Es erinnert ein wenig an die einstige taz-Kolumne „Scheibengericht“, was Hans-Klaus Jungheinrich da mit seinen CD-Entdeckungen beginnt: Der Verzicht auf thematische oder formale Verklammerungen ist auch die Befreiung vom Exempeldienst der einzelnen und zuweilen einzigartigen Komposition oder Einspielung für die musikalische Betrachtung. So erhält jedes Werk der Tonkunst seine eigene Geltung.

Eine »vorbildlich« etwas planlose CD-Parade

Bunte Reihe

Mit Vergnügen denke ich manchmal an die Rezensionstätigkeit des großen Kollegen Kurt Tucholsky aus den 1920er Jahren (u.a. für die „Weltbühne“). Diesen Buchbesprechungen, die souverän daherkamen, aber nicht wichtigtuerisch, lag ein ziemlich erweiterter und recht lockerer Literaturbegriff zugrunde. In solch einer Kolumne rangierte der Rilke neben dem philatelistischen Ratgeber, der Gide neben dem Gotikbildband, und in der bunten Reihe des zumeist nur kurz Gestreiften gab es für jede Einzelheit ein (nun ja, nicht immer so ganz) treffendes Urteil. Für die jeweilige Auswahl der Titel fiel mir eigentlich nur diese Erklärung ein: Es handelte sich um Neuerscheinungen, die Tucho, um sie leicht bei der Hand zu haben, auf seinem Nachttisch stapelte, und wenn er dann, im Dunklen nach der Lampe neben sich tastend, immer den oberen Teil des Bücherberges umstieß und sich über die neben dem Bett verstreuten Schriften ärgerte, kam allmählich der Augenblick, den Berg abzutragen und wenigstens das oben Liegende endlich zu rezensieren, was dann ja gewöhnlich auch das jüngst Erhaltene und Aktuellste war.

Diese relaxte, dem prompten Ausklingeln von tagesfrischer Ware eher abholde Methode soll mir hier für einmal Vorbild sein. Zwar horte und höre ich die Tonträger nicht im Schlafzimmer, sondern im größeren Wohnraum auf einem runden Tisch, den man euphemistisch als autorengemäße Arbeitsplatte apostrophieren könnte (zu seinen Anlagerungen gehören freilich auch Post- und Wanderkarten, Stadtpläne, Briefe, Rechnungen etc.) Auch da entstehen Gebirge und droht mithin die Notwendigkeit, jene nicht in den Himmel wachsen zu lassen. Weniger als ein Dutzend CD-Veröffentlichungen zu beschreiben und danach im Orkus des rezensionsmäßig Erledigten zu versenken, macht aufs Aug‘ zwar nicht viel aus, aber sei’s drum. Wenigstens eine symbolische Vorratsbegradigung. Und, wie’s gerade kommt, soll – Tucholsky machte es vor – kein kunstvoll roter thematischer Faden in das Querbeet-Vorhaben eingeschossen sein.

Weltverlorenheit und Welthaltigkeit

Über die schönen und idealtypisch abgerundeten Recital-CDs von ECM nur ein paar Zeilen zu verlieren ist fast Frevel. Diesmal stellt sich das Danish String Quartet vor mit Bach, Schostakowitsch (Nr.15) und Beethoven (op.127) – drei Welten in Es-Dur (ECM 2561). In einer einzigen Tonart zu schweben und dabei zwischen tiefster Weltverlorenheit (Schostakowitschs letztes Quartett) und eigentümlich verdichtetster Welthaltigkeit (der späte Beethoven) zu pendeln, kann zu einer bewegenden Erfahrung werden. Um gleich mit zwei weiteren derzeitigen Meister-Viererbanden fortzufahren: Weitaus einheitlicher zeigt sich das Mendelssohn-Programm des Minguet-Quartetts (cpo777 931-2). In den Vier Stücken op.81 demonstriert der Komponist sein die Klassik „romantisch“ überhöhendes Können ganz entspannt. Aber fast noch aufregender, mit dem frühen Es-Dur-Quartett von 1823 zu erleben, wie perfekt bereits der Vierzehnjährige von seinem Berliner Lehrer Karl Friedrich Zelter das Fugenschreiben à la Bach gelernt hatte. Kammermusik der subtil genussvollsten Art bietet das ebenfalls sehr „angesagte“ Quatuor Danel (cpo 555 088-2) mit dem Streichquartett und dem Klavierquintett (Partner am Piano: Paavali Jumppanen) von César Franck, zwei Solitären ihrer Art (der eigenwillige belgische Wagnerianer schrieb später für jede Gattung nur noch einzelne, gleichsam auf einsamer Höhe stehende Exemplare, formal ganz unakademisch). Zauberhaft, wie beim Quintett ein zuerst beinahe unscheinbar im Klavier auftauchendes Kopfsatz-Seitenthema allmählich zum das Ganze durchtränkenden “Leitmotiv“ wird.

Eine pianistische tour d’horizon mit Bach, die zugleich als eine manuelle tour de force wahrgenommen werden kann, bietet der junge Pianist Vikingur Olafsson, der nicht nur in den reichen Schatz der Bach’schen Originalmusik für Tasteninstrumente greift, sondern auch mit einschlägigen Bearbeitungen brilliert (Deutsche Grammophon 4835022), wobei sich wieder zeigt, dass Bach eigentlich in jeder Verklanglichung gut und in den meisten auf rätselhafte Weise „authentisch“ wirkt. Das wussten schon Gounod und Play Bach. Die konnten Bachs Konstruktion zwar verzuckern, aber nicht kaputtmachen. Olafssons selbstverständlich absolut seriöse CD hinterlässt den Hörer ziemlich atemlos – die Tempi sind rasant wie nie, und selbst gewichtigere Formate (Präludium und Fuge e-moll) huschen vorbei wie ein kurzes Sommergewitter. Natürlich geht es bei einem Gesangsrecital gemütlicher zu. Erst recht, weil Nadine Sierra (Deutsche Grammophon 483 5004), die mit reichlich viel Cover-Sex Appeal paradieren darf (Vorderseite Augen offen, Rückseite Augen zu) im Zwischenbereich zwischen E- und U-Musik flottiert, also vorzugsweise keck Fetziges und Schmonziges schräg ums Musical zum Vortrag bringt. Unerwartet mogelt sie dann aber auch eine Arie der Ann aus Strawinskys gipsbarocker Oper „The Rake’s Progress“ ein und zeigt mit sopranesker Leuchtspur die Vielseitigkeit eines erstaunlichen vokalen Profils.

Amerikanische Musikkultur und europäische Tradition

Aus dem geläufigen Musical-Sound hob sich hier einiges von Leonard Bernstein heraus, dem Hundertjährigen (er starb 1990), der auch als komponierender Vermittler zwischen amerikanischer Musikkultur und europäischer Tradition nicht zu unterschätzen ist (seine „Mass“: ein Leuchtturm liberal-multireligiöser Musiktheologie). Seine Symphonie Nr.2 ist so etwas wie eine philharmonische Übersetzung von W. H. Audens berühmtem Poem „The Age of Anxiety“. Das meiste klingt hier wie ein etwas temperamentvollerer Hindemith; ein kleines motorisches Kraftpaket ist freilich der kurze Satz „The Masque“, wirbelwindartig jazzig und in schwindelerregender Rhythmik daherbrausend. Simon Rattle dirigiert die Berliner Philharmoniker, den solistischen Klavierpart spielt Krystian Zimerman (Deutsche Grammophon 483 5539). Der selbe Dirigent nahm sich auch des hübschen Bernstein-Musicals „Wonderful Town“ an in einer prächtigen Interpretation mit zünftigen Solisten und dem London Symphony Chorus & Orchestra (LSO SACD LSOO813). Die Ouvertüre beginnt schmissig, dann kommt bald ein schmachtendes Saxophonthema, und man denkt: ganz wie in einer Symphonie oder Sonate oder bei Puccini, wenn nach einer Exposition die Primadonna ihren Auftritt hat, möglichst über eine bühnenbreite Treppe. Dann kommen noch eine und noch eine und immer noch eine Bernsteinmelodie, und wir wissen: aha, ein additiver Potpourri-Reigen. Man hört den flotten oder sentimentalen Klängen gerne weiter zu, besonders dem Schnatterensemble mit einsetzendem Chor (Track Nr.19).

Einen Hauch von Kammermusik könnte man noch heraushören aus Gerd Schallers großorchestraler Bearbeitung von Anton Bruckners (einzigem) Streichquintett. Dem Bruckner-Enthusiasten Schaller genügen offenbar die elf (!) überlieferten Symphonien des Meisters, abweichende Varianten nicht mitgerechnet, immer noch nicht. Die Symphonisierung (hier solid intoniert von den Prager Radiosymphonikern) erbringt aber mitnichten eine wirkliche Großarchitektur, eher etwas Windschiefes, das von der Symphonie die Klobigkeit und von der Kammermusik die Demut ausstrahlt. Seltsam. Wohin die Liebe eben führt (Hänssler Profil PH16036). Beschließen wir das bunte Defilée mit einer auf den ersten Blick kurios anmutenden Veröffentlichung: der Gesamtaufnahme von Wagners „Siegfried“ (Naxos 8.660413-16), gespielt vom Hongkong Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Jaap van Zweden. Ganz bestimmt einem Kollektiv von Wagner-Neulingen, die aber auf Anhieb ihre eiserne Kompetenz unter Beweis stellen. So schön ausdifferenziert hört man das „Ring“-Motivgeflecht auch von europäischen Klangkörpern nicht alle Tage. Grosso modo lässt sich das Lob auch auf die sängerische Realisierung ausdehnen. Etwas merkwürdig – auf großartige, fast erhabene Weise – allerdings der Wotan/Wanderer von Matthias Goerne. Auf weite Strecken könnte man vermuten, er habe keine Ahnung von der Rolle und nur eine Liedpartitur vor sich, die er so lyrisch nuanciert und zünftig wie möglich wiederzugeben trachtete. Kein zynischer Humor, keine losfahrende Großspurigkeit. Wieder einmal eine – vertrackt interessante – Fehlbesetzung.

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erstellt am 27.9.2018

Danish String Quartet
Prism I
ECM 2561

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Felix Mendelssohn Bartholdy
Streichquartette Vol.2
Minguet Quartett
cpo777 931-2

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César Franck
Klavierquintett f-moll +Streichquartett D-Dur
Quatuor Danel, Paavali Jumppanen
cpo 555 088-2

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Johann Sebastian Bach
Klavierwerke
Vikingur Olafsson
Deutsche Grammophon 4835022

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Nadine Sierra
There's a Place for us
Deutsche Grammophon 483 5004

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Leonard Bernstein
Symphonie Nr.2 „The Age of Anxiety“
Krystian Zimerman, Berliner Philharmoniker, Simon Rattle
Deutsche Grammophon 483 5539

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Leonard Bernstein
Wonderful Town
London Symphony Orchestra, Simon Rattle
LSO SACD LSOO813

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Anton Bruckner
Streichquintett F-Dur für großes Orchester
Prague Radio Symphony Orchestra, Gerd Schaller
Hänssler Profil PH16036

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Richard Wagner
Siegfried
Hong Kong Philharmonic Orchestra, Jaap van Zweden
Naxos 8.660413-16

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