Hans Magnus Enzensberger, der einst „zornige, junge Mann“, erreicht 2019 ein stattliches Alter: Neunzig. Er schreibt noch immer, wie er grinst: klug, funkelnd, verschmitzt. Sein neuestes Buch enthält 99 Porträts von Autoren des 20. Jahrhunderts. Das Buch lässt offen, warum es geschrieben wurde, macht aber klar, warum es Nicht-Leser lesen sollten, meint Martin Lüdke.

Lüdkes liederliche Liste

Ein Schelm, wer Böses denkt

Ein origineller Kopf. Ein glänzender Rhetoriker. Ein irrer Typ, auch jetzt noch, während er in die biblischen Dimensionen des Alters zusteuert. Hans Magnus Enzensberger. Einst galt er als „zorniger junger Mann“; der böse Gedichte geschrieben hat, „Geburtsanzeige“ etwa, wo das „bündel“, das da auf die „Welt geworfen“ wird, „verraten und verkauft“ ist, von vorneherein, selbst das „pfarrer“ das „trinkgeld“ nimmt, „eh ers tauft“, eben „verraten und verkauft“. Selbst dieser junge ‚zornige’ Enzensberger, der noch keine dreißig Jahre alt war, als seine ersten Gedichte, „Verteidigung der Wölfe“ (1957), bei Suhrkamp erschienen sind, konnte mit seinem ‚Zorn’ kühl kalkulierend umgehen. Bald schon legte er die „Einzelheiten“ (1962) nach, eine Sammlung von Aufsätzen und Essays, in denen unter anderem der „Eiertanz“ der FAZ so penibel nachgezeichnet war, dass die Herausgeber dieser „Zeitung für Deutschland“ glaubten, mit einem verbalen Veitstanz darauf reagieren zu müssen. Es sollte eine Widerlegung werden und wurde eine Bestätigung von Enzensbergers Analyse.

Dieser Enzensberger hat nie seine Contenance verloren, selbst seine oft hoch stilisierten, immer formvollendeten Wutausbrüche wurden stets mit einem verschmitzten Lächeln vorgetragen. Enzensberger konnte im schwarzen Anzug die Literatur zu Grabe tragen, und dabei verstohlen noch zwinkern. Er konnte, mit einer grauen Jeansjacke verkleidet, zur Revolution aufrufen, sein ironisches Lächeln blieb davon unberührt. Enzensberger wusste immer, wo das kleine Hintertürchen zu finden war, durch das er sich notfalls aus dem Staub machen konnte. Immer hat er es mit dem „fliegenden Robert“ gehalten, der „nichts weiter als eine Legende“ hinterlassen wollte, „mit der ihr Neidhammel, wenn es draußen stürmt, / euern Kindern in den Ohren liegt, / damit sie euch nicht davonfliegen.“ Ein Stück nasser Seife lässt sich besser greifen als der trockene Humor, der verschmitzte Witz des schelmisch grinsenden Autors.

Der einst „zornige, junge Mann“, 1929 in Kaufbeuren geboren, erreicht im nächsten Jahr ein wahrlich stattliches Alter: Neunzig. Seine Bewegungen sind etwas langsamer geworden, seine öffentlichen Auftritte seltener. Sein Witz (im Verständnis des Wortes, das bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht) ist gleich geblieben. Er schreibt noch immer, wie er grinst, klug, funkelnd, verschmitzt.

Sein neuestes Buch, immerhin 367 Seiten umfassend, enthält 99 Porträts, wie er es nennt, „literarische Vignetten“ von „Überlebenskünstlern“ aus dem „20. Jahrhundert“.
Ein seltsames Buch, das offen lässt, warum es geschrieben wurde, aber klar macht, warum es Nicht-Leser lesen sollten. Es sind zum Teil, offen zugegeben, Wikipedia-Informationen, stilistisch aufgeputzt. Eben Vignetten, wie es der Ursprung des Wortes signalisiert. Keine Gebührenmarken, die zur Benutzung von Straßen und Autobahnen bei finanziell klammen Nachbarn berechtigen, sondern Weinranken, zu einem Ornament angeordnet. Es sind oft persönliche Erinnerungen an die Person des Autors, sein Werk. Es sind erinnerte Begegnungen mit ihm (und seltener auch: ihr). Mit einigen dieser Autoren konnte und kann Enzensberger wenig anfangen und man fragt sich, warum sie in diese Sammlung aufgenommen worden sind. Manche sind kaum bekannt. Viele, die man sich gewünscht hätte, Grass, Böll, Johnson, Walser, Thomas Bernhard, fehlen. Auch Faulkner, Camus und Ponge. Mit manchen war er befreundet. Mit manchen hat er sich überworfen. Enzensberger lässt sich aber auch hier nicht festnageln: Literatur, sagt er, sei „keine Olympiade, und einen Medaillenspiegel“ gebe es nicht. „Wer kein Historiker ist, kann und muss kein Kompendium liefern und keine unanfechtbaren Beweise führen.“ Seine Auswahl bleibt also unbegründet. Enzensberger kann sich das leisten. So findet sich ein kurzes Porträt von Alexander von Gleichen-Rußwurm gleich nach Ricarda Huch und gefolgt von Gorki und Gide. Einige seiner Auserwählten sind vergessen, manchmal, so lassen seine Porträts erkennen, ist es ein Jammer, manchmal auch nicht. Viele haben tatsächlich überlebt. Die Texte sind chronologisch, nach dem Geburtsjahr, geordnet. Es beginnt mit Knut Hamsun, 1859 geboren, und endet (an sich) mit Joseph Brodsky (1940 – 1996). Danach folgt, aus unerfindlichen Gründen, noch der albanische Erzähler Ismail Kadare, der zwar schon 1936 geboren, aber noch immer nicht gestorben ist als Nummer 99.

Genau diese willkürliche Auswahl macht aber auch einen Reiz dieses Buches aus. Breton, Zuckmayer, Brecht, Sartre, Canetti, Onetti, Koeppen, Georg Glaser, Genet und Cioran, auch Irmgard Keun, Ilse Aichinger und Ingeborg Bachmann. Man liest viel, lernt einiges, erfreut sich oft – an den Bosheiten ebenso wie an den treffenden Charakterisierungen. Es ist eine ideale Sammlung für Leser, die – wie der Börsenverein des deutschen Buchhandels endlich offen bekennt – zu der immer wachsenden Anzahl von Zeitgenossen zählen, die das Lesen (von Büchern) aufgeben haben. Denn Enzensberger bietet wirklich wunderbare Vignetten. Er erzählt pointiert. Er präsentiert die Quintessenz des Lebens und Schreibens der hier Vorgestellten. Er liefert Anekdoten. Er bereitet die Informationen erzählerisch auf, reichert sie oft mit hübschen Sottisen an. Er bietet eine leichte, vergnügliche, dabei ausnahmslos informative Lektüre. Über Gombrowicz heißt es da zum Beispiel: „Nichts ist diesem Tagebuchschreiber heilig. Seine Kennerschafts in Sachen Dummheit ist unübertroffen.“ Zuckmayer wird charakterisiert: „Die Linken hielten ihn für konservativ und die Konservativen für allzu links. So saß er oft zwischen allen Stühlen.“ Aber das, so das Resümee, „für einen Schriftsteller kein schlechter Platz.“ Günter Eich wird auf exakt drei Buchseiten so treffend porträtiert, dass der Eindruck eines vollständigen Bildes entsteht. Von dem frühen, einst berühmten Gedicht „Inventur“ bis hin zu den späten „Maulwürfen“, in denen die Grenze zum Verstummen bereits überschritten ist. Enzensberger kannte halt Gott und Welt und damit auch die meisten der hier vorstellten Schriftsteller(innen). Und einige von ihnen gut. Viele Porträts sind von tiefer Sympathie getragen, einige, wie das von Henry Miller, von herzhafter Verachtung geprägt, manche liebevoll geschrieben, einige ziemlich hingeklotzt. Vielleicht muss man nicht wissen, dass Nelly Sachs, diese zerbrechliche Erscheinung, (heimlich?) bei ihrer Nachbarin in Stockholm sich Fußballspiele im Fernsehen angesehen hat. Ich glaube allerdings, auch das könnte zum Verständnis ihrer Gedichte beitragen. Und wer Enzensberger verstehen will, nicht nur den zornigen jungen Mann, der ist mit diesem Buch gut, ja sogar bestens beraten.

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erstellt am 06.7.2018

Hans Magnus Enzensberger
Überlebenskünstler
99 literarische Vignetten aus dem 20. Jahrhundert
Gebunden, 366 Seiten
ISBN: 978-3-518-42788-0
Suhrkamp Verlag, Berlin 2018

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