Tuschicks Kolumne

Der Staat gegen Nelson Mandela

Das niederländische Gerichtsdrama „An Act of Defiance“ lief zum Abschluss und als Höhepunkt auf dem 24. Jüdischen Filmfestival Berlin & Brandenburg. Jamal Tuschick war dabei.

Er hatte zwei akademische Abschlüsse, aber für seine Wärter im Johannesburger Marshall-Square-Gefängnis war Nelson Mandela nur ein „Kaffer“ oder „Boy“, den hängen zu sehen, sie kaum erwarten konnten. Das erzählt Jean van de Velde in dem Gerichtsdrama „Bram Fischer“, das auf dem 24. Jüdischen Filmfestival Berlin & Brandenburg unter der Titel „Act of Defiance“ lief. Der Originaltitel zeigt das Interesse des Regisseurs an. Im Mittelpunkt steht der wichtigste Verteidiger des „Angeklagten Nr. 1“.   

Abram „Bram“ Fischer (1908 – 1975) war ein Produkt südafrikanischer Eliteschmieden. Die Familie siedelte seit Generationen auf dem Territorium des Oranje-Freistaats, der als unabhängige Republik nicht lange bestand. Das burische Trutzland behielt seinen Namen als südafrikanische Provinz. Darin überlebt die Erinnerung an einen „Act of Defiance“ jener Voortrekker, die sich Anfang des 19. Jahrhunderts der britischen Vorherrschaft am Kap der Guten Hoffnung entzogen und nach Norden ausgeschert waren. Sie opponierten gegen ein Verbot der Sklaverei, gegen das britische Rechtswesen und die englische Amtssprache. Rudimentär lässt sich der anti-britische Affekt noch 1963 aufspüren, als Nelson Mandela und andere Milizführer des verbotenen African National Congress (ANC) in Pretoria der Prozess gemacht wird. Richter Quartus de Wet muss uniformierte Vollstrecker der Apartheid dazu ermahnen, vor Gericht nicht Afrikaans zu reden.  

Das Standesbewusstsein der studierten Klasse überflügelt im Film manchmal den Rassismus. Es ergeben sich Momente der Wertschätzung für die gebildeten Angeklagten sowie Szenen einer fast einvernehmlichen Deklassierung der im Zeugenstand lügenden Büttel.

Man kennt sich. Fischers Vater figurierte als konservatives Urgestein und langjähriger Chef der Bloemfontein Bar – einer Anwaltsassoziation mit verpflichtendem Charakter. Der Sohn trägt den selten verliehenen Titel Queen’s Counsel und wird zunächst als natürlicher Verbündeter des Regimes wahrgenommen, das sich über alles hinwegsetzt und so auch über die eigenen Gesetze, um die schwarze Wut in den Griff zu kriegen.

Peter Paul Muller spielt den Anwalt als die Redlichkeit in Person. Seine Kollegen wirken neben ihm wie promovierte Laufburschen. Fischer will sich bekennen. Seine Standfestigkeit lässt ihn leuchten. Er ist listig wie Odysseus. Ihm gelingt das allgemein für unmöglich Gehaltene: er bewahrt seinen Mandanten vor dem Galgen. 

Mandela kommt zu kurz als der Größte im Ring der Geschichte. Sello Motloung stellt einen titanisch sein Milieu überragenden Mann dar – unbeugsam, galgenhumorig; so todesmutig wie gesprächig. Vielleicht ist ein bisschen zu viel Jesus in Motloungs Spiel. Die meisten seiner Streiter wurden auf einer Farm in Rivonia festgenommen. Der Vorort von Johannesburg gab dem sich von Oktober 1963 bis Juni 1964 hinziehenden, den Angeklagten vor allem Sabotage und kommunistische Umtriebe zur Last legenden Prozess seinen Namen. Die Kommunistische Partei war in Südafrika seit 1950 verboten. Den militärischen ANC-Flügel (Umkhonto we Sizwe, kurz MK) kaderte die illegale South African Communist Party. Das ist ein Dreh- und Angelpunkt im Geschehen. Nicht alle Angeklagten sind schwarz. Nicht alle Angeklagten sind schwarz. Und die Weißen sind jüdische Kommunisten, so wie der noch lebende Denis Goldberg – und so wie Arthur Goldreich, der die Farm in Rivonia als MK-Stützpunkt gekauft hatte. Goldreich war Künstler und Krieger. Ihm gelang die Flucht aus dem Gefängnis. Als Priester verkleidet, rettete er sich außer Landes.    

Fischer radikalisierte sich nicht erst im Verlauf des Verfahrens gegen Mandela. Er war „bereits vorher einer von denen“. Das stellt sein Gegenspieler Percy Yutar vor Gericht fest. Die Kinopolizei guckt unter Fischers Fußmatte und wühlt im Hausmüll. Sie dokumentiert Fischers konspirative Husarenritte. Tochter Ilse (Izel Bezuidenhout) unterstützt den Vater gewitzt. Ehefrau Molly (Antoinette Louw) bewährt sich als ihrem Gatten den stärksten Halt gebende Regimekritikerin. Mutter und Tochter gewinnen Präsenz auf Nebenschauplätzen. Immer wieder verirren sich die Schilderungen ihrer Schliche in alltäglicher Schönheit und Bougainvillea Floristik.

Leger erscheinende Herren hört man sagen:
„Die Zeit des Redens ist vorbei. Es gibt nur noch die Entscheidung zwischen Bombe und Kugel (bomb or bullet).“   

Zu den Feinheiten von „An Act of Defiance“ gehört das Spiel mit den Herrschaftssprachen, während indigene Sprachen nur in Protestslogans laut werden. Die Sprache der Buren dient in der Inszenierung primär privaten Bemerkungen. Auch die Liebe erklären sich weiße Afrikaner auf Kap-Niederländisch.

Der Film schwelgt in Stimmungen der Sechziger. Die jungen Weißen sehen so aus wie der Stab des Weißen Hauses in der Kennedy-Ära. Die Haifischflossen der Limousinen signalisieren die Zukunft anpackende Entschlossenheit. Die Opposition gegen das Regime ist eine schicke Angelegenheit. Alerte Poolpartygäste düpieren im Sonnenschein eingeschränkte Befehlsempfänger, die nachts und in Kellern mit Folter Geständnisse erzwingen und Informationen erpressen. In einer frühen Szene sieht man Polizisten beim Waterboarding.

Act of Defiance, Spielfilm, NL 2017, Regisseur: Jean van de Velde. Mit Peter Paul Muller, Antoinette Louw, Sello Motloung (Trailer)

Jüdisches Filmfestival Berlin & Brandenburg

Im Zwinger der Ignoranz

„Driver“: Yehonatan Indursky drehte 2017 in der hauptsächlich von ultraorthodoxen Juden bewohnten israelischen Stadt Bnei Berak ein Wintermärchen.

„Nicht touristisch“, nennt Kinokoryphäe Frank Stern die Perspektive von Yehonatan Indursky auf Bnei Berak in seiner Einführung. Stern schildert die ultraorthodoxe Verdichtung in der Tel Aviver Agglomeration Gusch Dan als aschkenasisch-religiösen Binnenkosmos, räumlich nah, seelisch jedoch weit entfernt von den Hypes der Großstadt. Da inszenierte Indursky 2017 ein Wintermärchen. „Driver“ folgt einer Mäander der Trauer.

Nach dem Unfalltod ihres jüngeren Bruders erlebt Chani die weitere Zerstörung ihrer Familie im Verlust der vom Schmerz abgesprengten Mutter. In der Nacht, bevor die Frau ihren Mann mit der Absicht verlässt, in Tel Aviv Gott abzuschwören und auf den säkularen Magistralen eine Andere zu werden, fragt sie die Tochter: „Möchtest du mitkommen.“

Manuel Elkaslassy spielt Chani als eine den Erwachsenen melancholisch überlegene Person. Chani will ihren Vater nicht allein lassen. Nachman Ruzumni repräsentiert den stoisch trauernden, von seiner Religion eingehegten Vollstrecker des Nötigen. Drohen die Stricke der Selbstbeherrschung zu reißen, kippt er sich Schnaps hinter die Binde. Er qualmt seine Not zu.

Nachman geht einer nächtlichen Beschäftigung am Rande der Legalität nach. Er chauffiert Bedürftige zu Betuchten, wo sie ein Almosen mit einer berührenden Geschichte gleichsam zu erwerben hoffen. Nachman liefert den Riemen und das Repertoire einer effektiven Präsentation.

Er erklärt jedem Wahrheitsliebenden:

„Eine gute Geschichte ist niemals eine Lüge.“
„Frag nicht um Erlaubnis. Der Bettler bestimmt die Regeln.“

Nachman kritisiert und korrigiert seine Klienten. Er stimmt die Klinkenputzer von der überlegenen Warte des Fahrersitzes ein und macht sie fit. Im Gegenzug beteiligen sie ihn an ihren Gewinnen.

Moshe Folkenflick verkörpert die Nachtgestalt als Untergrundpersönlichkeit. Er spielt einen heiter deprimierten Solisten mit mächtiger Verdrängungspotenz. Nachman ignoriert sich, wo er nicht funktioniert. Seinem Leiden gibt er kaum Raum. Er hält es in einem Zwinger der Ignoranz. Er sammelt Geschichten. Als Quelle dient ihm eine Greisin, die wie in einem amerikanischen TV-Krimi der Achtzigerjahre seinen Anruf vor einem öffentlichen Münzfernsprecher erwartet. Eines Nachts bietet sie ihm folgende Sentimentalität an:
Eine Frau kommt heim und findet ihren greisen Gatten so verdattert, dass er sie nicht wiedererkennt. Allerdings reagiert er mit Erinnerungsprofiten auf Lieder der Beatles. Die Frau will ihm so auf die Sprünge helfen. Sie hat auch noch Platten, die helfen. Allein der Plattenspieler fehlt. Soll eine doch um Geld für den Apparat gegen Demenz bitten.

Der Film voltiert aus seiner Logik, indem die Erzählerin beim nächsten Wiedersehen ihren Mann nicht erkennt. Trotzdem setzt sich keine absurde Sicht auf das Geschehen durch. Nachman unterhält freundschaftliche Beziehungen zu einem Duo, das mit ihm beim Pokern in einer Imbissbude zum Trio wird. In diesem Kreis flottieren kuriose Geschäftsideen. Zum Beispiel will man mit einem Lastwagen Kinderwagen in Tel Aviv einsammeln und sie sonst wo verscherbeln. Eines Nachts, Nachman hat Chani bei seiner Mutter untergebracht, fahren die Drei wegen einer Fuhre Schnee nach Jerusalem. Unterwegs erfährt der Vater, dass seine Tochter abgängig ist. Er entzieht sich dem Vorhaben, Schnee von Jerusalem nach Bnei Berak zu schaffen, entdeckt Chani in einer märchenhaften Szene und geht mit ihr nach Hause. Am nächsten Morgen liegt zum ersten Mal seit siebzig Jahren Schnee in seinem Viertel. Der Schnee ist vom Himmel gefallen und gibt der Anstrengung des Duos, das tatsächlich mit Schnee auf der Ladefläche ankam, den trostlosen Anstrich der Vergeblichkeit. In der letzten Einstellung stehen die von dem Naturereignis überraschten Gläubigen wie Spielfiguren auf einem weißen Platz.

Regisseur Indursky scheint seine Hauptdarsteller*innen danach ausgewählt zu haben, wie viele Großaufnahmen ihre Gesichter vertragen. Die Kamera rasiert ständig die verletzlichen Partien von Tochter und Vater. Jedes Mundwinkelzucken wird breitgetreten. Die Gesichter von Manuel Elkaslassy und Moshe Folkenflick brennen sich ins Zuschauergedächtnis. Während ich schreibe, laufen Spielarten der Gemütsentfaltung über das Laufband der Erinnerung.

„Driver“, Spielfilm, Israel/Frankreich 2017, Regisseur: Yehonatan Indursky, mit Moshe Folkenflick, Manuel Elkaslassy, Yaël Abecassis (Trailer)

Siehe weiter:

Tuschicks Kolumne

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erstellt am 06.7.2018

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll in seine Kolumne auf Faust Kultur.

Das 24. Jüdische Filmfestival Berlin & Brandenburg fand vom 26. Juni bis 5. Juli 2018 unter dem Motto „No Fake Jews“ statt.

Das 24. Jüdische Filmfestival Berlin & Brandenburg fand vom 26. Juni bis 5. Juli 2018 unter dem Motto „No Fake Jews“ statt.

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