Tuschicks Kolumne

In der Sitzhölle

In seinem Roman „Das Jahr der Katze“ erzählt Christoph Peters von Karate als Straßenkunst der Yakuza und den Torturen des intensiven Sitzens. Jamal Tuschick hat das Buch gelesen.

Man streitet darüber, wie groß der Anteil des Bushido am Karate ist. Der japanische Kriegerkodex (Kodex der Bushi/Dienenden aka Samurai) kultivierte vom Mittelalter bis zur Neuzeit eine privilegierte Art der Begegnung armierter und mehrfach Bewaffneter. Ein Kampf ohne (den Körper verlängernde) Waffen rangierte in diesem System auf dem Siechfeld einer Randsportart. Jiu-Jitsu bot Lösungen nach einer Entwaffnung.

Natürlich setzten japanische Ritter notfalls Hände & Füße offensiv und defensiv ein. Doch hatte das entsprechende Training keine Priorität. Wo aber der Kampf nur mit den Waffen des Körpers sowie mit Haushaltsgegenständen als oppositionelle Reaktion auf feudale Verachtung des Bäurischen geübt wurde, ergab sich ein anderes Bild. Die Leute auf Okinawa durften keine Waffen tragen. Sie modifizierten und verhärteten vor allem das Gong-fu der chinesischen Nachbarn und nannten das hybride Format Okinawa-Te. In den Kodifikationen des Okinawa-Te im 19. Jahrhundert liegt der Ursprung des Karate.

Vom Karate als Straßenkunst der Yakuza erzählt Christoph Peters in seinem Roman „Das Jahr der Katze“. Die Yakuza bildet keine Cosa Nostra, wie der Autor treffend feststellt. Vielmehr dient sie in einem Kastensystem der nationalen Selbstverteidigung unter den Flaggen der Ultranationalisten. Das Fußvolk rekrutiert sich aus den Verworfenen und ethnisch Versprengten. Die Bosse sind Verschwiegene des Establishments. Kuromaku nennt man einen wie Herrn Okabe. Der Herr zieht die Fäden im Hintergrund und erscheint als graue Eminenz sowohl im Verhältnis zur Regierung als auch in der Unterwelt. Er ist ein Dreh- und Angelpunkt im Management der XXXII. Olympiade, die vom 24. Juli bis zum 9. August 2020 in Tokio stattfinden – und bis dahin von einem mörderischen Verteilungskampf auf allen gesellschaftlichen Ebenen beflügelt werden wird.

Wirtschaft ist Krieg und Karate die Schrumpfform einer Kriegskunst. We are warriors on the budo path (Ōyama Masutatsu). Schon Ende der Sechzigerjahre verdrängte Japan die Bundesrepublik von Platz drei der wirtschaftlich stärksten Nationen. Nur hundert Jahre zuvor hatten Samurai mit dem Schwert nicht anders als im Mittelalter für ein Land ohne Dampfmaschinen gefochten. Es gab kein hochseetaugliches Schiff, keine Eisenbahn und keine Universität in Japan.

Die Hauptinsel ist kleiner als Frankreich und nur ein Drittel der Fläche bietet sich einer Nutzung an. Vierundfünfzig Vulkane bedrohen die Bevölkerung. Siebentausend Erdbeben werden im Jahr registriert. Bodenschätze sind rar.

Okabe steht in der Tradition des Politgangsters Kodama Yoshio (1911 – 1984). Bereits als Zwölfjähriger schlug Kodama Yoshio Gewerkschaftler zusammen. Er lernte Karate von Chibana Chōshin und akklimatisierte sich politisch in einem Milieu der Geheimlogen, die Japan als imperiale Macht mit einem Anspruch auf Ostasien begriffen. Er gehörte zu Gen’yōsha und Kenkoku-kai. In beiden Clubs plante man blutige Ernten in China und Korea.

„Ergreife des Feindes Schwert, kehre es um, und erschlage ihn damit.“ Takuan Shuho

Kodama Yoshio verfasste Heimatlyrik und patriotische Streitschriften, die von Kaiser Hirohito nicht ignoriert wurden. Er war der Mann aus dem Volk, das Salz der Erde, vielseitig verwendbar im Spektrum zwischen Mord und Totschlag. Er koordinierte die Niederschlagung des antijapanischen Widerstands in der Mandschurei und stellte eine eigene Miliz auf. Er war ein Freund von Ōnishi Takijirō, der das Kamikaze-Konzept bis zu Einsatzreife entwickelte. Er verband die Yakuza mit den Triaden und trieb sich als Spion herum. Er marodierte mit seiner Miliz in besetzten Gebieten. Die Niederlage Japans erlebte er im Rang eines Konteradmirals. Er verzichtete auf rituellen Selbstmord und stieg in die demokratische Politik ein. Zwanzig Jahre festigte er die Beziehungen der Regierung zu den Yakuza in Absprachen mit der CIA.

Keine Ahnung hat Nikola von diesem Typus eines Konsolidierungsexperten. Die in Tokio gestrandete Deutsche kennt nur das Berliner Graubrot des Offensichtlichen, die ungeschickten Manöver der Einfältigen, die nichts wissen (wollen) vom buddhistischen Gebirge des Seins.

„Im Zen wird nichts beschönigt, nichts verklärt, nichts verleugnet, und für Angst gibt es keinen Platz.“

Selbst Nikolas Liebhaber, ein begabter Killer mit der opaken Aura des kompletten Einzelgängers, beweist mehr Takt als die Deutsche. Die expansive Auslegung eines Auftrags im Zuge einer Kriegerwallfahrt hat Onishi in Schwierigkeiten gebracht. Ein versoffener Abteilungsleiter der Yakuza verlangt erst einen halben Finger und dann den Tod als Entschuldigung. Oyabun (Boss/Pate) Takeda sitzt selbst auf einem absteigenden Ast. Ihm dient Meister Harada als Ratgeber und Seelenführer. Der Schwertkampf- und Karatelehrer fällt nun gemeinsam mit Onishi in Ungnade. Die Helden überstehen ein paar Angriffe, bevor sie die Initiative übernehmen. Sie halten ihre Form mit einer Spielart des intensiven Sitzens –Zazen.

Für die Männer um Harada behält Gültigkeit, was ein chinesischer Mönch im 17. Jahrhundert am Vorabend seiner Erleuchtung unter einer Birke murmelte. Nachahmung erscheint ihnen erstrebenswerter als Originalität. Sie rücken von Überkommenem auch dann nicht ab, wenn es keine Lösungen mehr bietet. In einer Tradition zu stehen, ist für sie das Höchste.

Kritische Äußerungen sind das Letzte. Gegessen wird, was in den Napf kommt. Nikola läuft dagegen Sturm.

Christoph Peters, Das Jahr der Katze, Roman, Luchterhand, 350 Seiten

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erstellt am 17.10.2018

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll in seine Kolumne auf Faust Kultur.