Der Bass, dessen Register Arthur Schopenhauer sich weit weg von den anderen Stimmlagen, geradezu unterirdisch, im Reich der Mineralien vorstellte, vor allem der Kontrabass, dessen unhandliche Dimensionen eine Spielfertigkeit mit fliegenden Händen erfordert, steht im Mittelpunkt der Betrachtung, die Hans-Klaus Jungheinrich anhand neuer CD-Veröffentlichungen mit Musik von Barre Phillips und Stefano Scodanibbio vornimmt.

CD-Empfehlungen

Die Klänge aus der Tiefe

Oft genug werden wir von den elektrisch aufgeblähten Wummerbässen genervt, wenn ihr skandierendes Gedröhn uns auch noch über Halbkilometerabstände hinweg verfolgt. Am schlimmsten vielleicht, wenn wir aus nah vorbeifahrenden Autos von ihnen faustschlagmäßig attackiert werden. Kann man sich hier brutal machohafte Instrumental-Maniacs vorstellen, so sind „klassische“ Kontrabassspieler philharmonischer Professionalität eher schüchterne oder skurrile Figuren, wie man sie im musikalischen Bereich sonst fast nur bei Organisten findet. Wer den Kontrabass traktiert, mag als Kauz gelten mit kauzigen Gewohnheiten und Vorlieben. Im Orchesterverband zählen sie zu den „Fundamentalisten“ insofern, als sie den orchestralen Höhenflügen der symphonischen Geschehnisse einen sicheren Untergrund geben. Das geschieht zumindest in der traditionellen Musik in der Regel eher diskret als auffällig, jedenfalls ohne ständige Lizenz zu vorwitzig solistischen Eskapaden, wie sie von anderen Instrumenten(gruppen) gepflegt werden. Diesen Umstand kompensieren die Kontrabassspieler, indem sie sich allerlei trickreiche Kunststücke antrainiert haben, die sie bei speziell-humoristischen Anlässen als Attraktionen à la Gerald Hoffnung zum Besten geben: etwa die staunenswerte Exekution ganzer Violinkonzerte auf ihrem ungefügen Gerät, mit dem sowieso vermeintlich nur Riesen adäquat umgehen können (in Wirklichkeit sind viele Kontrabassisten fast kleinwüchsig; die Kunst liebt Paradoxa). In der Literatur gibt es berühmte Kontrabasspassagen, etwa den solistischen Des-Dur-Schlussakkord des 2. Satzes aus Dvoráks „Neuer Welt“, einen traumhaft-entrückten Moment, oder, als hermeneutisches Gegenbild, die unheimlich tastende Melodie bei Otellos fatalem Auftritt im Schlafzimmer von Desdemona bei Verdi.

Der deutschen Benennung Kontrabass – das etwas akademische „Kontra“ meint hier natürlich keinen Gegenbass, sondern die Steigerung ins genuin Abgrundtiefe, wie sie auch Klavierspielern bei der Kontra- und Subkontraoktave vertraut ist („hoch“ und „tief“, vom Räumlichen auf die klingenden Frequenzen übertragen, sind uns schon immer unproblematisch geläufig), wäre der englische „Double Bass“ vorzuziehen; er markiert die exorbitante Umfänglichkeit dieses Geräts, auch im Gegensatz zum Violoncello, dem sozusagen „einfachen“ Bassinstrument (so fungiert es zum Beispiel im Streichquartett). Als Wunderwerke und Zauberkunststücke des „Double Bass“ sind auch zwei Neuerscheinungen aus dem Hause von Manfred Eicher annonciert, der selbst ursprünglich philharmonischer Kontrabassist war und dem es auch nach langen Jahren als ECM-Chef ein großer Ansporn ist, die eminente Kunstfähigkeit dieses Instruments zu zeigen. Als eines der tragenden Jazzinstrumente (auch in seinen Metamorphosen) ist es auch ein wunderbares Improvisations-Vehikel, und improvisatorisch inspirierte Musik an den Rändern zwischen Jazz und „Klassik“-Avantgarde gehört zu Eichers Passionen. Das ist, auch dank seiner Entdecker- und Editionspraxis, längst nichts „Randständiges“ mehr, sondern ein (tendenziell) unübersehbar weites und fruchtbares Gelände.

Fast wie ein Vermächtnis zu Lebzeiten mutet die Klangwelt von Barre Phillips an, hier wie in einem Brennspiegel eingefangen in drei klar gegliederten mehrteiligen Stücken (Ouest, Inner Door, Outer Window) unter dem Motto „End to End“, was so etwas signalisiert wie die künstlerische Summe eines Lebenswerkes. Das Instrument zeigt sich in seinen beiden dominanten Erscheinungsformen abwechselnd in seiner Zwiegestalt wie eine faszinierende Kippfigur. Einmal als jazzig gezupfter Korpus mit imponierenden Resonanzen, mutig ins Vierteltönige mäandernd, den Assoziationen zu indischen Saiteninstrumenten (Sitar) nicht ausweichend. Zum andern als zart-sonores Streichinstrument mit raffinierten Melismen und abenteuerlichen Flageolett-Effekten. Die zentralen musikalischen Kategorien Rhythmus und Melodie werden hier ebenso getrennt vorgeführt wie die Gegensätze Klang und Geräusch, wobei der Double Bass dann gelegentlich sich anhören kann wie ein fernes Gewitter. Der weit über 80jährige Künstler erweist sich fast in jedem Detail als ein echter Experimentator; zugleich erreicht die Besonnenheit seiner Klangforschungen und –formungen, dass so etwas wie kristalline Schönheit entsteht – reife, gültige „Klassizität“. Lässt sich so vielleicht die somnambule Sicherheit definieren, mit der ein artifizielles Terrain – welcher Art auch immer -ausgemessen wird?

Weniger altersweise und fruchtschwer geht es zu bei Stefano Scodanibbios vier Kompositionen, die unter dem Titel „Alisei“ zusammengestellt wurden, eine insgesamt lebhafte Galerie von Double Bass-Demonstrationen, die auch eine beinahe proteushafte kompositorische Handschrift zeigen. Es sind primär Huldigungsadressen an den Virtuosen Daniele Roccato, der an allen vier Stücken mitwirkt, vorab am Titelstück „Alisei“, das so etwas ist wie das persönliche Porträt eines hexenhaft-omnipotenten, alle stilistischen Scheuklappen hinter sich lassenden Solisten. Verblüffend sodann das Oktett für acht Kontrabässe, ausgeführt vom Ensemble mit dem bedeutsamen Namen „Ludus gravis“: eine Exkursion in undurchdringliche, unentzifferbare Geräusch- und Zeichenzonen, die es geradezu auf radikale Verfremdung konventioneller Instrumentalcharaktere anlegt. Zugleich Realisierung, Parodie und Transzendierung hergebrachter Instrumentalbrillanz vermittelt ein weiteres, von Roccato wiedergegebenes Solowerk, die „Due pezzi brillanti“. In einem weitläufigeren Rahmen idiomatischer Bezüge schließlich noch das Duo „Da una certa nebbia“. Es sind fürwahr keine Marginalien, die die Erfahrung all dieser Double Bass-Hörereignisse vermitteln.

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erstellt am 19.10.2018

Barre Phillips
End to End
Barre Phillips, Double Bass
ECM 2575 6725184

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Stefano Scodanibbio
Alisei
(Werke für Kontrabass und Kontrabassensemble)
Daniele Roccato u.a.; Ensemble Ludus gravis
ECM New Series 2598 4817041

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