Bekannt wurde Georges Simenon (1903-1989) vor allem als Autor von Kriminalromanen um den Kommissar Maigret. Er hat jedoch auch viele weitere Romane und autobiographische Werke geschrieben. Der Verlag Hoffmann und Campe hat nun ausgewählte Schriften Simenons herausgegeben. Jamal Tuschick hat fünf Titel gelesen.

Tuschicks Kolumne

Großer Lebenshunger

Einst ein Skandal – Mit der Veröffentlichung seiner „Intimen Memoiren“ gab Georges Simenon 1982 seine bürgerliche Fassade auf.

Jean Gabin findet er in der Rolle des Kriminalkommissars Jules Maigret zu flamboyant. Heinz Rühmann erscheint ihm zu schmächtig. George Simenon fasst seinen berühmtesten Helden unheroisch auf. Wieder und wieder zeichnet er einen Beamten, bequem, wenn die Verhältnisse es zulassen, robust, sobald es sein muss – und phantasievoll nur bei der Ergründung des Bösen. Maigret ist nichts Menschliches fremd. Doch steht er den Dumm- und Gemeinheiten seiner Kundschaft fern. Ein Maigret macht sich nicht gemein. Er duzt und wird gesiezt. Er klopft seine Pfeife an den Rändern fremder Abgründe aus und bleibt selbst unergründlich. Das Milieu zeigt Achtung vor einem, der natürliche mit amtlicher Autorität verbindet.

Maigret verkörpert das, was man im letzten Jahrhundert über jeden Zweifel erhaben fand – die Unangreifbarkeit eines braven Mannes, der allen Anfechtungen zum Trotz anständig bleibt. Simenon stilisiert ihn an der eigenen Triebhaftigkeit und den eigenen Abgründen vorbei. Der Schriftsteller ist zeit seines Lebens vor sich selbst nicht sicher und auf der Flucht von einem Schloss zum anderen, um einen Titel von Louis-Ferdinand Céline ins Spiel zu bringen. Geboren 1903 in Liège/Belgien, beginnt er mit sechzehn zu schreiben. Er schreibt zwanghaft, unintellektuell, unbewusst. Er interessiert sich für alles, seine Neugier ist grenzenlos.

„Ich bin kein Bourgeois. Ich bin mit den kleinen Leuten.“ 

Vierhundert Seiten später: „Auch die allergrößten Helden haben ihre jämmerlichen Seiten.“

Simenon spitzt seine psychologischen Interieurs raffiniert zu. Die Zuspitzung rührt aus der Krise, die den Erzählanlass liefert. Simenon schildert „die Fabrikware der Natur“ (Arthur Schopenhauer) unter Druck. Genial nebenbei zeigt er, was an ihrem Verhalten (nach seinen Begriffen) über die persönlichen und kulturellen Bindungen hinaus allgemeine Gültigkeit beweist. 

Seine rasende Produktion folgt den Entwicklungen des Kinos und nimmt sie vorweg. Simenon synchronisiert die Evolution des Kinos mit der Literatur. Regisseur lieben den Schriftsteller und adaptieren seine Stoffe manchmal so magisch präzise, dass der in Simenon wiedergeborene Émile Zola sich auf der Leinwand zeigt. 

1978 erschießt sich Simenons Tochter Marie-Jo im Alter von fünfundzwanzig Jahren. Der Vater schreibt u.a. die tote Tochter in seinen „Intimen Memoiren“ an und veröffentlicht darin ihre Briefe. Er gibt die Deckung auf und zerlegt seine bürgerliche Fassade. Jedem seiner Kinder erläutert er den Zeugungszusammenhang. Ende der Vierzigerjahre, Simenon und seine Familie leben in Amerika, lässt sich der Schriftsteller widerwillig von einer minderjährigen Angehörigen der First Nation verführen, bevor er mit seiner Sekretärin (und späteren Ehefrau) Denyse Ouimet Johnny zeugt: „Und weißt du, dass das Verhältnis eines Hengstes zu einer Stute sehr zärtlich ist?“ 

Nach den Memoiren wird der Goethe der schweigenden Mehrheit bis zu seinem Tod 1989 in Lausanne/Schweiz nichts mehr veröffentlichen.

Bahnsteig im Nebel

Der alte Simenon weiß, was er dem Hunger seiner Kindheit und Jugend verdankt. Die Fähigkeit im Atmen und Schauen (kompensierend) Sensationen zu entdecken, kommt direkt aus dem Delirium der Armut. Der Heranwachsende saugt das Leben durch die Nasenflügel ein. Er treibt sich herum und beobachtet obsessiv. In allem erscheint er maßlos. Er geht Frauen nach und sucht Gelegenheiten für schnellen Sex. Die äußeren Umstände bilden ein besonderes Faszinosum. Simenon ist ein Liebhaber obskurer Schauplätze. Die Details werden Text. Im Text wimmeln die Strumpfbänder.

Von allem fühlt er sich angesprochen. In der Hierarchie seiner Aufmerksamkeit rangiert der anonyme Frauenhintern jedoch an erster Stelle. Die Zufälligkeit der Ansicht steigert den Reiz. Simenons Leidenschaft dreht sich um die fremde Frau. „Das Ziel meiner unablässigen Suche war im Wesentlichen nicht eine Frau, sondern „die“ Frau, die „wahre“ Frau, die Geliebte und Mutter zugleich war, ohne Ehrgeiz … ohne „Status“. Der alternde Autor spiegelt sich in dem adoleszenten Hungerhaken, der einer Frau nachjagte, etwa „auf einem schlecht beleuchteten Bahnsteig, nachts in Lüttich. Nebel dramatisiert die Szenerie“. Das könnte in einem Drehbuch stehen: Außen/Nacht – Ein Bahnsteig im Nebel.

Das sind Konstanten wiederkehrender Konstellationen so wie die Komponenten eines Fetisch-Arrangements: Die fremde, von einer Not ergriffene/angegriffene Frau, der freibeuterische Mann, die Verfremdung oder Dramatisierung einer Alltagssituation.

Simenon verlässt Belgien nach dem Wehrdienst und lässt sich in Paris nieder. 1923 heiratet er eine Malerin und betrügt die eifersüchtige, mit Selbstmord drohende Tichy vor ihren Augen „erst halb … und schließlich zu neun Zehnteln“ mit der subalternen Boule. Geld verdient er als besserer Laufbursche so wie, ab 1924, mit Groschenromanen. Um das Jahr 1930 geht er mit der Erfindung Maigrets durch das Tor zum Reichtum. Zehn Jahre später erklärt ihn ein Arzt zum Sterbenskranken. Er schreibt seine erste Autobiografie. 1950 lebt er immer noch. Er lässt sich in Reno von Tigy scheiden und heiratet am nächsten Tag Johnnys Mutter Denyse. Die zweite Ehefrau erscheint als D. in den Aufzeichnungen eines Nachtragenden. Tigy bleibt in seiner Nähe so wie Boule und schließlich Teresa Sburelin, die Simenon bis zum Tod begleitet. 

Allmählich verwandelt sich der große Jongleur, der die Bälle der Hochkultur mit den Keulen einer eingängigen Volkskunst gemischt, Jahrzehnte in die Luft halten konnte, in einen seelisch Insolventen. Das Ressentiment nagt an ihm und nimmt ihm die Weisheit. Simenon beschwert sich beim Leser über D., die ihre Existenz als Gattin eines Weltberühmten als Hochamt zelebriert. Der Ehemann erlebt sich als Opfer von Anmaßung und Verschwendungslust. 

Der Autodidakt genießt immerhin sein Renommee. Er hält Vorträge und trägt seine amerikanischen Erfahrungen wie ein Bote in Europa aus. Impulsvorträge, Improvisationen im Auditorium maximum, literarischer Free Jazz vor akademischem Publikum – Simenon schildert die Stationen seines Aufstiegs schon aus der sterilen Perspektive der Rückschau auf eine verlorene Potenz. Er ignoriert sein Erfolgsprogramm der Verknappungen, harten Schnitt und psychologischen Punktlandungen. Er beschwert sich wie an einer unbesetzten Rezeption. 

Er lässt Marie-Jo sagen: „Alles, was sie (Teresa) für dich getan hat, hätte ich doch auch für dich tun können, nicht?“ 

Er entgleist.

Georges Simenon, Intime Memoiren, Hoffmann und Campe
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Heimliche Extremisten

„Ein quälendes Bedürfnis, sich auszudrücken“, das Georges Simenon bei seiner Tochter Marie-Jo wie eine Krankheit diagnostizierte und das ihn selbst seit seinem sechzehnten Lebensjahr zum Schreiben zwang, findet man bei seinen Protagonisten oft da, wo sich ein in seiner Intensität und Ausformung selbst zur Aberration erklärender Gestaltungs- und Darstellungszwang im Verborgenen und an gesellschaftlichen Rändern austoben kann. Simenon schuf eine Reihe unauffälliger Freaks, die es mit Hitchcocks Psycho-Helden Norman Bates aufnehmen können. Sie gehen dem greisen Monster voran, das in Lausanne als letzte Verwandlung des Schriftstellers in einer Art wütendem Stillstand existierte. 

Jef und sein älterer Bruder Fred sind solche (un)heimlichen Extremisten, fähig zu grandiosen Überschreitungen. Ihr Zuhause ist „Das Haus am Kanal“. Der Roman entstand im Januar 1933 in Marsilly an der französischen Atlantikküste. Er konserviert arktische Kälte in einer verdüsterten Natur und spielt im belgischen Flandern. Das Dorf Neeroeteren, die Stadt Maaseik und die Limburger Provinzkapitale Hasselt liefern topografische Lichtblicke. Für die Zwischenräume gilt: „Noch zwei, drei Lichter waren zu sehen, dann führte der Weg durch schwarze Fichtenbestände.“ 

Simenons strikte Verkopplung von Libido und Sprache macht sich besonders unverdächtig in einer Genreliteratur mit guten Beziehungen zum Groschenroman. In Simenons Krimis wird der Penis zum Polizisten. Als Verkörperung der Ordnung in einer unordentlichen Welt erfährt die eingekleidete Triebhaftigkeit (Gewalt) Legitimität. Förmlich rehabilitiert wirkt sie sie sich legal und von oben herab auf Flittchen, Luder und Schlampen auf. In der Galerie antipodisch Verworfener erscheint auch Edmée. Das Schicksal schlägt zu und haut die plötzlich verwaiste Arzttochter wie mit einer Keule aus dem bürgerlichen Brüssel. Edmée erlebt eine Art Deportation in die Provinz Limburg. Da landet sie bei ihren flämischen Verwandten. Der gesellschaftliche Abstieg gipfelt in der Sprachlosigkeit. Edmée kann kein Flämisch. Das Haus ihres Gastgebers steht isoliert (am Kanal). Der Hausherr segnet das Zeitliche pünktlich vor Edmées Ankunft. Die vakante Machtposition füllt Edmées ältester Cousin Fred. Dem Alleinerben unterstehen Geschwister so wie seine Mutter, die sich von der Welt abgewandt hat.

„Ich werde nur einen Mann lieben, der imstande ist, außergewöhnliche Dinge zu vollbringen.“

Edmée flüchtet auf das hohe Ross der Überheblichkeit. Sie entdeckt ihre Wirkung auf Freds jüngeren Bruder Jef. Indem sie dem geschickten, aber hässlichen Eichhörnchenkiller Jef den Kopf verdreht, gewinnt sie Freds Aufmerksamkeit. Als Platzhirsch macht er sein Vorrecht auf die Cousine geltend. Gleichzeitig absolviert Jef Prinzenprüfungen in einem Ansturm der Vergeblichkeit. Sein Bemühen disqualifiziert ihn.

Simenon baut schlichten Gegensätze auf – städtisch und bäurisch, ergeben und fordernd, ebenmäßig und ungehobelt, grobknochig und feingliedrig. Die zarte Edmée ist die Trophäe für den Stärksten. Die zur lebenslangen Feldarbeit verurteilten Töchter der Landwirte und des Gesindes nehmen sich neben ihr wie Trostpreise aus.

Obwohl alle eher einfach gestrickt sind, kann jede wunderbar zwischen den Zeilen lesen. Man bewirft sich mit bösen Blicken. Edmée sorgt für ungeheure Spannungen. Sie sprengt den Rahmen eines Milieus zunächst ohne Weiteres, schließlich doch mit Mutwillen. Sie verleitet Jef, über seine Möglichkeiten hinauszugehen. So fängt ein grausames Spiel an.

Edmée entzieht sich einmal wieder Freds Zugriffs, als ein Kind mit dem Vorwitz der Kobolde dazukommt und sich nicht für fünf Francs zum Schweigen verpflichten lässt. Das Kind überlebt seinen Eigensinn nicht. Von dem gewaltsamen Tod weiß auch Jef. 

„Das Haus am Kanal“ ist auch ein Krimi. Deshalb gebe ich vom Geschehen nicht mehr preis. Im Nachwort rückt Karl-Heinz Ott den Roman in die Nähe einer Erzählmanier „ohne jeden sozialkritischen Beiklang“ wie sie nach dem II. Weltkrieg, also zwölf Jahre nach der Niederschrift modern wurde. Eine Prosa um den Preis der Poesie (Wolfgang Weyrauch) am Nullpunkt der Literatur (Roland Barthes). Ott nennt Simenons sezierenden Blick zoologisch. Der Schriftsteller sieht seinem Personal zu wie ein Züchter dem Treiben im Gatter. Edmées Selbstwahrnehmung erscheint bedeutungslos im Mahlstrom der Ereignisse. Ihre Erkenntnismöglichkeiten sind minimal. Zu spät bemerkt sie Freds seelische Schwindsucht. Der Platzhirsch entpuppt sie als Pleitegeier.

Georges Simenon, Das Haus am Kanal, Hoffmann und Campe
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Das flämische Gold

Das Villenviertel von Cannes heißt La Californie. Da trifft man 1957 Georges Simenon. Ein Spalier aus Korkeichen säumt den Kieselpfad zu seiner Villa an der Französischen Riviera. Aus kleinsten Verhältnissen ist der Dreiundfünfzigjährige soweit aufgestiegen. Der Ruhm und das Geld verdanken sich panischem Fleiß und tagelangen Schreibexzessen. Dreihundert Titel, vierzig Romane wurde verfilmt, manche mehrmals – dem Furor zum Trotz ist die Prosa schnörkellos und die Psychologie schonungslos einfach. Simenon kennt kein Erbarmen bei der Schilderung seiner Mutter, die mit Rückenschmerzen zwischen zwei Jobs und dem Haushalt hin und her hetzte, getrieben von Armut. Der Sohn schmeichelt ihr mit Wahrhaftigkeit. Eine Kindheit im Dreck von Lüttich befähigt ihn, seine Arbeit mit dem flämischen Gold in den Bildern der Alten Meister so dosiert anzureichern, dass der Glanz subkutan wirkt. Das ist eines von Simenons Geheimnissen. Genauso unterschwellig teilt er die Ergebnisse seiner Untersuchungen der sozialen Muskulatur des Personals mit. Es gibt in den Romanen doppelte Böden, versteckte Zugänge, Texte zwischen Zeilen, die wie mit Geheimtinte geschrieben sind und sich unter der vorgehaltenen Flamme gebannter Aufmerksamkeit offenbaren. Die Leser reisen wie blinde Passagiere an Bord der Textsonden zum Saturn des kollektiven Unbewussten.

Die Kunst kommt aus der Angst, ins Elend zurück zu fallen. Das ist ihr erstes Agens. Das zweite Agens seiner Produktivität verleitet Simenon wiederholt zu Schilderungen verfügbarer Frauen aus kleinen Verhältnissen. 

„Sie zogen an … (Madame Florence) vorbei wie Klosterschülerinnen an der Mutter Oberin und sie hatten auch die gleichen Ängste.“ 

Für mich gleicht die Simenon Lektüre ein Ritt zurück in die Kindheit. Die Leute verloren sich in Romanen und krochen seelisch immer noch aus den Trümmern des II. Weltkriegs. Beim Wiederlesen erstaunt mich, wie haltbar die Prosa ist. Sie erreicht die Konsistenz von Truman Capotes Meisterwerken. Die Textfestigkeit kommt daher, dass Simenon seine Form in sich vorfand. Er experimentierte nicht mit Modernitätsfloskeln. In jedem Thema erspürte er den überzeitlichen Kern. Trotzdem schrammt er am Kitsch manchmal nicht nur vorbei. Stets stopft sich einer sorgfältig die Pfeife. Simenons Frauenbild bleibt weit hinter dem zurück, wozu der Schriftsteller psychologisch in der Lage war. Er litt unter einer Zofensucht. Es war nicht die Madame, die ihn reizte, sondern „die Kleine“, die in dem Aufsteiger einen Herrn zu sehen vermochte und nicht nur den Parvenu, der sich in einen Platz in der reisenden Klasse erschrieben hatte. (Mobilität buchstabierte zu Simenons Lebzeiten das Alphabet des Reichseins.) 

Unbedarfte Kleinstadtschönheiten und angeschlagene Dienstmädchen erscheinen an allen Ecken und Enden. Exemplarisch ist die Striptease-Schönheit Marie-Lou. Der Roman „Striptease“ entsteht im Juni 1957 in der üblichen Eile; das ehemalige (das geborene) Dienstmädchen mit der „schwarzen Warze unter der linken Brust“ verläuft sich in der Halbwelt. Simenon fasst Marie-Lou in der Manier und Manie eines Toulouse-Lautrec auf. Sie ist „von freimütiger Sinnlichkeit“. Morgens um vier hakt sie sich emphatisch bei einem Freier unter, während das Meer vor Cannes aufrauscht und „die Fischer ihre Bootsmotoren anwerfen“. Ein dubioses Paar passiert Bäuerinnen, die mit Körben und Kisten dem Marktplatz entgegenstreben. 

Gemeinsam mit ihrer WG-Genossin Célita arbeitet Marie-Lou im „Monico“. In dem Nachtclub genießt Célita als ausgebildete Tänzerin eine Sonderstellung. Ihre Exklusivität untermauert sie mit einem berühmten Vater, der allerdings erst nach dem Verhältnis mit ihrer Mutter zum Star wurde, und mit dem Verhältnis, das den (mit „Madame“ Florence verheirateten) Clubchef Léon so lange an sie bindet, bis Maud Leroy die Bühne des „Monico“ betritt. Genial verkörpert sie das Genre der sündigen Unschuld. Nach dem Einmaleins der Nacht ist Maud halb so alt wie Célita. Die Arrivierte zieht in den Kampf, schon mit der Ahnung, zum ersten Mal auf verlorenem Posten zu stehen.

Simenon verschanzt sich hinter Léon. Ihn lässt er seine Obsessionen ausbaden. Der Schriftsteller macht einen Bettler aus dem Luden. Der Chef verliert das Gewicht eines dicken Katers, der mit seinen Mäusen/Miezen/Mädchen spielt. Léon erlebt das Glück und die Verzweiflung der sexuellen Hörigkeit. Er maskiert seine Unterwerfung mit omnipotentem Gehabe, doch ist er für sein Metier verloren. 

Auch seine Frau leidet. 

„Sie wurde bald vierzig Jahre alt und manchmal war sie des Kämpfens müde.“ 

Schließlich fällt Florence aus, aber Célita rückt nicht automatisch auf. Maud steht ihr im Weg. 

Georges Simenon, Striptease, Roman, Hoffmann und Campe
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Stillgelegte Verhältnisse

Im März 1954 schreibt Georges Simenon in Rekordroutine den (Jahrzehnte später mit Philippe Noiret in der Hauptrolle verfilmten) Roman „Der Uhrmacher von Everton“. Nach einem Einschluss von acht Tagen ist das Werk vollbracht.
 
Der Belgier zelebriert in einer Vorstadt von Salisbury im Bundesstaat Connecticut vor den Toren New Yorks den amerikanischen Traum in der Suburbia Variante. Er registriert Einprägungen der Peter Stuyvesant Ära, als New York noch Nieuw Amsterdam hieß und sich als Handelsplatz auf die königliche Kolonie Nieuw Nederland auswirkte. Simenon gefallen die Schnittmuster der skandinavisch-niederländisch-angelsächsisch getönten Mittelklasse, die aufgeräumte Weiträumigkeit ihrer Anwesen, der selbstverständliche Luxus ihrer Eisschränke und Klimaanlagen, ihre Sprit fressenden Straßenkreuzer und deren Häfen. Ihn fasziniert das unverdiente Glück von Leute, die in einem Land leben, dass seit neunzig Jahren von keinem Krieg umgepflügt wurde. Der Schriftsteller besucht die Barbecue Partys seiner Nachbarn. Allgemein geht man gerade dazu immer, Gin mit Wodka zu ersetzen, während McCarthy in der Durchsetzung des Communist Control Act den Zenit seiner Macht erreicht, Rock’n’Roll populär und die Lederjacke zum Symbol einer Jugendbewegung wird. 

Simenon mäht den Rasen vor seinem Haus, tauscht Cocktail Rezepte und betreibt Mimikry in einer Gesellschaft von Pendlern, die an jedem Werktag New York mit dem Zug erreichen und verlassen. 
Er liebt die Stimmungen des Indian Summer in den offenherzigen Habitaten. Dem sommersprossig spröden Neu-England dichtet er die Kleinstadt Everton an. Da lebt der alleinerziehende Uhrmacher Dave Clifford Galloway mit seinem Sohn Ben. Eines Abends brennt der Heranwachsende in der Gesellschaft eines Mädchens aus der Nachbarschaft namens Lillian Hawkins zunächst mit dem Lieferwagen des Vaters durch. Die halbstarke Aktion im Vorgriff auf „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ löst eine Verfolgungsjagd quer durch die Vereinigten Staaten aus. 

Auch Bens Mutter verschwand einst von jetzt auf gleich nach einer beschämend kurzen Spanne als Galloways Gattin. Das Unglück bricht in stillgelegte Verhältnisse ein. Der Uhrmacher führt sein Leben in kleinsten Radien kurz vor dem Stumpfsinn. Simenon verwendet wieder einen psychologischen Aufbau, der die Anfälligkeit des Kleinbürgers für autoritäre Lösungen und eine grundsätzliche Überforderung zeigt. Als die Polizei vor seiner Haustür aufkreuzt, ahnt Galloway, dass Ben in Schwierigkeiten steckt. Er will kooperieren und sich gefällig zeigen, ohne dem Sohn zu schaden.

„Er musste wie ein Ehrenmann auftreten, der das Gesetz achtete.“ 

Er duckt sich weg, taucht innerlich ab und ist schon am Ende seiner Kraft, bevor die Geschichte mit einem Mord Fahrt aufnimmt. 

Ein Vater erfährt, dass sein Sohn verdächtigt wird, einen Mann erschossen zu haben, nur um in dessen Oldsmobile die Flucht schnell und komfortabel fortsetzen zu können. Natural Born Killers lassen grüßen. Wieder zeigt sich Simenons Gespür für die Tendenzen einer Zeit, in der James Dean und Marlon Brando zu Ikonen einer konservativen Rebellion werden, und wieder wählt der Autor einen Schleichweg, um zum Ziel seiner Erzählung zu kommen. Galloways verlangsamter Schritt bestimmt die Handlungsgeschwindigkeit. Das FBI-Ermittlungstempo so wie alles andere Action Versprechende bleibt unerzählt. Stattdessen geht es darum, wie jemand seinen Kaffee trinkt. Zigaretten werden angeboten. Galloway erinnert sich daran, dass Ben noch mit vier Bettnässer war. Eine Nachbarin kann wegen ständig geschwollener Füße nur Pantoffeln tragen. 

Der Freiheitstrip der Jugendlichen kommt nur in den Trott unterbrechenden Nachrichten vor. Einmal heißt es, sie seien im Jefferson County von Virgina „gesichtet“ worden so als sei das eine Stelle am Horizont und überliefere etwas Phänomenales. In Wahrheit dient die Reise dem höchst konventionellen Zweck einer frühen Eheschließung. Die Kinder wollen heiraten in einem Staat, dessen Gesetze das zulassen. 

Simenon fühlt dem Beat des Jahrzehnts den Puls, aber er erzählt nicht wie Kerouac von einem (alternativen) Leben auf der Straße. Sein Fokus verlässt nicht die erschöpfte Hilflosigkeit eines vorzeitig gealterten Mannes, der bis zu den Ereignissen in der Handlungsgegenwart nichts Aufregenderes erlebt hat, als die Verachtung von Bens Mutter. Man begreift die ozeanische Tiefenströmung in Simenons Werk an solchen Stellen in dieser verknappten Psychologie. Die Frau, die sich rücksichtslos in Galloways umsah, da nichts von Interesse fand und den Armleuchter mit einem Kleinkind sitzenließ, thront wie eine Göttin im Himmel über Amerika. Galloway existiert lethargisch in der Konsequenz ihres vernichtenden Urteils. Nun ergänzt Ben das Urteil. Er rehabilitiert seine Mutter, indem er sich der Liebe gewachsen zeigen will … in der Bereitschaft, dafür über Leichen zu gehen. Oder weniger pompös gesagt: sie nicht den Notwendigkeiten eines Alltags anzupassen. 

Ben erwartet nichts von seinem Vater, der nicht nur mit der Polizei kooperiert, sondern auch mit der Presse. Er lässt sich vorführen. Schließlich werden Bonnie und Clyde in Indiana vor einer bäurischen Kulisse gestellt. 

Simenon hat noch viel zu erzählen. Es geht immer weiter um einen Mann, der noch jeden Menschen verloren hat, der sich wegbewegen konnte. Der eingesperrte Sohn bietet sich der vollendeten Nachsicht einigermaßen wehrlos an. Trotzdem bleibt Galloway der Unterlegene im Verhältnis zu Bens gescheiterter Radikalität.  

Georges Simenon, Der Uhrmacher von Everton, Roman, Hoffmann und Campe
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Die Ächtung

„Dann sind Sie also dazu verdammt hierzubleiben, einfach weil Sie kein Geld haben?“ – In dem Roman „Die Schwarze von Panama“ schildert George Simenon einen Abstieg, der sich auch als Ausstieg begreifen lässt.  

Der Roman erschien zum ersten Mal 1935 unter dem Titel „Quartier nègre“. Der Kern des Geschehens dreht sich um die Deklassierung eines französischen Ehepaars, dass in Panama sozialen Schiffbruch erleidet. Während Germaine Dupuche als Kassiererin in der weißen Sphäre eines Hauptstadthotels unterkommt und so den bürgerlichen Schein wahren kann, landet ihr Gatte jenseits der Armutsgrenze auf der schwarzen Seite des Kanals im Ghetto von Cólon. Es geht zu wie in Heiner Müllers Erinnerung an eine Revolution: „Unsere Firma steht nicht mehr im Handelsregister. Sie ist bankrott.“ Es gibt keinen Auftrag mehr. Der Auftrag des mit dem Ansehen und den Aussichten eines Direktors angereisten Ingenieurs geht gemeinsam mit dem Ansehen in der Konkursmasse einer Konzernpleite verloren. Joseph Dupuche verdingt sich als Hafenarbeiter und verkommt auf einer Strecke vom weißen Ich zum schwarzen Wir. 

Simenons rasiermesserscharfe Darstellung des Niedergangs einer bürgerlichen Person, die den Halt ihrer Klasse verliert und im Absinthrausch aus ihrem Herkunftskorsett schlüpft, liefert Dupuches Lustgewinne an der Hintertür ab. Eine aus dem Fundus des Erotomanen Simenon gefischte Veronique erscheint im Gauguin Stil als Antagonistin der erstarrten, vom Vater an den Gatten weitergereichten Germaine. Die Legitime flüchtet in die Bigotterie. Sie verurteilt Joseph im Verein mit der französischen Gemeinde vor Ort.     

Simenon schildert die Ächtung des Ingenieurs vorderhand als Desaster und hinterhältig als Aussteigermärchen, in dem berufliches Scheitern zu privatem Glück dann doch nicht führen darf. Der Autor vollführt seine Kunststücke auf narrativen Schwebebalken. Er schafft eine Kassiberkunst – Vexierbilder.  

Der Abstieg beginnt mit dem Abstieg des hochtrabenden, lediglich seiner vorübergehend fast erschöpften Mittel wegen besorgten Ehepaars im Hôtel de la Cathédrale. Es besteht ein Mangel an Flüssigkeit, der in der Alten Welt längst behoben wäre. Der Hotelbesitzer François Colombani, genannt Tsé-Tsé, erkennt die Zeichen und macht Germaine ein unmoralisches Angebot. Die Not liegt in seinem Ermessen. Er trennt das Paar. Die Beiläufigkeit und das schlichte Dekor des omnipotenten Aktes beweist einmal mehr Simenons psychologisches Genie und seine aus dem Gelenk geschüttelte, keiner zweiten Durchsicht bedürftigen erzählerischen Raffinesse. Was wie Hilfsbereitschaft aussieht, ist ein Übergriff. Tsé-Tsé und seine korsische Entourage isolieren den Gestrandeten. Sie zeigen ihm das Revier ihrer Entfaltung als Schauplatz einer geschlossenen Gesellschaft. Sie lassen ihn auflaufen und wie einen Idioten aussehen. 

„Allmählich wurde Dupuche alles klar. Diese Leute gehörten einer anderen Welt an … Man gab sich zwar den Anschein, ihm helfen zu wollen, aber in Wirklichkeit tat man alles, um ihn los zu werden.“

In der Anordnung steckt auch ein Verrat Germaines an ihrem Mann. Zur Abhängigkeit erzogen, wendet sie sich automatisch dem Licht der Macht zu und übergibt sich dem Nächstbesten. Ihre Unmündigkeit wird vorausgesetzt, jemand muss die Verantwortung übernehmen. Auf der schlichten Mechanik liegt ein Schleier wie zur Verbergung der Pudenda. Dass Tsé-Tsé eine Fremde an die Kasse lässt, verdient Beachtung. Simenon hätte Germaine zum Mündel von Tsé-Tsés Frau machen können, doch verzichtet er nicht auf die Verbindung von Geschlecht und Geld. Dass, was dem Ehepaar Dupuche zur Konsistenz fehlte, nämlich das Geld, um bürgerlich zu bleiben, fließt nun ständig durch Germaines Hände. Zum begeisterten Publikum ihrer Performance gehört Tsé-Tsés.  

Tsé-Tsé setzt Germaine an die Kasse und Joseph auf die Straße. Der Ingenieur tröstet sich mit Veronique, die in der kolonialen Logik als Entrechtete nur berechnend auf ihre Kosten kommt. Sie erscheint dem versprengten Franzosen als Naturkind.

Georges Simenon, Die Schwarze von Panama, Roman, Hoffmann und Campe
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erstellt am 04.10.2018

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll in seine Kolumne auf Faust Kultur.