Tuschicks Kolumne

Jämmerlicher Mief

In Lina Wolffs zweitem Roman „Die polyglotten Liebhaber“ trifft die Kampfkünstlerin Ellinor einen Kulturjournalisten, der wie „ein Stück Scheiße“ behandelt werden möchte. Jamal Tuschick hat das Buch gelesen.

Bedenkt man aktuelle Lebensspannen, dann sind die zwanzig bis dreißig Jahre im Reproduktionsmodus, wenigstens in der retrospektiven Betrachtung, eine Phase von geringer Originalität. Ellinor fängt an, das zu ahnen, als ihre Attraktivität nachlässt, und „ein paar Kilo zu viel“ den besten Liebhaber weit und breit Abstand nehmen lassen. Er erscheint wie eine Erfindung von Hemingway. Ausgedacht hat sich Johnny aber Lina Wolff als Idol ihrer Erzählerin, die bei dem versierten Nahkämpfer, Schützen und Jäger in die Schule gegangen ist. Sie weiß:

„Es gibt kaum was Besseres im Leben, als sich zu prügeln.“

Das konkrete Erlebnis der Kombination von Attraktivitätsverlust und Liebesentzug liegt in der Handlungsgegenwart Jahre zurück. Ellinor ist sechsunddreißig und hat als Erwachsene stets alleingelebt, als sie ein Profil auf einer Dating Site anlegt. Im nächsten Schritt zieht die Schwedin zu Klaus nach Kopenhagen und von da an verliert das Romangeschehen seine Plausibilität und zwar nicht so wie ein Schlauch durch ein kleines Loch langsam Luft verliert. Klaus stinkt nach seiner Krankheit. Er ist Alkoholiker und die Erzählerin, die sowieso seltsam unverbunden mit allen und allem zu sein scheint, legt sich zu einem, der „nach Alkohol und Dreck“ stinkt, „körperlichem Dreck, als wüsste sein Körper nicht, wohin mit dem ganzen Gift, weshalb er ein Gegengift“ produziert.

Ein „jämmerlicher Mief“ bereitet Ellinor „Übelkeit“. Am Ende der Episode würde sie Klaus gern brutal töten in einem an den Haaren herbeigezogenen Furor.

Warum ist sie zu Klaus gezogen?

Schon jetzt, ziemlich am Anfang, passt nichts mehr zusammen. Eine von Haus aus Bedürfnislose macht schlechte Erfahrungen ohne Not. Sie sehnt sich nach dem Dorf ihrer Herkunft und anstatt dahinzufahren und vielleicht auch Johnny wiederzusehen, verabredet sie sich mit einem, der sie so kennenlernen will:

„Setz dich an die Bar und tu so, als wärst du käuflich.“

Ellinor trifft Calisto – einen fetten versoffenen Kulturjournalisten, der von ihr wie „ein Stück Scheiße“ behandelt werden möchte. Er ist (zunächst noch) im Besitz eines ihm besonders wichtigen Manuskripts. Dessen Titel betitelt auch den Roman. Die Geschichte in der Geschichte führt nicht weiter. Lina Wolff versucht aus der unterbelichteten Ellinor eine Obsessive zu machen. Des Wahnsinns fette Beute kann sie jedoch nicht werden; Ellinor ist in ihrem reduzierten Zustand zu ausgeglichen auf der Wie-du-mir-so-ich-dir-Schiene.

Ellinor teilt sich das Mandat der Erzähler*in mit Max und Lucrezia. Max ist ein polyglotter Liebhaber. Obwohl er schon vierundfünfzig ist, sucht er tapfer weiter eine Frau, die in seinem Sprachmeer nicht untergeht.

Max fasziniert „Verlebtes und Defektes“. Ihm begegnet ein Mann, der in seinem Kopf einen Wurm vermutet.

Bleibt Lucrezia. Nach einer Kindheit im (gepumpten) Reichtum, steht sie nun ohne Mittel da. Sie bittet Max um hunderttausend Euro, obwohl er eher ein Feind als ein Freund ist. Mit ihr gelangt die Leserin aus Skandinavien nach Italien.

Lina Wolff gelingt es nicht, die Handlungsfäden zusammenzuführen und die Physiognomien ihrer Protagonist*innen in eine Seelenlandschaft zu verwandeln – was der Suggestion entspräche. Das heimliche Romanthema ist Rache. Wolff schildert Charaktere, die ständig verletzt werden und in einer Art Selbstverteidigungswahnsinn alttestamentarische Gleichungen aufstellen. Was sich bei Ellinor andeutet, ein ungebremster Kampfgeist, mobilisiert auch Max und Lucrezia in der Absurdität der Ahnungslosigkeit. Keine® weiß, was Rache bedeutet. Rache nehmen zu müssen, ist das Eingeständnis einer Niederlage – und keine Beschäftigung für Sieger.

Lina Wolff, Die polyglotten Liebhaber, aus dem Schwedischen von Stefan Pluschkat, Hoffmann und Campe, 283 Seiten

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erstellt am 07.12.2018

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll in seine Kolumne auf Faust Kultur.