In einem bis heute nachhallenden Prozess wurde in Graz im Sommer 1963 Franz Murer, der „Schlächter von Vilnius“, freigesprochen. Die österreichisch-luxemburgische Koproduktion „Murer – Anatomie eines Prozesses“ bringt den Fall nun ins Kino. Der Film ließ Jens Balkenborg fassungslos zurück.

Filmkritik

Der Schrecken liegt in der Sachlichkeit

Hallende Schritte, die kalte, metallene Oberfläche eines Tresors, die Tür wird geöffnet, darin: die Akte Murer, Franz. „1963, Österreich“, verrät eine kurze Einblendung, dann sind wir in einer Zelle. Ein Gefängniswärter und Murers Anwalt beobachten irritiert, wie der Angeklagte seine Frau küsst, die beiden fast übereinander herfallen. Man diskutiert über den Anzug, den Murer im Prozess tragen soll. Bloß nicht den schicken mit den Abzeichen, der olle Janker muss es sein. „Eine abgewetzte Tracht, das ist Arbeit, das ist Heimat. Sie dürfen nur eines nicht: aus der Rolle fallen.“ Die Worte des Anwalts: überzeugend, kühl, kalkulierend.

Nein, Murer – Anatomie eines Prozesses ist nicht wieder „irgend so ein Nazifilm“. Was Drehbuchautor und Regisseur Christian Frosch da in 137 Minuten durchexerziert, ist historisches Präzisionskino par excellence. Zwei Minuten braucht er für seine Exposition, und damit ist alles gesagt. Danach geht es direkt in den Gerichtssaal, an den Ort der kaum fassbaren Ereignisse um Franz Murer. Dort wird der „Schlächter von Vilnius“ freigesprochen, in Graz im Sommer 1963, in einem bis heute nachhallenden Skandalprozess der postnazistischen Geschichte Österreichs.

Der steirische Großbauer und Lokalpolitiker Franz Murer tritt 1938 der NSDAP bei, von 1941 bis 43 ist er als stellvertretender Gebietskommissar im Ghetto von Vilnius für „jüdische Angelegenheiten“ zuständig und gilt als einer der Hauptverantwortlichen für die Vernichtung der Juden. Dank der Ermittlungen des als „Nazijäger“ bekannten Simon Wiesenthal wird Murer nach Kriegsende gleich mehrmals vor Gericht gestellt. 1948 wird er in Litauen zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, aber bereits 1955 unter der Voraussetzung nach Österreich überführt, dass man den Prozess gegen ihn dort wieder aufnimmt. Das Verfahren wird jedoch gar nicht erst eingeleitet, die österreichische Justiz scheint nicht interessiert, ihn zu belangen. Erst 1962 dann landet Murer erneut vor Gericht, das neue Belastungsmaterial Wiesenthals drängt die Justiz zum Handeln.

Frosch spitzt seinen Film auf die zehn Tage dauernde Hauptverhandlung dieses Prozesses zu, Grundlage bildeten die originalen Gerichtsprotokolle. Die Bilder von Kameramann Frank Amann nehmen den Zuschauer mit in den Saal, zwischen Staatsanwalt Schuhmann (Roland Jaeger), den windigen Verteidiger Böck (Alexander E. Fennon), die Richter, die Geschworenen, die aus aller Welt angereisten Zeugen und eben diesen Franz Murer (Karl Fischer) in seinem Janker, der seine Unschuld in allen Anklagepunkten beteuert. Amann holt die Beteiligten immer wieder nahe ran, oft frontal gefilmt, macht sie wahrhaftig. Und findet in den Gesichtern der Zeugen die Spuren ihrer Geschichten: über Murers Pistole, die unzähligen Morde, seinen Sadismus. Böck negiert all das. „Welche Farbe hatte Murers Uniform?“, fragt er immer wieder und bekommt meist die erhoffte falsche Antwort.

Mit einer nüchternen Inszenierung und einer inneren, fast beiläufig sich anschleichenden Spannung bringt Frosch die historische Unmöglichkeit des Falls Murer in eine filmische Form und seziert sie mit medizinischer Akribie. Der Schrecken liegt in der Sachlichkeit: Murer, dem Fischer die Aura kühlen Teflons gibt, ist ein Mensch. Er hat Kinder, zwischendurch isst er Kuchen. „Das ist nicht meine Einstellung, es war die Zeit, es war Krieg“, erwidert er einmal während der Verhandlung. Er hat nichts Diabolisches, wird aber gerade dadurch zum Teufel. Und für Frosch zum Vehikel für eine vielstimmige Erzählung, die sich peu à peu zu einem erschütternden Zeitbild zusammenfügt.

Immer wieder verlässt der Film das Kammerspiel im Gerichtssaal, strickt die Geschichten der vielen, teils fiktiven, am Prozess beteiligten Personen. Wir sehen die Geschworenen beim Mittagessen, den im Hintergrund die Strippen ziehenden Rechercheur Wiesenthal (Karl Markovics), verschiedene Pressevertreter, darunter Rosa Segev (Melita Jurisic), eine jüdische Journalistin aus Amerika, und natürlich die Zeugen, wie sie sich beraten, sich anfeinden, sich einig sind, etwa darüber, dass man ohne ein Stück Brot unter dem Kopfkissen nicht einschlafen kann. Ein Lachen gegen den Schmerz. Die Verstrickungen des Falls reichen bis in die höchsten politischen Lager und zeugen von alles anderem als dem freien Österreich, das Verteidiger Böck feierlich beschwört.

Frosch erzählt dermaßen auf den Punkt, dass sein Film trotz der vielen Perspektiven, die er einnimmt, niemals ausfranst. Aus Details entstehen in Murer ganze dramaturgische Bögen. Da schneidet etwa einmal jemand einen Apfel mit einem Messer, das im Laufe des Films eine Rolle spielen wird – und erst sehr viel später erfahren wir, warum der Mann den Apfel mehr lutscht, als ihn zu kauen. Mosaikartig setzt sich so ein messerscharf gezeichnetes, engmaschiges Geflecht aus Agitatoren, Tätern, Opfern und Zusehenden zusammen.

„Ein denkwürdiger Auftritt wie in Hollywood“, attestiert der zermürbte Staatsanwalt Schuhmann seinem Kontrahenten, als die beiden sich nach der Verhandlung auf der Toilette treffen. Was auf dessen rhetorisch gewandtes Schlussplädoyer zutreffen mag, gilt nicht für Murer. Nein, das ist nicht Hollywood, es gibt kein Happy End. Auch die Blumen, mit denen die Bevölkerung den „Schlächter von Vilnius“ am Ende feiert, sind keine filmische Überhöhung, viele Blumengeschäfte in Graz waren leer gekauft. Man bleibt fassungslos zurück.

Der Text ist in der Wochenzeitung der Freitag erschienen.

Filmtrailer „Murer – Anatomie eines Prozesses“

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Kommentare


Eckart Britsch - ( 19-12-2018 09:54:01 )
Man versteht, wie sehr die - die ganze Gesellschaft - von Nazis entscheidend durchsetzt und vom braunen Ungeist immer noch begeistert war.

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erstellt am 13.12.2018

Filmplakat „Murer – Anatomie eines Prozesses“, © Prisma Film
Filmplakat „Murer – Anatomie eines Prozesses“, © Prisma Film