In seiner Kolumne „Kontrapunkt“ wundert sich Thomas Rothschild über die gleichzeitige Verehrung des russischen Präsidenten Wladimir Putin durch die extreme Rechte und Teile der Linken.

Kontrapunkt

An die Kolleginnen und Kollegen

Zu den beliebtesten „Argumenten“, mit denen Kommunisten diskreditiert werden sollen, gehört die Behauptung, sie hätten gemeinsam mit den Nationalsozialisten die Weimarer Republik bekämpft und schließlich abgeschafft. Das ist, jedenfalls in dieser undifferenzierten Verallgemeinerung, kompletter Unsinn. Sie soll die Unterstellung erhärten, dass sich der linke und der rechte Rand des politischen Spektrums nicht nur berührten, sondern sogar glichen. Sie ist die für die deutsche Geschichte modifizierte Anwendung der dubiosen Totalitarismustheorie.

Nun gibt es Fälle in der Geschichte, in denen politische Gruppen und Bewegungen, auch Individuen sehr divergenter, ja entgegengesetzter Ausrichtung aus völlig unterschiedlichen Gründen zu vergleichbaren Ergebnissen kommen. So kann man der EU aus nationalistischen Motiven heraus kritisch gegenüberstehen, aber auch, weil man der Überzeugung ist, dass sie nicht den Interessen der europäischen oder gar aller Völker, sondern denen der großen Konzerne dient. Wenn das aber zutrifft, ist es umso dringlicher, dass man seine Gründe benennt, um nicht in den Verdacht einer unerwünschten Allianz zu geraten.

In den vergangenen Jahren hat sich die extreme Rechte mehr und mehr als Verehrer von Wladimir Putin deklariert. Die AfD gehörte zu den Ersten, die Putin zu seiner Wiederwahl gratulierten. Marine Le Pen hat mehrfach erklärt, dass sie Putin bewundere, und der deutsche Rechtsaußenagitator Jürgen Elsässer wird nicht müde, die Trommel für Putin zu rühren.

Aber auch zahlreiche Linke, die sich wohl in der Regel nicht (mehr) Kommunisten nennen, aber eine Affinität zu kommunistischen oder sozialistischen Grundwerten eingestehen würden, beziehen mehr oder weniger kämpferisch Position für den russischen Präsidenten. Dabei wird die Parteinahme allenfalls mit der Gegnerschaft zur NATO in Zusammenhang gebracht. Damit könnten sich auch nationalistische Rechtsextreme befreunden. Und die Mahnung, dass die Sowjetunion gegen Hitlers Wehrmacht gekämpft hat? (Das haben, zur Erinnerung, auch die Vereinigten Staaten von Amerika getan, was Trump noch nicht sympathischer macht.) Selbst da hat die Rechte gleichgezogen. Das Bildungsinstitut der FPÖ hat kürzlich bei einer Veranstaltung im Ballsaal des Wiener Grand Hotels an den jüdischen Rotarmisten Alexander Petschjorskij erinnert, der einen Aufstand im NS-Vernichtungslager Sobibor angeführt und Hunderten seiner Mitgefangenen zur Flucht verholfen hat. Man kann das Zynismus nennen oder Kalkül – der anwesende russische Botschafter jedenfalls dürfte das Signal verstanden haben.

Eine weitere Begründung, gar eine deutliche Abgrenzung zur Putin-Liebe von rechts findet in den Solidaritätsadressen linker Putin-Bewunderer nicht statt. Darum aber möchten wir mit Nachdruck bitten. Wer als angeblich Linker Putin verteidigt, wer sich blindlings auf Abstimmungsergebnisse in Russland selbst beruft, als hätten die größten Verbrechen des 20. Jahrhunderts nicht Mehrheiten vorweisen können, die sie befürwortet und akklamiert haben, möge erklären, was seine Haltung von derjenigen der Rechten unterscheidet, wie er dem selben Idol bei entgegengesetzter Weltanschauung zujubeln kann. Damit nicht eines Tages die Geschichtsschreiber behaupten können, der linke und der rechte Rand hätten mehr gemeinsam als sie trennt.

Diesen Beitrag habe ich einer dezidiert linken Zeitschrift angeboten, die sich regelmäßig für Putin stark macht. Sie lehnte ab. Es gehört zur Misere der deutschen Linken, dass es kaum Medien gibt, die Diskussionen über unterschiedliche vorgebliche oder tatsächliche linke Positionen zulassen. Man will unter sich sein. Fast drei Jahrzehnte nach dem Ende der Sowjetunion. Nichts dazugelernt.

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erstellt am 13.8.2018