Tuschicks Kolumne

Erschöpfter Verfolgungswille

Die Drehbuchautorin Annette Hess literarisiert in ihrem Romandebüt „Deutsches Haus“ den ersten Frankfurter Auschwitz-Prozess im Jahr 1963. Jamal Tuschick hat das Buch gelesen.

Im April 1940 ordnet Heinrich Himmler die Einrichtung eines Lagers zunächst für zehntausend Häftlinge in einem ehemaligen österreichischen Kasernenkomplex nahe Auschwitz an. Da finden bald Experimente zur „Endlösung der Judenfrage“ statt. Im September 1941 ermordet die SS im Keller von Block Elf des Stammlagers experimentell sechshundert sowjetische Kriegsgefangene und zweihundertfünfzig zivile Häftlinge mit Zyklon B, einem Desinfektionsmittel, das u.a. die „Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung“ bereitgestellt hat.

Das Ereignis liefert dem Roman „Deutsches Haus“ eine Schlüsselszene. Dreiundzwanzig Jahre nach dem Probelauf für die industrielle Menschenvernichtung informiert ein Auschwitz-Überlebender den hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (1903–1968) sowie die Staatsanwälte Georg Friedrich Vogel, Joachim Kügler und Gerhard Wiese über den erprobenden Gaseinsatz, dessen Vorbereitung und Nachlese Häftlingen wie ihm oblagen. Bauer und seine Männer fürchten die Torpedierung des anstehenden ersten Auschwitzprozesses, der als Steuergeldverschwendung und Nestbeschmutzung deklariert wird. Bereits 1963 fordern die meisten Deutschen einen Schlussstrich. Die nationalsozialistischen Verbrechen haben mit ihnen nichts zu tun. Vielmehr betrachten sie sich als Opfer des alliierten Bombenterrors und der Vertreibungen. Die Täter-Opfer-Umkehr funktioniert reibungslos, und die Verdrängung ist der stärkste Motor des Wirtschaftswunders mit seinem Kitschkino.

Eva Bruhns, um die sich im Roman alles dreht, kommt als Ersatz für einen Übersetzer ins Spiel, der in Polen aufgehalten wurde. Die auf Wirtschaftssachverhalte und Schadensersatzforderungen spezialisierte Dolmetscherin muss nachschlagen, um zu verstehen, was sie gehört hat. Plötzlich fällt ihr ein, dass sie auf Polnisch schon vor dem ersten Sprachunterricht zählen konnte. Bilder steigen in ihr auf, für die sie keinen Erinnerungsrahmen hat.

Eva ist mit dem deutschen Heimatfilm großgeworden. Sie lebt in einer Schmonzette und ertrotzt ihre Verlobung, um nicht länger ein Fräulein zu sein. Ihre Eltern sind sagenhaft anständige, rechtschaffende, schwer arbeitende, ordentlich eingefügte, an ihre Verhältnisse schmerzhaft geschnallte Leute. Sie protzen mit ihrer Gewöhnlichkeit. Sie polieren die Handläufe der Normalität. Schnaufend vor redlichem Fleiß, führen sie die Gaststätte „Deutsches Haus“ im eingemeindeten Dorf Bornheim. Bornheim war einst „der Venushügel“ von Frankfurt. Dahin ging man zum Tanz auf der Tenne.

Der Wirt kocht, seine Frau serviert.

Hess gelingen bestechende Milieustudien – lauter Kammerspiele der Genauigkeit. Ich rieche den modrigen Schmodder in den Ritzen angeschlagener Häuser, die Abtritt-Aromen und 4711-Wolken. Ich erinnere die Beschwörungen echter Butter und echten Bohnenkaffees. Ich sehe die Wäsche auf den Leinen im Rußregen. Die erste Waschmaschine im Haushalt der Familie Bruhns kommt als Weihnachtsgeschenk für Mutti an.

Hess schildert die Übergänge zwischen Tristesse und Idylle in der „meist ungelüfteten Wohnung“ über dem Arbeitsplatz letztlich der ganzen Familie, auch wenn Evas Schwester Annegret außerdem als Säuglingsschwester auf Abwegen unermüdlich ist.

Achttausend SS-Angehörige dienen von Mai 1940 bis zum Eintreffen der Roten Armee im Januar 1945 der Vernichtung in Auschwitz. Die meisten gehören zu den Wachmannschaften, Hunderte halten die Mordmaschine auf administrativer Ebene in Gang. Verurteilt werden unmittelbar nach der Befreiung achthundert Täter, die meisten von polnischen Gerichten. Darin erschöpft sich der Verfolgungswille. Soviel zum Thema Aufarbeitung und Schuldeinsicht. 1958 sieht sich die Staatsanwaltschaft Stuttgart äußerst widerstrebend dazu gezwungen, Wilhelm Boger und andere Schergen verhaften zu lassen. Hermann Langbein übt den nötigen Druck aus. Boger war die Bestie von Auschwitz. So heißt er auch im Roman, in dem alle Personen der Zeitgeschichte nur Merkmalsnamen tragen, als physiognomische oder charakterliche Marken. So entsteht ein Rummelplatz-Panoptikum. Der Hauptangeklagte besitzt die scharfgeschnittenen Züge eines Raubvogels. Einen seiner Adlaten vergleicht Eva mit einem Schimpansen. Der Generalstaatsanwalt erscheint als knorrige Gestalt. Eva darf in dem fünf Jahre herausgezögerten Prozess übersetzen.

Zweihundertzweiundfünfzig Zeugen sagen aus. Die Ungeheuer von Auschwitz platzen aus dem rechtsstaatlichen Gefüge. Die gesetzlichen Instrumente greifen nicht richtig. Der ehemalige Oberscharführer Boger verhöhnt von ihm Misshandelte. Eva weiß nicht, wo ihr der Kopf steht. Sie glaubt, die Frau des Hauptangeklagten zu kennen. Sie entwickelt ein Misstrauen gegenüber der Schwester. Sie weiß nun, dass die Eltern hinter ihren Schildern der Harmlosigkeit etwas verbergen.

Aber was?

Der Schwurgerichtssaal am Frankfurter Gericht ist zu klein – der Megaprozess findet im Bürgerhaus Gallus statt. Der Hauptbahnhof und die Messe liegen nah in der Topografie einer boomenden Stadt. Das Stadtteilzentrum hat eine Betongitterfassade. Das Funktionale bestimmt auch das Dekor.

Annette Hess, Deutsches Haus, Ullstein, 365 Seiten

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erstellt am 25.10.2018

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll in seine Kolumne auf Faust Kultur.