Unter eigenem Namen traute er sich nicht, diesen Dialog zu veröffentlichen. Diderot wusste, was er zu befürchten hatte. Der Glaube der Gläubigen enthält erhebliches Aggressionspotential. Lange Zeit blieb deshalb dieser brillante Dialog verschollen. Jetzt, endlich, hat Hans Magnus Enzensberger das Stück wieder entdeckt, aus dem Französischen übersetzt, einige Anmerkungen hinzugefügt und allgemein zugänglich gemacht: „Die Unterhaltung eines Philosophen mit der Marschallin de Broglie wider und für die Religion“. Martin Lüdke empfiehlt das Buch.

Lüdkes liederliche Liste

Mein Gott! Ach Gott!

Vermutlich verfügte Diderot über ein ähnlich verschmitztes Grinsen wie sein später fränkischer Nachfahr Hans Magnus Enzensberger. Den „kurzen Lehrgang“, mit dem irreführenden Titel „Schreiben für ewige Anfänger“, den besagter Urheber unter seinem seit Jahrzehnten benutzten, leicht angestaubten und stellenweise schon durchgescheuerten Deckmantel „Andreas Thalmayr“ auf den Büchermarkt bugsiert hat, einen wenig dringlichen Ratgeber, der sich kaum des Schreibens, vielmehr dessen Verwertung annimmt, von den angehängten Beigaben Christoph Martin Wielands, Vargas Llosa und Danilo Kis mal abgesehen, diesen großen Hans Magnus muss man sich vorstellen, wie er, hinter einem Bücherregal versteckt, kichernd zusieht, dass seine geschätzten Leser, durchaus nachzuvollziehen, diesen Spaß sehr ernst nehmen.

Eben dieser Enzensberger hat jetzt, fast zeitgleich mit seinem eher überflüssigen Ratgeber in der Friedenauer Presse, dem einst von Katja Wagenbach begründeten kleinen Berliner Verlag, der sich auf die Nebenwerke der großen Autoren der Weltliteratur spezialisiert hat, „Die Unterhaltungen eines Philosophen mit der Marschallin de Broglie wider und für die Religion“ erstmals aus dem Französischen übersetzt und mit, wie einst Adrian Leverkühn in solchen Fällen zu sagen pflegte: „achtbar insonders, liebe Brüder und Schwestern“, buchstäblich so genannten „Addenda“ versehen. Damit ist nicht die wohlbekannte Premium-Marke für Blühpflanzen, sondern das „Hinzuzufügende“ gemeint, das einem Schriftgut etwas Fehlendes und dementsprechend Anzuhängendes beifügt.

Dessen bedarf Diderots luzider kleiner Dialog nun keineswegs, denn er kann für sich stehen und bestehen. Die Entstehungsgeschichte ist schnell erzählt. Die Publikationsgeschichte noch schneller. Über den Text ist nur wenig zu sagen.

Witz und Skepsis

Denn: er erklärt sich durchaus selbst. Weil aber Enzensberger, vermutlich seit er ‚denken’ kann, seinen Diderot über alle Maßen schätzt, sich immer wieder mit beschäftigt hat, entsprechend auch sehr viel über ihn, sein Umfeld, seine Umwelt, seine Lebensumstände, und, vor allem, sein Werk zusammengetragen hat, zum Nutzen seiner Leser auch nicht knausrig mit seinem Wissen umgeht, erfahren wir aus diesen „Addenda“ einiges über Diderot, seinen Witz, seine Skepsis und seine Zeit. Und damit auch über die Tatsache, dass Diderot, aus Schaden klug geworden, sich wohlweislich hütet, aus der Deckung zu kommen. Man darf also annehmen, dass sich hinter diesem Herren der Verfasser selbst verbirgt, der wenig geneigt sich, sich wegen solcher Blasphemien hinter Gitter zu gehen.

Dieser Herr Crudeli, der mit dem Marschall de Broglie einiges zu besprechen hatte, begibt sich deshalb „eines Morgens“ in das Palais des Marschalls. de Broglie war außer Haus und so ließ sich der Besucher bei der Maréchale melden, einer charmanten Frau, „schön und fromm wie ein Engel“. Die Marschallin, die von Crudeli bereits gehört hatte, fragt sicherheitshalber noch einmal nach: „Sie sind nicht der Monsieur Crudeli?“ Der antwortet: „Ja.“ Marschallin: „Also der Mann, der an gar nichts glaubt?“ Crudeli: „Ja, der bin ich.“

Damit beginnt ein Dialog, der sich über knappe zwanzig hochformatige Seiten erstreckt und nach und nach, äußerst höflich vorgetragen, den Glauben der Dame mehr und mehr erschüttert. Auf Crudelis direkte Frage, ob sie wirklich glaube, versichert die Marschallin, das sei „eine Tatsache“. Worauf er weiter fragt: was sie sich erlauben würde, „wenn sie ungläubig“ wäre. Das, wehrt sie ab, falle unter das Beichtgeheimnis.

Crudelis Ansichten über den Klerus wagt er selbst der Marschallin nur ins Ohr zu flüstern: „Madame le Maréchale, fragen Sie ihren Beichtvater, welche Sünde verwerflicher ist: in ein heiliges Gefäß zu pissen oder den Ruf einer ehrbaren Frau zu kompromittieren. Bei dem einen Verstoß wird es ihm kalten den Rücken herablaufen, und er wird laut rufen: Das ist ein Sakrileg! Das ist Kirchenschändung!
Und das bürgerliche Gesetz ist mit diesem Urteil einverstanden; denn es lässt die Rufschädigung auf sich beruhen, und wer die Kirche schändet, dem droht der Scheiterhaufen.“

Gewohnheit statt Gewissheit

Die Dame kommt nicht umhin, ihre anfangs behaupteten Positionen aufzugeben, gibt sich generös: „Sie haben, wie ich sehe, nicht den Ehrgeiz, mich zum Unglauben zu bekehren.“ Sie erkennt allerdings, dass ihr Glaube mehr auf Gewohnheit, denn auf Gewissheit beruht.

In ihrem spielerisch eleganten Dialog kommen die beiden Gesprächspartner schließlich zum Kern der Sache. Die Marschallin verweist auf den geringen Einsatz, mit dem die Chance auf das Himmelreich gewahrt bleibe und fragt ihr Gegenüber: „Und was erwarten Sie?“. Crudeli antwortet kurz und präzise: „Nichts.“

Keine erfreuliche Aussicht, zugegeben. Auch heute fällt es vielen Menschen schwer, damit umzugehen. Das erklärt den Erfolg der vielen Gurus, vom Papst in Rom bis zum Pastor in Riesa.

Diderots Zweifel am Glauben gehen übrigens so weit, dass er der Marschallin am Ende einräumt, bei der inquisitorischen Frage nach dem Glauben wäre er jederzeit bereit, alles zu tun, um seinen Richtern „ein fatales Fehlurteil zu ersparen“. Das heißt: er würde jeglichen Unglauben leugnen. Was übrigens leicht ist, wenn man nicht glaubt.

Entsprechend ist er auch mit diesem Dialog umgegangen. Ihm gefiel es, wie Enzensberger noch anmerkt, in den „Pariser Salons verwegene Reden zu führen, die Polizeispitzel zu düpieren und die Minister, bei denen er aus und ein ging, gründlich hinters Licht zu führen.“ In solchen Charakterisierungen des französischen Aufklärers steckt immer auch ein Stück „Fliegender Robert“, ein Selbstporträt seines Nachfahren.

„Eskapismus, ruft ihr mir zu,
vorwurfsvoll.
Was sonst, antworte ich (….)
Ich hinterlasse nichts weiter
Als eine Legende,
mit der ihr Neidhammel,
wenn es draußen stürmt,
euern Kinder in den Ohren liegt,
damit sie euch nicht davonfliegen.“

Q.e.d., sagt hier der Lateiner und meint, dass das zu beweisen war. Und zwar, es mag den Aufgeklärten unter den Ungläubigen irre erscheinen, immer wieder, bis heute. Deshalb bleibt Diderots Dialog leider aktuell.

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 26.10.2018

Denis Diderot
Die Unterhaltung eines Philosophen mit der Marschallin de Broglie wider und für die Religion
Aus dem Französischen von Hans Magnus Enzensberger
Broschur, 32 Seiten
ISBN 978-3-932109-84-3
Friedenauer Presse Berlin, 2018

Buch bestellen

Andreas Thalmayr
Schreiben für ewige Anfänger
Ein kurzer Lehrgang
Fester Einband, 112 Seiten
ISBN 978-3-446-25998-0
Carl Hanser Verlag, München 2018

Buch bestellen