Tuschicks Kolumne

Fadenscheinige Freiheit

Juli Zeh erzählt in ihrem neuen Roman „Neujahr“ auch von Spätfolgen traumatischer Kindheitserlebnisse. Vor allem beschreibt Zeh den Alltag einer Ehe, in der sie erfolgreicher ist als er. Jamal Tuschick hat den Roman gelesen.

Theresa und Henning sind ganz gut als Paar. Da sie mehr verdient, macht er mehr im Haushalt. Er grübelt auch mehr. Er leidet unter Panikattacken, deren Ursachen unergründet in der Kindheit liegen – als nie diagnostizierte Belastungsstörung. Seine Selbstzweifel und die (in einem resonanzfreien Raum auftretenden) verzögerten psychischen Reaktionen bekämpft er mit körperlicher Anstrengung. Theresa und Henning praktizieren Familie mit Jonas und Bibbi in Göttingen. Gerade machen sie Urlaub auf Lanzarote. Da fängt die Geschichte an. Henning fährt Rad. Er hat sich für ein paar Stunden aus dem System genommen. Während die Familienarbeit ruht, bedenkt er sein Leben. Seine Routinen reichen nicht mehr.

„Das Radfahren tut gut.“ Es „verbrennt“ die Angst. Juli Zeh schildert einen fadenscheinigen Moment der Freiheit: „Ein Mann im Urlaub auf einem Rad, im Kampf gegen den Wind, angespornt vom grandiosen Anblick der Landschaft.“ Solche Bilder schuf Martin Walser im „Fliehenden Pferd“, nur dass das Fahrrad ein Segelboot war. Spielarten der bürgerlichen Lebensangst und Selbstentfremdung lassen sich aus den Introspektionen des häuslichen Selbst gewinnen. Das ist wie Keschern im Aquarium; man hat alles in einer Pfütze. Gestern haben Theresa und Henning einigermaßen preiswert auf das neue Jahr angestoßen. Deutlich vor Augen steht Henning, was Leuten möglich ist, die billig nicht nötig haben. Diesem Mehr stellt er sich am Berg als Wurst in der Plastikpelle. Henning denkt daran, wie losgelöst seine Frau mit einem Franzosen getanzt hat: ganz anders als mit dem unzulänglichen Gatten. Theresa setzt Henning mit zwanghaftem Optimismus zu. Nur im Gespräch mit ihren Eltern hört sie auf, aus allem das Beste zu machen und verliert sich in kindlicher Klage. Dass sie sich so stets auch bei Mama und Papa über Henning beklagt, müssen wir nicht besprechen. In der langen Rückblende bergauf begegnet das Überschaubare und Vorhersehbare dem Wundersamen. Theresas Eltern sind Hedonisten ohne Bodenhaftung. Sie kommen mit dem Flugzeug soweit es eben fliegt, also bis nach Hannover, in Erwartung eines familiären Shuttle Service. Ihrer Großartigkeit hat Henning biografisch nichts entgegenzusetzen. Auch an dieser Stelle expandiert seine Unterlegenheit und gipfelt in der Feststellung: „Tatsächlich wäre Henning schneller, wenn er absteigen und schieben würde.“ Obwohl er noch nie auf Lanzarote war, bewegt ihn das Gefühl, auf bekanntem Terrain zu scheitern. Hoch über Femés halluziniert Henning Theresas Absicht, ihn zu verlassen. So dehydriert wie unterzuckert begegnet er der Künstlerin Lisa. Sie richtet den beinah Ohnmächtigen wieder auf und lädt ihn zum Bleiben ein. Henning besinnt sich zwischen Oleander, Hibiskus und Malven. Er erinnert sich und ein Kreis schließt sich. Am Ende einer bizarren Reminiszenz schickt ihn Lisa fort, er kehrt zu seiner Familie zurück, von Trennung war nie die Rede. Auch Lisa könnte bloß ein Hirngespinst gewesen sein. Irgendwo las ich, Zeh thematisiere in „Neujahr“ Probleme, die erst auftauchen, wenn Paare gleichberechtigt agieren. Theresa und Henning führen überhaupt keine gleichberechtigte Ehe. Henning verdient weniger, ist weniger belastbar und bringt weniger aus seiner Herkunftsfamilie mit. Er ist Theresa unterlegen, ihn plagt die Inferiorität. Wenn Theresa von ihm verlangt, „ein Mann zu sein, den ich lieben kann“, bleibt ihm nur Selbsthass und Wut auf die Welt. Er variiert jenen Werner, der als sein Säufervater im Roman weiter keine Rolle spielt. Henning wehrt sich gegen einen wehleidigen Tropf und Jammerlappen, der in ihm steckt. Ich glaube, er wehrt sich vergeblich.

Juli Zeh, Neujahr, Roman, Luchterhand, 191 Seiten

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erstellt am 09.10.2018

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll in seine Kolumne auf Faust Kultur.