Der einäugige Ernest Herz tritt den Posten des Bibliotheksleiters in einem abgelegenen Kloster an. Sein Vorgänger beging Selbstmord. Mit Herz' Ankunft an seiner neuen Arbeitsstätte beginnt Marjana Gaponenkos jüngster Roman: „Der Dorfgescheite“. Die Autorin versteht es, Spannung aufzubauen und zu steigern, meint Martin Lüdke.

Lüdkes liederliche Liste

Sündige Klosterbrüder

Schon der junge Ernest Herz hatte einen ausgeprägten Hang ins „Systematisch-Methodische“ und schaffte sich deshalb einen Zettelkasten an, doch nicht, um die Früchte seiner umfangreichen Lektüren, in Häppchen geschnitten, zur weiteren Verwendung bereit zu halten, sondern ähnlich wie sein früher Vorgänger Casanova, der ja ebenfalls als Bibliothekar endete, die Erkenntnisse seines Liebeslebens, im Fall von Herz, die spezifischen Merkmale seiner Geliebten penibel auf Karteikärtchen abzuspeichern. Das vermeintliche Handicap, das den jungen Mann weithin sichtbar auszeichnete, eine schwarze Augenbinde, die sein fehlendes Auge verdeckte, erwies sich im Gegenteil als eine zusätzliche Attraktion. Die Frauen flogen auf ihn und er machte einen regen Gebrauch von den sich dadurch bietenden Möglichkeiten, weshalb er, schon um der Übersicht willen, anfing, sich auf kleinen Kärtchen Notizen zu machen und die Ergebnisse dieser Bemühung in seinem Zettelkasten zu sammeln. Es ist eine stattliche Sammlung geworden, quer durch alle Berufsgruppen, großzügig in der Altersbegrenzung, und sparsam in den Auskünften, die er über sich selbst preisgab. Eine Frau, die sich wünschte, hinter den Augenklappe sehen zu dürfen, wurde sofort hinauskomplimentiert. So ging vielleicht nicht Tag für Tag, doch sicher Jahr um Jahr, bis sich, eines schönes Tages, Ernest Herz auf den Weg in die tiefste Provinz machte, um dort die Stelle des Bibliothekars der zweitgrößten Klosterbibliothek des Abendlandes anzutreten und fortan keineswegs keusch, doch vor allem mit seinen Büchern zu leben, woran es in diesem Hort bibliophiler Schätze bei Gott nicht mangelte.

Marjana Gaponenko, Foto: Alexander Paul Englert
Marjana Gaponenko, Foto: A. P. Englert

Mit der Ankunft von Ernest Herz an seiner neuen Arbeitsstätte beginnt der neue Roman von Marjana Gaponenko: „Der Dorfgescheite. Ein Bibliothekarsroman“. Die Autorin wurde 1981 in Odessa geboren. Schon früh begann sie zu schreiben, und zwar von Anfang an auf Deutsch. Ihr erstes Buch, eine Sammlung von Gedichten, ist im Jahre 2000 erschienen. Mittlerweile hat sie ein Dutzend Bücher veröffentlicht, u.a. bei Suhrkamp, jetzt bei C.H. Beck. Ein Wunderkind? Zumindest ein sehr ungewöhnliches Talent.

Ihr neuer Roman kommt mir vor, wie gelungene Synthese von Nikolai Gogol und Thomas Bernhard, auch wenn der Stil erkennbar ihr eigener ist: Gaponenko. Ihre skurrile Phantasie entfaltet sich in einer leicht beklemmenden, fast düsteren Atmosphäre des kleinen Ortes, über dem das Kloster thront. Zur Ausstattung des Ortes gehört, neben dem „zweigleisigen“ Bahnhof, erstaunlicherweise auch ein Bordell und, direkt daneben, ein äußerst seltsame Kneipe, in der, ebenso erstaunlich, nur Liköre, mit allerdings beachtlicher Wirkung, ausgeschenkt werden.

Herz’ Vorgänger, ein gewisser Mrozeck, Stammgast der Kneipe, hatte sich offenbar in den Kellner Rhaphael, einen leicht autistischen, engelhaft aussehenden Sonderling verliebt. (Zu beachten: wir bewegen uns im Bannkreis der katholischen Kirche.)

Zum Nachlass dieses Mrozeck gehört eine mittelalterliche Handschrift, versteckt im Aschenkasten des Kamins. Dieses Buch zählte nicht zum Bestand der Bibliothek. Seine Herkunft lässt sich nicht ermitteln. Eine rätselhafte Geschichte, zumal Mrozeck sich auf höchst seltsame Weise, brennend aus dem Fenster stürzend, umgebracht hat.

Zu den Aufgaben seines Nachfolgers, unseres Ernest Herz, zählt auch, den Bestand der Bibliothek digital zu sichern. Herz ist zunächst bestürzt, als er erfährt, dass damit keineswegs ein öffentlicher Zugang zu diesen Schätzen der Überlieferung verbunden werden soll. Seine Hilfskräfte kündigen deshalb sofort. Das Wissen dieser Bücher soll nicht nach außen dringen. Herz akzeptiert. Er wird bald sogar als sogenannter „Oblat“ in die Gemeinschaft des Klosters eingebunden.

Um diese diversen Rätsel zu lösen, sucht Herz die Nähe des schönen Kellners. Langsam gewinnt er dessen Vertrauen. Der Roman steuert damit auf sein dramatisches Finale zu.

Gaponenko versteht es, Spannung aufzubauen und fortschreitend zu steigern. Sie verwendet dabei keine Bausätze des Kriminalromans, sondern arbeitet mit einer fortschreitenden Verdichtung ihrer Motive. Zudem widersteht sie der naheliegenden Versuchung, die verschiedenen Rätsel aufzulösen. Manches klärt sich im Fortgangs des Geschehens. Anderes bleibt, wie auch sonst im Leben, rätselhaft. Ewige Seligkeit, soviel ist sicher, hat sich hier keiner verdient.

Marjana Gaponenko hat einmal erklärt, dass sie sich zum „Pompösen“, „Opulenten“ und „Barocken“ hingezogen fühle. In ihrem neuen Roman ist von dieser Neigung nicht viel zu spüren, auch wenn sie ihre Figuren bildhaft plastisch charakterisiert: „Herr Schmalbacher stülpte sich ein Lächeln über, das ihn wie einen mumifizierten Nager aussehen ließ“. Und Herz, „ein Mann des Wortes“ verzichtet darauf Proben des Parfüms seiner Geliebten zu sammeln und begnügt sich mit verfügbaren Kritiken. Ja: „Er genoss die Duftrezensionen wie kleine Delikatessen.“ Genau so lassen sich die Sätze dieses Romans überhaupt lesen. Wie eine Sammlung von Delikatessen. Vladimir Nabokov hatte es ihr einst vorgemacht, wie man in einer ursprünglich fremden Sprache die Wörter glänzen und die Bilder tanzen lassen kann. Ein Bauer, in der Kneipe von Raphael: „Sein Gesicht voller Leberflecken wirkte melancholisch, als hätte der Pflug der Kultur eine Furche im Acker des Stumpfsinns hinterlassen.“ Hier zeigt sich das Erbe russischsprachiger Literatur in diesem wunderbaren Buch der deutschen Autorin ukrainischer Herkunft Marjana Gaponenko. Ein wirklich großer Wurf.

Videolesung von Marjana Gaponenko: „Der Dorfgescheite“

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erstellt am 07.12.2018

Marjana Gaponenko
Der Dorfgescheite
Ein Bibliothekarsroman
Gebunden, 287 Seiten
ISBN: 978-3-406-72627-9
Verlag C.H. Beck, München 2018

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