2015 ist Anne Wiazemskys sympathisch unprätentiöser „Erinnerungsroman“ im französischen Original erstmals erschienen. Fast fünfzig Jahre nach den Ereignissen: „Paris, Mai '68“, die von der Autorin naiv staunend und zugleich mit dem genauen Blick des unbestechlichen Beobachters wahrgenommen worden sind. Es ist sicher das schönste Buch über die Revolte von 1968 überhaupt geworden, meint Martin Lüdke.

Lüdkes liederliche Liste

Mit Rollschuhen zur Revolte

Anne Wiazemsky wurde 1947 als Tochter eines Diplomaten in Berlin geboren. Sie starb 2017. Wiazemsky war eine Enkelin des französischen Literaturnobelpreisträgers Francois Mauriac. Von 1967 bis 1979 war sie mit dem Filmregisseur Jean-Luc Godard verheiratet. Sie haben einige Filme, angefangen mit „Die Chinesin“, 1967, zusammen gedreht.

„Wir waren“, so beginnen diese Erinnerungen, „erst vor wenigen Wochen in die Wohnung in der Rue Saint-Jacques Nummer 17 gezogen“, mitten ins Quartier Latin, nahe der Sorbonne, um die Ecke vom Boulevard Saint-Michel, unweit der Seine. Womit der Schauplatz des Pariser Mai '68 bereits bezeichnet ist. Straßenkämpfe und Barrikaden, Kundgebungen und Demonstrationen, und mittendrin die junge Frau, die gerne auf Rollschuhen durch das ‚verminte’ Gelände fährt, vorbei an den Polizeisperren und vorbei an den brennenden Autos und den ausgegrabenen Pflastersteinen.

In ihrer eigenen Familie galt sie als „eine kleine Wilde“. Der Großvater Mauriac, konservativ, ja reaktionär und natürlich auch stock-katholisch, war „hocherfreut“, dass ihre neue Wohnung direkt gegenüber der Kirche Saint-Séverin lag. Sollte Anne, so dachte er, zum Glauben zurückfinden, der Weg zur Kirche war so kurz, dass keine Zeit wäre, die „Meinung“ wieder zu „ändern“.

Während der Vollversammlungen in der Sorbonne, den Künstler-Treffen im Odeon, den diversen Aktivitäten, in die Godard involviert war, blieb immer noch Zeit, sich mit Freunden zum Essen zu treffen. „Jean-Luc war das Gegenteil eines Gourmet und aß nur, um satt zu werden. Je hässlicher das Restaurant, desto besser.“ Aber auch seiner Frau zuliebe hatte er sich dann doch mit besseren Restaurants, „angefreundet“. Jetzt suchten sie, zusammen mit ihren (durchaus mondänen) Freunden, in der Nähe des Odeon nach einem Lokal. Nur ein weiteres Pärchen, älterer Mann, deutlich jüngere Frau waren noch anwesend. Die Stimmung war angespannt. Sirenen, Explosionen, Schreie waren zu hören. „Die Straßenkämpfe schienen näher zu rücken“. Godard fluchte, er hatte seine Brille verloren und war kampfunfähig geworden. Plötzlich, rote Fahnen schwenkend, Parolen skandierend, zog eine Gruppe Studenten vorbei. Das Pärchen vom Nachbartisch rannte, überängstlich, schutzsuchend in die Küche. Nachdem wieder Ruhe eingekehrt war, kamen sie zurück. „Der Mann zitterte vor Furcht und Zorn“ und schrie immer wieder „Kleine Dreckschweine! Kleine Dreckschweine!“. Anne sah nun kommen, was kommen musste. „Selbst Dreckschwein“, rief Godard. Der Mann, „entsetzt und wütend“, schrie zurück: „Wie können Sie es wagen? Ich war 1914 und 1940 im Krieg, Monsieur!“ Worauf Godard wieder entgegnete: „Wenn Sie noch leben, dann sind ein Drückeberger, sonst wären Sie ja tot, wie Tausende andere“. Weil das Drückeberger-Pärchen zu den Stammgästen des Restaurants gehörte, verkürzte sich der Aufenthalt der Freunde. Für solche Szenen, egal in welcher Umgebung, war Godard immer gut. Je mehr er sich politisch radikalisierte, desto öfter und erbitterter hat er sich gestritten. Von solchen Anekdoten, häufig hübschen Geschichten wie etwa von dem Ausflug nach London, wo Godard einen Film mit den Beatles drehen sollte, und Anne und Paul McCartney unter dem Tisch Tee tranken und Kekse aßen, während sich Godard und John Lennon aus Leibeskräften anschrien, ist das Buch voll. Auch die Streitigkeiten des Paares Jean-Luc & Anne, Godards Launen und Verstimmungen werden ausführlich beschrieben. Genau, aber nie indiskret. Ebenso die Versöhnungsszenen. Anne Wiazemsky erzählt von den Reisen an die Cote d’Azur, nach Cannes zu den Filmfestspielen, die abgebrochen wurden. Sie erzählt von ihren Dreharbeiten in Frankreich, in Rom. Sie berichtet von den Unstimmigkeiten zwischen den Freunden und Kollegen wie Truffaut, Gilles Deleuze. Sie beschreibt die Straßenschlachten in Paris. Immer ist es ihre, eine eigene Sicht auf die Geschehnisse. Sie glorifiziert nichts. Sie verharmlost nichts. Sie beschreibt ihre, die private Sicht auf die politischen Ereignisse vom Mai '68. Und zwar mit einer beeindruckenden Genauigkeit.

Ihr „Erinnerungsroman“ ist der Bericht eines Zeitzeugen. Anne Wiazemsky war mittendrin im Getümmel. Mit Sympathie dabei. Aber sie hat sich von der Euphorie nicht anstecken lassen. Den utopischen Überschwang konnte sie nicht teilen. Dafür genau hinsehen. Deshalb kann man ihren „Erinnerungsroman“ mit Gewinn lesen. Eine leichte Wehmut bleibt.

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 22.6.2018

Anne Wiazemsky
Paris, Mai '68
Ein Erinnerungsroman
Aus dem Französischen von Jan Rhein
Leineneinband, 161 Seiten
ISBN: 9783803113313
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2018

Buch bestellen