Musik, die auf der Höhe der Zeit komponiert wurde, rutscht, da letztere stetig weiterzieht, talwärts. Dem Altern der Neuen Musik haftet so, anders als der Alten Musik, etwas Melancholisches an. Bei Neueinspielungen aber ist oft ein Reifungsprozess zu hören. Hans-Klaus Jungheinrich hat Musik von Stockhausen, Lachenmann und Luke Bedford auf sich wirken lassen.

CD-Empfehlungen

Utopien des Hörens

Die musikalische Moderne, emphatisch „Neue Musik“ genannt, könnte grosso modo als eine um den Ersten Weltkrieg herum aufkommende Kunsterscheinung bezeichnet werden, verbunden vornehmlich mit den die Tonalität aufweichenden oder zertrümmernden Maßnahmen Strawinskys, Bartóks, der Wiener Schule und der russischen oder amerikanischen Avantgardisten. Da wurde für das bildungsbürgerliche Gewöhnungsempfinden bereits manches zum Ärgernis. Noch ganz Anderes bot sich aber nach dem Zweiten Weltkrieg mit der (als historische Konsequenz gesehenen) Etablierung der seriellen Kompositionstechnik. Deren Propagatoren und Protagonisten bauten zwar auf der Zwölftontechnik von Schönberg und Webern auf, radikalisierten diese aber mit raffinierten, mathematisch ausgefuchsten Methoden. Im Grunde ging es um tabula rasa, um die Neuerfindung der Musik ab ovo, um in die Gegenwart hereingezogene Zukunftsmusik. Karlheinz Stockhausen äußerte sich dazu (noch 1955) am rigorosesten: „Die Städte sind radiert – und man kann von Grund auf neu anfangen, ohne Rücksicht auf Ruinen und geschmacklose Überreste.“ Hätten die Architekten dafür grünes Licht bekommen, sähen Hamburg, Köln, München, Dresden und Berlin heute bestenfalls so aus wie Oskar Niemeyers Brasilia. Die Musik ist ein weniger empfindliches Terrain als der Städtebau, und so konnte sich das kompromisslos serielle Komponieren für eine Weile durchsetzen als aktuelle, vieldiskutierte Kulturerscheinung. Es waren dann Komponisten wie Stockhausen selbst, die sich, ohne ihre mathematisch-technologischen Ansätze zu verraten, dennoch um die Rezipierbarkeit ihrer „Werke“ (an diesem hergebrachten Begriff wurde im Grunde kaum genagt) kritische und produktive Gedanken machten. Ohne sich einem gängigen Konsumismus anzubequemen, wandten sie sich vom Anschein nüchterner kompositorischer Versuchsanordnungen ab und suchten Anknüpfung an emotivere, komplexere Wahrnehmungsweisen. Ein Stockhausentitel wie „Stimmung“ ist dafür symptomatisch – er assoziiert in gewissermaßen ironischer Instanz ja auch Romantisch-Atmosphärisches. Das musiktheatralische Riesenopus „Licht“ ist denn auch so dramaturgisch geschickt und vielfältig angelegt, dass – trotz beträchtlichen Zeitverbrauchs – schwerlich lähmende Langeweile entstehen kann. Man könnte lange der These nachsinnen, dass die späteren Stücke von Stockhausen, Boulez, Nono – und auf andere Weise alles von John Cage – viel „publikumsfreundlicher“ daherkommen als die Emanationen der strengen seriellen Jahre. Die frühe serielle Musik, eine kahle Sängerin (um diesen Ionesco-Titel zu bemühen).

Karlheinz Stockhausen im Studio für Elektronische Musik des WDR im Oktober 1994, By Kathinka Pasveer (Kathinka Pasveer) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC BY-SA 3.0  (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons
Karlheinz Stockhausen, 1994, Foto: Kathinka Pasveer

Gleichwohl hat diese Periode auch etwas Heroisches. In der Rückschau wirkt sie nicht nur fanatisch und dogmatisch verblendet, sondern in ihrem unbeirrbaren Glauben an die Zukunft auch naiv und juvenil. Weil die Sackgasse heute klar kenntlich ist, kann man sie vielleicht umso mehr als eine utopische, an kein Ziel führende Anstrengung würdigen. Stockhausens Klavierstücke I-XI, entstanden im wesentlichen zwischen 1952 und 1956, markieren diese Situation in aller Deutlichkeit. Noch rankt sich um diese scheinbar ausschließlich der mathematischen Rationalität entsprungenen Stücke kein religiös-sektiererisch-mystagogisches Brimborium wie um das spätere Œuvre, leider besonders auch um „Licht“. Der Autor selbst und viele von ihm angeregte Musikologen errichteten allerdings einen imposanten Kommentarbau auch um dieses Werk – ausgehend vor allem von abstrakten Phänomenen wie Zeit, Zahl, Determination und Freiheit. Gleichwohl darf man auch die Frage stellen: Wie lassen sich diese Klavierstücke „überfliegen“? Was hört man, wenn man sie hört? Ist es möglich oder überhaupt notwendig, einen Zusammenhang herzustellen zwischen dem spontanen Hören und den kompositorischen Manipulationen Stockhausens?

Sabine Liebner ist nicht die erste Interpretin dieser elf Klavierstücke, die man übrigens nicht schlichtweg als Zyklus apostrophieren kann, weswegen die CD auch in der Reihenfolge nicht der Nummerierung folgt. Auffällig ist, dass die Pianistin (sie pflegt ein ähnlich dezidiertes Avantgarde-Repertoire wie Pierre-Laurent Aimard) vor allem im unteren dynamischen Bereich über ein immenses Nuancierungsvermögen verfügt – anders als Aloys Kontarsky, dessen ältere Aufnahme sich im höheren Lautstärkebereich stärker auffächert. Interessanterweise lässt sich Sabine Liebners Spiel in zweierlei Richtung deuten. Einmal anschlagstechnisch: Sie beherrscht auf sonst unerreichte Weise die „Feinmechanik“ der geforderten extremen Anschlagsarten. Zum andern poetologisch: Sie erschließt die „sensibilisierenden“ Aspekte der Musik, die nicht unbedingt unter dem Zwang steht, trocken und starr wirken zu müssen. Schwer dürfte es beim Hören fallen, die einzelnen Stücke als abgesonderte „Identitäten“ zu erkennen; das ist wohl auch unnötig. Nicht nur, dass die Stücklängen erheblich differieren zwischen einer halben Minute und fast einer Dreiviertelstunde. Auch lange Pausen und ausgedünnte Strecken innerhalb der einzelnen Stücke repräsentieren die Fragmentierung der klingenden Gestalten. In einigen Partien herrscht ohnedies eine Art von vorgestaltlichem Punktualismus, wie er schon bald als eine Aporie des seriellen Komponierens entdeckt wurde. Am unverwechselbarsten ist natürlich das Klavierstück IX mit einer Maßnahme, die man im Kontext des seriellen Denkens als Geniestreich bezeichnen kann: Am Anfang und dann noch in mehreren Anläufen bringt Stockhausen hier einen sich vielmals wiederholenden Tritonusklang, erst fortissimo, dann abebbend – bei Sabine Lindner verschwimmt er allmählich in einem leisen Pedal-Nirwana pianissimo –, wie denn überhaupt dieses anfangs so bestimmt daherkommende Stück die Tendenz hat, sich im Nirgendwo zu verflüchtigen. Hier gibt es also einmal feste Griffe, an denen sich das Hören halten kann.

Helmut Lachenmann blieb den früheren Avantgarde-Intentionen treuer als viele andere seiner Generation, und so erlebt man, dass die große Vokalstudie „got lost“ für Sopran und Klavier von 2007/08 um nichts weniger beißend anmutet als das konzise Streichtrio von 1965. Ein Hang zum Kompendiösen zeigt sich bei dem langen Klavierstück „serynade“, kurz vor der Jahrtausendwende entstanden. Möglicherweise ist Großräumigkeit der Form für den älteren Lachenmann ein Äquivalent zu Provokation und Verweigerung, seinen frühen Markenzeichen. Eine bloß flüchtig vorbeigehende Musik kann schwer den Eindruck insistierender Sprödigkeit hinterlassen.

Nach Stockhausen und Lachenmann wirkt die – keineswegs banale – Kriminal-Kammeroper „Through his Teeth“ des Engländers Luke Bedford, vor einigen Jahren in London uraufgeführt und nun in Freiburg eingespielt, auf geradezu unterhaltende Weise erholsam. Dabei ist die Musik von sparsam-destillierter Finesse und Eleganz. Die drei Singstimmen transportieren in durchaus zünftiger Rezitativartigkeit eine spannende Geschichte; musikalische Feinmaschigkeit offenbart sich vor allem im instrumentalen Anteil (es gibt auch zahlreiche Zwischenspiele), wobei man staunt, was mit nur acht Musikern (Klarinette, Trompete, Schlagzeug, Harfe, Akkordeon, Violine, Violoncello, Kontrabass) möglich ist. Klänge, die erfunden sein wollen. Auch sie noch unerhörte Klänge.

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 03.8.2018

Karlheinz Stockhausen
Klavierstücke I-XI
Sabine Liebner
WERGO 7341 2

CD bestellen

Helmut Lachenmann
got lost (+Streichtrio, Serynade)
Yuko Kakuta, Sopran, Yukiko Sugawara, Klavier, Trio recherche
WERGO 7367 2

CD bestellen

Luke Bedford
Through his Teeth (Kammeroper)
Opera Factory Freiburg, Holst-Sinfonietta, Dirigent: Klaus Simon
bastille musique bm007

CD bestellen