Die Grand Tour, jene seit der Renaissance zuerst vom Adel, später vom Bürgertum und von Künstlern getätigte Bildungsreise, hat ihre Spuren in der Kunstgeschichte hinterlassen. Aber die Frauen, wo waren sie? ist die Ausgangsfrage eines Reise- und Rechercheprojektes zum Sehnsuchtsziel Italien. Fünf Künstlerinnen und eine Musikerin aus Frankfurt waren eingeladen, sich auf Spurensuche zu begeben und nach Italien zu reisen. Faust-Kultur bringt Auszüge aus dem dazu erschienenen Reisetagebuch.

Buchauszug

»O glückliche, reiche einzige Tage«

Tagebuch einer Reise von Frankfurt nach Rom

Ein Prolog

Eine Spurensuche. Die klassische Bildungsreise nach Italien, die Grandtour, führte über die Alpen nach Venedig, dann weiter über Florenz nach Rom und schließlich bis Neapel. Höhepunkt einer jeden Italienreise war seit jeher die Ewige Stadt – Rom. Zunächst dem europäischen Adel vorbehalten, zogen zunehmend auch das gebildete Bürgertum, Gelehrte, Dichter und Maler nach Italien und nach Rom. Vom 18. Jahrhundert an durchstreifen Schriftsteller wie Goethe, Seume oder Gregorovius die Landschaft und wandern aus Rom hinaus. Auch die Maler waren vor Ort. Die Albaner Berge und die Kaskaden von Tivoli – die Gemäldegalerien sind voll davon: Koch, Hackert, Corot. – Und die Frauen, wo waren sie?

Ewige Stadt

Ankunft. Reisende beschreiben, wie die Stadt Rom in der Ebene vor Ihnen liegt. Sie überqueren, von Norden kommend, den Ponte Milvio und erreichen entlang der Via Flaminia durch die Porta del Popolo Rom. Die Ewige Stadt.

Heute gehört die Via Flaminia bereits zum Stadtgebiet. Wohnblöcke, Oleandergrün, in der Mitte der mehrspurigen Straße fährt die Straßenbahn. Linkerhand taucht der Sportpalast von Nervi auf, rechts die Kunstakademie. Auch wenn man sich mit der Metro fortbewegt, kommt man durch die Porta del Popolo in die Stadt hinein. Rund um die Piazza del Popolo, die Via del Corso und die Spanische Treppe spielte sich früher das internationale Künstlerleben ab. Hier haben Reisende gewohnt, von hier aus haben sie die Stadt erforscht.

Ninna Korhonen-Schwegler, Looking for 1860, Performance, Rom 2018, Foto: Sonja Müller

Das, was Rom bis heute ausmacht, ist am ehesten die barocke Stadt. Die Monumentalität, die sich in der Struktur der Stadt erschließt, die Dramaturgie, das bühnenhafte Wesen. Aber auch die Wege, Achsen und Straßen, die seit jeher die Stadt durchziehen, von Plätzen, Brunnen und Obelisken markiert. Die Plätze bilden die Weite, die Bühne und die Horizontalität. Achsen und Straßen teilen die Stadt in waagrechte Flächen auf und führen auch aus ihr hinaus, verbinden das städtische Gefüge mit dem umgebenden Land. Die Obelisken streben in die Höhe und markieren Punkte wie Stecknadeln auf einem Plan.

Während einer Reise, eines Spaziergangs, bewegen wir uns in der Fläche fort und orientieren uns mit einem Plan, der ein abstraktes Liniengefüge ist. Sehnsucht und Erinnerung ragen punktuell heraus, werden zu Bildern oder Skulpturen. Es gilt, die Punkte der Ankunft, des Abschieds und des Transits zu markieren. Und zu begreifen, wo die Ruhepunkte sind.

Appia

Unterwegs. Die Reise führt aus Rom hinaus in die nähere Umgebung und dann weiter von der Höhe in die Ebene der Pontinischen Sümpfe hinab. Die Appia ist linear und zerschneidet die Ebene wie ein Band. Sie ist als Transit zu befahren und kein Ort, um zu verweilen. Der heutige Charakter ist schnell, es gibt keine Verbindung, keine Verschmelzung mit dem umgebenden Land. Diese Straße ist ein Korridor, gerahmt durch das lange Band der Pinien, die die Appia nach oben abschließen wie ein Schirm. Immer schon war die Appia ein Transitort, in früheren Zeiten durchschnitt sie die Ebene, aus deren Sümpfen man die vermeintlichen Dämpfe der Malaria aufsteigen sah.

Die Pontinische Ebene war bis zur Trockenlegung und Urbarmachung unter Mussolini ein malariaverseuchtes Sumpfgebiet. Berge, die abrupt abbrechen und der Kontrast zu der weiten Ebene im Tal. Das urbar gemachte Land ist im Frühling ein Teppich aus Blüten. Der Frühling kam spät in diesem Jahr, jetzt ist die Vegetation explodiert, die Wiesen strahlend hellgrün, blütenreich, überall wuchernde Glyzinien, die eine oder andere Rose ist schon dabei. Innerhalb weniger Tage sind alle Hecken grün, an manchen Stellen wird gemäht, und unter dem strahlenden Grün kommt schon das dürre Gelb des Frühsommers hervor.

Die Landschaft ist von der Pinie und der Zypresse charakterisiert. Hoch, spitz zulaufend in den Himmel gestreckt die Zypresse, mit tiefen Wurzeln, die die Seelen der Nacht ans Tageslicht holen sagt man. Hoch auch die Pinie, ihre Krone bildet einen flachen dichten Schirm.

Julia Roppel, Capri – Santa Chiara, Frankfurt, 15.6.2018, Bleistift, Aquarell auf Papier, 21×29,5 cm

Termini

Termini. Hier endet unsere Reise. Vorerst. Wir haben uns von der Sehnsucht führen und verführen lassen, dabei vor allem in die Landschaft geblickt. Wir haben uns von der Romantik blenden lassen, von einem romantisierenden Blick.

Der Strang des Reisetagebuchs entrollt sich von Norden nach Süden, bis Rom und aus der Stadt heraus. In die Peripherie und die nähere Umgebung, in die römische Campagna, durch die pontinischen Sümpfe, und über die Via Appia bis nach Neapel und zum Vesuv. Unsere Italienreise beschreibt das Dazwischen, die Orte des Transits, die rechts und links der Appia liegen, oder die Vegetation, die zwischen den antiken Monumenten sprießt. Wir reisen im Auto aber ohne Navigation. Wir kommen von hinten, und stoßen auf Nebenstraßen in das Zentrum vor, die Richtungen wechseln. Die Ziele definieren sich durch Orte, Themen und Fragen, für die sich die Künstlerinnen interessieren. Alte Reiseberichte erscheinen wie ein roter Faden, der sich seit Jahrhunderten wiederholt, und sich auf unserer Reise zwar nicht aufzulösen, aber dennoch durchlässiger zu werden scheint.

Sammeln von Skizzen und Streiflichtern, Erinnerungsfetzen und individuellen Souvenirs. Fotografien, Gemälde und Beobachtungen, die Italien und seine Landschaft thematisieren. Dieses Reisetagebuch ist als eine künstlerische und sinnliche Annäherung gedacht. Und als Hommage an die mutigen Frauen, die bereits lange vor uns, selbstbestimmt und frei, das Abenteuer gewagt haben und nach Italien gezogen sind. Diese Reise ist auch eine Zeitreise, oder besser: eine Reise, die die Zeit vergisst, Künstlerinnen und Schriftstellerinnen zu Wort kommen lässt und ihre Stimmen mit unserem heutigen Blick kombiniert.

Auszug aus: zurück die Seele nicht. Tagebuch einer Reise von Frankfurt nach Rom. Mit Despina Apostolou, Fides Becker, Ninna Korhonen-Schwegler, Julia Roppel, Martina Wolf und Dana Zeisberger. Herausgegeben von Sonja Müller
© Sonja Müller

Das Reise- und Rechercheprojekt und die Publikation wurden finanziert vom Frauenreferat der Stadt Frankfurt am Main im Rahmen der Kampagne Frauen.Macht.Politik

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erstellt am 13.12.2018

zurück die Seele nicht
Tagebuch einer Reise von Frankfurt nach Rom
Mit Despina Apostolou, Fides Becker, Ninna Korhonen-Schwegler, Julia Roppel, Martina Wolf und Dana Zeisberger
Herausgegeben von Sonja Müller

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