“.

Wir haben es hier mit einem Erzähler zu tun, der hängengeblieben ist. Er hat sein Jura-Studium wohl nie abgeschlossen und arbeitet zwar im Tourismusbüro des ostschwäbischen Städtchens Leinheim, aber selbstverständlich fühlt er sich zu Höherem berufen als Fremdenverkehr. Sein tristes Leben in der Provinz wird bestimmt von der unerfüllten Jugendliebe zu einer gewissen Helga Dahmel, die mittlerweile als Bettine Vondenloh eine Schriftstellerin von Weltrang geworden ist – so zumindest der Erzähler – und mit Büchern wie „Das Pilzgericht“ oder „Liebestransit“ so große Erfolge feiert, dass sie sogar in Paris Signierstunden gibt. Trotz solcher Auftritte und Interviews in Zeitschriften attestiert ihr der Erzähler die fast obligatorische Medienscheu großer Genies. Klar ist nur, dass sie nach der Wende auf der literarischen Bühne ohne größere Vorankündigung erschien und seitdem in beständigem Rhythmus ihre Romane liefert. Das macht sie geheimnisvoll. Das dient tadellos als Beschäftigungsmaßnahme ausgewiesener Experten. Deren innerer Zwang, ihr (Erfolgs?-)Geheimnis zu lüften, geht so weit, dass Vondenloh bei einer Fachkonferenz vermeintlich als Stasi-Kinder-IM „Wiegenköder“ enttarnt wird, was dann irgendwie ihr Werk schon erklärt.

Selbstreferentielles Gerede

Den Mythos über ihre Vergangenheit will sich der Erzähler jedenfalls auch mit allen erdenklichen Mitteln zunutze machen, weil an seinen eigenen künstlerischen Versuchen niemand Interesse findet. Als Talkshowgast wird er zwar abgelehnt und auch sein Libretto über Vondenlohs Leben will niemand vertonen, aber bei einer Bahnfahrt gibt er sich vor der Reporterin der Frauenzeitschrift „CosmaShiva“ gekonnt als Vondenloh-Ex-Mann aus. Er täuscht vor, bei der Süddeutschen Zeitung zu arbeiten, um an Verlagsinterna zu kommen, begibt sich in Berliner Literatenkreise, wo eine ziemlich abgehalfterte Ex-Grand-Dame ihn nur im Pelzmantel bekleidet, Alkoholnachschub besorgen lässt, und ihrem selbstreferentiellen Gerede die Eitelkeiten der Society bloßstellt.

Aber der Erzähler kann’s nicht lassen. Er tut alles, um seiner Jugendliebe näher zu kommen, alles, um ja nicht ohne die Sicherheit, dass ihrer beider Künstlertum und Liebe durch die gemeinsame Kindheit und Jugend vorbestimmt wurde, selbst zu schreiben.

Am Ende des Romans will zwar immer noch niemand seine Werke – verständlich: schon früh gab er ihnen Titel wie „Das Mündel wie ein Schaumbad nehmen“ –, aber er steht immerhin Modell für eine Statue der Großdichterin in ihrer Heimatstadt und kann als Nachlassverwalter der Vondenloh sich in der Literaturbranche lebenslänglich wichtig nehmen.

Dazwischen zeichnet der Erzähler ganz nebenbei ein kleines Porträt der Nachkriegsgesellschaft im provinziellen Süddeutschland mit allerlei absurden, auch durchaus brutalen Geschichten: Der Sohnemann, der sich beim Zündeln an einem Motortank so schwer verbrennt, dass ihm über Jahre hinweg immer wieder neu die Haut abgezogen werden muss, tötet, natürlich eines Geldes wegen, seinen Vater, indem er ihm den Kopf in flüssigen Mörtel steckt, was dessen versteinerten Lunge zum begehrten Objekt für einen Pathologen macht. Zwei Stuttgarter Soldaten zerschießen zwei flüchtige Kleinganoven regelrecht, weil sie aus einem Gefangenentransport ausbrechen, um auf einem Feld ihre Notdurft zu verrichten.

Unterhaltsame Bloßstellung

Gewalt, Sex, Erpressung, Mord, Betrug stellen sich im Lauf der Lektüre sich immer mehr als unkünstlerisches Fundament von Künstlerkarrieren heraus. Die bemühten biografischen Deutungsfeinheiten von Vondenlohs Romanen, die der Erzähler stolz meint zu erkennen, disqualifiziert die Handlung recht schnell als Quatsch ab. Durch den Roman „Vondenloh“ zieht sich ein entmystifizierender, gesellschaftskritischer Impuls, der auch noch für Spannung und Witz sorgt. So verwandelt sich etwa die Anekdote, dass Bettine Vondenlohs Romane seien nie länger als 120 Seiten, weil der Erzähler ihr einst ein zur Hälfte verbranntes Exemplar – aus Wut über die mangelnde literarische Güte – von Peter Handkes „Der kurze Brief zum langen Abschied“ schenkte, in eine knallharte Maximalklausel ihres Verlags, der seine Leser mit wohlportionierten Büchlein bei der Stange halten will.

Das große Verdienst von Frank Witzels immerhin knapp 290 Seiten umfassendem Buch ist die unterhaltsame Bloßstellung vermeintlich hochintellektueller, unangreifbar erhabener Milieus, Theorien, Künstlercharaktere. Dass der Erzähler als ewiger Wannabe alle seine Sehnsüchte nach und Wunschvorstellungen von großer Kunst in die Konfektionsware Vondenlohs hineininterpretiert – die wohl nie viel für ihn übrig hatte –, um damit sein nicht gelebtes Leben zu rechtfertigen und letztlich durch ihren (unabsichtlich selbst herbeigeführten) Nachruhm seine Existenz sichert, ist bitterböse und saukomisch.

Ein Materialien-Teil aus Aufsätzen mehrerer zertifizierter Experten nach dem letzten Kapitel, in dem dann auch der Erzähler durch einen scheinbar gekränkten Liebhaber als „Frank Witzel“ kenntlich gemacht wird, bietet quasi als Vorab-Service Interpretationen aller Art für den soeben gelesenen Text und nimmt allein in den Aufsatztiteln „Lachen und Strafen“, „Madeleine und Bäckerblume“ oder „Du ist ein anderer“ verschiedene hochtrabende Interpretationsschemata aufs Korn. Der Leser soll sich gar nicht erst trauen, hier etwas mit angelernten Sinn-Angeboten zu beladen.

„Vondenloh“ ist uneingeschränkt jedem zu empfehlen, weil es als Kulturbetriebs-Krimi spannend und BRD-Kultur- und Provinzsatire sehr lustig ist. Als Antidot gegen ungelebte Künstlerleben im Kopf und Mystifikation einfacher Lügereien mittels elaborierter Theorie ist zur Lektüre zudem notorisch abgebrühten Lesern sehr zu raten!

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erstellt am 21.12.2018

Frank Witzel
Vondenloh
Broschiert, 287 Seiten
ISBN: 9783957576798
Matthes & Seitz, Berlin 2018

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