Tuschicks Kolumne

Landfriedensbruch

In seinem Debüt „Mit der Faust in die Welt schlagen“ erzählt der Görlitzer Autor Lukas Rietzschel von schwachen Vätern und rabiaten Söhnen in Sachsens Provinz. Jamal Tuschick hat den Roman gelesen.

Bevor sie Andreas heiratete, war Kathrin mit Stefan Zschornack in einem anderen Land liiert gewesen. In der Gegenwart des Romananfangs gibt es das Land seit elf Jahren nicht mehr. Der Wohlstand von Kathrin (Krankenschwester) und Andreas (Fernfahrer) ist dem Elektriker Stefan rätselhaft. Er selbst schaffte den Sprung aus der Platte ins Eigenheim. Er zeugte zwei Söhne in der neuen Zeit, während der alte Hauptarbeitgeber vor Ort, ein Schamottewerk, aus dem Geschäftsverkehr gezogen wurde. „Eine Zeitlang war es noch möglich gewesen, in der Kantine mittags essen zu gehen.“ Die Perspektive des jüngeren Sohnes bestimmt die Darstellungen in Allianzen mit einem allwissenden Erzähler, der sich dem kindlichen Blick soweit annähert, dass man die beiden oft nicht unterscheiden kann und Stefan seinen Namen einbüßt, um überall nur noch als Vater zu erscheinen. Vater auf dem Bau, im Auto, beim Bäcker – und auf Uwes Beerdigung. Uwe diente bis zu seinem bitteren Ende beispielhaft der Figur des Wendeverlierers. Er versenkte sich mit seinem Auto in einem Teich.

Das Haus der Großeltern verschimmelt. Manche Räume sind unbewohnbar. Im Sommer ziehen da Ameisen über ihre Heerstraßen. Die Natur sitzt dem Verfall im Nacken. Der Verfall signiert alles. Mit Kinderpunsch und Donauwelle gaukelt die Großmutter den Enkeln familiäre Normalität vor. Doch ahnen Philipp und Tobias, dass sie in einem Ausnahmezustand leben.

Auch Frau Zschornack kommt nur als Mutter vor. Das Ehepaar Zschornak und ihre Söhne rutschen gemeinsam mit Kathrin und Andreas ins neue Jahr; sie hat ihm erst nach der Hochzeit gesagt, dass sie keine Kinder kriegen kann.  

Lukas Rietzschels Erzählmanier lässt mich an waldbäurische Holzschnitte denken. Jeder Abgrund hat eine allegorische Hausnummer. Die halbresignierten Erwachsenen trifft der Protest ihrer Nachkommen als Statusmeldungen des Versagens. Unmerklich gleiten Philipp und Tobias in eine Abhängigkeit von älteren Jungen, die mit dem Hitlergruß provozieren und ihre erodierende Umgebung tyrannisieren. Im Faustrecht erlösen sie sich von der Schwäche der Väter, die in den Söhnen ihre Rächer sehen. Die Alten haben eine Regierung von der Macht getrennt und sind jetzt arbeitslos. Die Jungen nehmen kleine ethnische Säuberungen vor. Wer ihnen nicht passt, kann einpacken.  

Anders gesagt: Wer eine Zukunft hat, ist schon weg. Die Zurückgebliebenen baden in vollgelaufenen Steinbrüchen. Sie spielen Publikum, als die Esse des Schamottewerks – das Symbol vergangener Wirtschaftskraft, wörtlich: „Wir waren mal groß und mächtig“– gesprengt wird.

Dies geschieht in Neschwitz, einem Dorf der sächsischen Oberlausitz nahe der wendischen Kapitale Bautzen. Der Autor erzählt von einem Zwist zwischen Sorben (Wenden) und anderen Sachsen. Die Sorben „sind Katholiken, die einzigen im ganzen Osten“.

Gerade wurde die D-Mark ersetzt, auch sie ein Machtzeichen, das flöten ging. Das alles kehrt über das narrative Förderband zurück ins Bewusstsein. Der Leser erinnert sich, und Philipp übt im Keller seines Elternhauses den Hitlergruß. Im Weiteren erwartet er seinen ersten Samenerguss. Vierzehn Jahre später bilden Philipp und Tobias mit anderen einen harten Kern im Kampf gegen die Überfremdung: „Ich war mal in Frankfurt … Da gibt es Stadtteile, wo du keinen Deutschen mehr siehst. Arbeitslose Kamelficker, die ihre Frauen verhüllen. Die kriegen dumme Kinder wie Heu.“

Lukas Rietzschel, Mit der Faust in die Welt schlagen, Roman, Ullstein, 316 Seiten

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erstellt am 01.11.2018

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll in seine Kolumne auf Faust Kultur.