Tuschicks Kolumne

Saumselig

Gerhard Henschels jüngst erschienener „Erfolgsroman“ setzt die Martin-Schlosser-Chronik im achten Band fort. Darin schickt sich Schlosser an, ein erfolgreicher Autor zu werden und zieht nach Berlin. Jamal Tuschick hat den Roman gelesen.

Martin Schlosser steckt noch im Trennungsschmerz, als die Geschichte losgeht. Trotzdem streckt er die Fühler aus und erlebt schon bald wieder nicht nur mit (der in Regensburg studierenden) Kathrin Passig eine schöne Zeit.

„Kathrin rief an: Sie sei gut nach Regensburg gekommen.“ … „Und jetzt genieße ich das Alleinsein. Kein Geschnarche mehr und kein Zigarettenqualm.“

Schlosser bilanziert: „Telefonate mit Kathrin, Glossen für Kowalski, Malefizturniere mit Oma.“

Dass ihm die Zeit davonläuft, erkennt Schlosser an den Wachstumsraten der nachkommenden Verwandtschaft. Er begegnet den Zeitgenossen auf der Schwelle zum Erfolg Anfang der Neunziger. Schlosser schildert sich saumselig als Studienabbrecher, Sohn eines in der Erbitterung vergreisenden Weltmannes und Enkel einer tadellosen Oma, die ihn mit Seelachs, Pellkartoffeln und Gurkensalat versorgt. Er „verputzt große Portionen“ und revanchiert sich mit einem Unterhaltungsprogramm wie aus der Vorweltkriegszeit. Es wird vorgelesen und gespielt, im Fernseher kommt ehe nur Mist.

Zur Schlossers Erbauung trägt die Lokalpresse bei. Schlosser sammelt Stilblüten und andere Kuriosa und bringt sich im Weiteren mit gemäßigt guter Laune über die Runden. Noch ist er ein von der rührenden Verwandtschaft Alimentierter. Zur familiären Wohlfahrt kommen Einnahmen aus Veröffentlichungen und aus Nachtschichten in einer Diskothek, in der sich Friesen und Mecklenburger robust begegnen.

Das wird nach allen Seiten hin breit erzählt. Erster Schauplatz ist Schortens, heute ein anerkannter Kurort im Landkreis Friesland. Als Schlosser sich anschickt, ein anerkannter Schriftsteller zu werden, ist man noch nicht soweit.

Der „Erfolgsroman“ setzt die Martin-Schlosser-Chronik im 8. Band fort. Mir fehlt die Vorbildung. Der Erzähler erinnert an durchhängende Erscheinungen der 1970er Jahre, die keinen Nachfolgerstolz weckten und folglich anschlusslos blieben. Heute erkennt man sie nur noch, wenn es für ihre Mätzchen keinen Markt gab, der sie reformierte. Schlosser hat eine Zukunft, seine Sachen sind gefragt. Er kommt auch sonst auf seine Kosten, fünf Beiträge in der siebten Ausgabe von Kowalski 1991 bringen 1671.60 DM. Damit finanziert der Autor seinen Umzug nach Berlin, eine „Spiegel“-Sammlung im Gepäck.

In Berlin kennt Schlosser vor allem Michael Rutschky. Er zählt die Erbsen weiterer Bekanntschaften auf. Er lässt sich aufklären über Zollbestimmungen auf der Kottbusser Brücke. Er bricht das Postgeheimnis gemeinsam mit Wiglaf Droste. Vorher reist er zu Eugen Egner nach Wuppertal und trifft einen Mann, der seine Vorliebe für Gitarrengewitter „eine ausgesprochen heftige Inklination“ nennt. Alle möglichen Leute, die ich inzwischen als taube Urgesteine wahrnehme, treten auf. Noch sind sie frisch und schieben ihre Lebensabende im „Heidelberger Krug“ hinaus.

Gerhard Henschel, Erfolgsroman, Hoffmann und Campe, 602 Seiten

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erstellt am 09.11.2018

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll in seine Kolumne auf Faust Kultur.