In Anna Maria Bachers Gedichtband „Öigublêkch/ Augenblicke/ Colpo d’occhio“ ist die Natur so präsent, wie sie aus ihrem Walserdeutsch herauszubrechen scheint. Was geschieht damit im Deutschen und Italienischen? Die Übersetzungen erinnern an eine aussterbende Kultur. Bernd Leukert hat sich mit den fremden Welten befasst.

Gedichte in drei Sprachen von Anna Maria Bacher

Zwischen Moos und Farn

Anna Maria Bacher, Foto: privat
Anna Maria Bacher, Foto: privat

‚Schmetterling’ heißt ‚Fligholderna’ und ‚Flügel’ ‚Fäkchtjänu’. Da reicht einem die Phantasie nicht, mit der sich oft das Hochdeutsche im Fremdwort erkennen lässt. Die Frage ist nicht zu beantworten, ob das Walserdeutsch diese archaische Wirkung erzeugt, die poetische Wortwahl oder vielleicht die walserdeutsche Wortwahl. Die Lyrikerin Anna Maria Bacher, geboren 1947 in Gurfulu/Grovella im piemontesischen Pomattertal/Val Formazza, schreibt auf „Titsch“, – eine Variante dieser aussterbenden Sprache, die eine gesprochene Sprache ist, also nicht über eine eigene Schrift verfügt, sondern mit lateinischen Buchstaben – mit Umlauten und sogenannten Sonderzeichen – nachgebildet wird. Es gibt Einzeluntersuchungen zu Differenzen gegenüber benachbarten Dialekten, aber ein Wörterbuch des Walserdeutschen gibt es nicht. (so Volmar Schmid in: Das „Walserdeutsche“ im Oberwallis)

Der schweizer Limmat Verlag, der sich mit einem enormen Angebot an mehrsprachigen Lyrik-Publikationen hervortut, hat den neuen Gedichtband von Anna Maria Bacher – wie die meisten Bücher ihres poetischen Werkes – dreisprachig, also auf Walserdeutsch, Deutsch und Italienisch in der Übersetzung von Kurt Wanner herausgebracht. Der Titel lässt schon die Kategorien ahnen, die sich im Verbund dieser drei Sprachen herausbilden: Öigublêkch/ Augenblicke/ Colpo d’occhio. Die Unterschiede scheinen über die zu erwartenden der Kulturen hinauszureichen und das jeweilige Verständnis der Poesie selbst zu kennzeichnen.

Es überrascht nicht, dass die Natur der häufigste Gegenstand dieser kunstvoll einfachen Dichtung ist: Einfache Poesie/ mit leichten Flügeln,/ die nach Oregano und/ Thymian/ duftet,/ wilde Poesie,/ die zwischen Moos/ und Farn/ singt …

Unter den Jahreszeiten, die den Szenenwechsel der Natur auslösen, ist der Herbst der Protagonist: O lieblicher Herbst,/ Künstler der Farbe/ und der Schatten!

Der zweite Teil eines der anderen Herbstgedichte lautet: Ziellos/ fliegt das Laub hin und her,/ gezwungen vom Wind,/ und atmet/ vor Ergebenheit. Diese Ergebenheit heißt im Walserdeutschen Rassenjatzjoo. Und das kommt, wie der italienischen Übersetzung leicht zu entnehmen ist, von rassegnazione. Der Dialekt holt sich seine Lehnwörter, wo sie ihm nahe sind.

Manchmal verdichtet sich das poetische Sprechen epigrammatisch zur dreizeiligen Naturnotiz, die dem Haiku ähnelt: Am vertrockneten Stengel/ hängt eine Spinnwebe./ Herbstliche Sehnsucht., – wobei die herbstliche Sehnsucht (Plangändä Herbscht) im Italienischen mit Malincolico autunno wiedergegeben wird. An anderer Stelle (Mit meiner Sehnsucht/ die Schatten des Abends.) wird mit Sehnsucht Lengitzit übersetzt, im Italienischen: solitudine. Mit anderen Worten, wer von Bedeutungsfeldern ernten will, muss mehr als nur schriftkundig sein.

Pomattertal / Val Formazza, Foto: MarkusMark [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], from Wikimedia Commons
Pomattertal / Val Formazza, Foto: MarkusMark via Wikimedia Commons

Andererseits ist aufs pure Nichtverstehen zurückgeworfen, wer, wie Friedrich Schleiermacher („Ueber die verschiedenen Methoden des Uebersezens“), die Exklusivität jeder Sprache betont: „Jeder Mensch ist auf der einen Seite in der Gewalt der Sprache, die er redet; er und sein ganzes Denken ist ein Erzeugniß derselben. Er kann nichts mit völliger Bestimmtheit denken, was außerhalb der Grenzen derselben läge; die Gestalt seiner Begriffe, die Art und die Grenzen ihrer Verknüpfbarkeit ist ihm vorgezeichnet durch die Sprache, in der er geboren und erzogen ist, Verstand und Fantasie sind durch sie gebunden.“

Poeten, Linguisten und Komparatisten blicken inzwischen über die Art und die Grenzen einer Sprache notwendigerweise hinaus. Die genaue Kenntnis der Sprachgeschichte, der Lautverschiebungen und Bedeutungsvarianten lassen die Einflüsse fremder Sprachen auf die eigene hervortreten. Bei dieser dreisprachigen Konstellation aber fällt auf, dass die Gedichte gleichsam in drei verschiedene Textsorten zerfallen. Diesem kräftig-urigen Walserdeutsch mit seinen für deutsche Ohren oft kuriosen Wendungen nimmt man alles ab, so als ob sich in diesem Dialekt die Elemente selbst äußerten. Solch naturhafte Lautung lässt sich im Hochdeutschen gar nicht nachbilden. Der Übersetzer Kurt Wanner ist sehr einfühlsam dem Original gefolgt und hat dessen Schlichtheit bewahrt. Dabei geschieht es allerdings, dass manchmal die animierte Natur ‚tümlich’ wird (um nicht das Wort ‚kitschig’ zu verwenden, weil mit diesem Begriff zumeist Schindluder getrieben wird), wie etwa im Gedicht „Herbschtlichä Abä“: Dri gälwi Bletter/ rüschun t Ferborgänä/ dem Wênn kschtolni/ un der herbschtlich Abä/ lost un rotät.

Im Hochdeutschen liest sich der „Herbstliche Abend“ so: Drei gelbe Blätter/ tuscheln über die dem Wind/ gestohlenen Geheimnisse, und der herbstliche Abend/ hört hin und errötet.

Es stellt sich die Frage, ob es lediglich an der verschiedenen sprachlichen Mentalität liegt, dass eine solche Bedeutungsdifferenz bei wortgetreuer Übersetzung entstehen kann, – zumal die italienische Version „Sera autunnale“ noch weiter weg zu springen scheint: Tre foglie gialle/ bisbigliano i segreti/ rubati al vento/ e la sera autunnale/ ascolta arrossendo. Das Italienische bewahrt in diesem Vergleich eine literarisch-deskriptive Distanz zur Aussage. Unterschiedliche Traditionen, einen Text als Gedicht zu erkennen, mögen die verwandtschaftliche Fremdheit verstärken: Die Instanz der italienischen Poesia samt ihrem in würdiger Schlichtheit gehaltenen, hohen Ton entrückt das Titsch in eine andere Klasse, in die Sphäre literarischer Noblesse.

Anna Maria Bacher, die die Kultur und die Sprache des Pomattertals repräsentiert, weiß aber auch, dass der Prozess des Verschwindens dieser Eigenheiten nicht aufzuhalten ist. Nicht nur die verlassenen Dörfer mit ihren Schatten vergangener Leben machen das mehr als deutlich und ziehen eine melancholische Stimmung durch ihre Dichtung, denen fein gemalte Sprachbilder und berührende Widmungsgedichte entgegenstehen, wie das für ihren Mann Luigi:

Wenn du heimkommst,/ hör ich dich schon von weitem,/ du pfeifst fast wie ein Buchfink,/ deine gute Laune/ steckt an.// Lieber Gefährte,/ du riechst nach Wald/ und gibst Farbe meinem Leben,/ ich bin dir dankbar,/ weil du meinen Dornen/ die Spitze brichst.// Wenn du nicht bei mir bist,/ spüre ich einen Schmerz/ zwischen den Rippen/ gleich hier,/ neben meinem Herzen,/ drum sag ich dir,/ lass mich nie allein.

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erstellt am 30.11.2018

Europa ist ein Ensemble der kulturellen Besonderheiten. Sie treten im Sprechen und Denken hervor und lassen sich in zweisprachigen Gedichtbänden nachlesen. In der Lyrik aber geht es darüber hinaus noch um Unübersetzbares, das unverzichtbar, aber wohl unerreichbar ist. Um diese Differenzen geht es bei der Übersetzung, und um solche Differenzen geht es in Europa. Um sie bewusst zu machen, veröffentlicht Faust-Kultur in loser Folge Besprechungen zwei- oder mehrsprachiger Gedichtbände.

Anna Maria Bacher
Öigublêkch/ Augenblicke/ Colpo d’occhio
Gedichte Walserdeutsch, Deutsch und Italienisch
Herausgegeben und ins Deutsche übersetzt von Kurt Wanner
Vorwort von Annibale Salsa
Gebunden mit Schutzumschlag, 152 Seiten
ISBN 978-3-85791-828-5
Limmat Verlag, Zürich 2017

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