Dass sich die Ästhetik musikalischer Aufführungen verändert und die technische Entwicklung hörbar daran beteiligt ist, belegen allein historische Aufnahmen. Aber nicht nur deshalb sind solche ‚Ausgrabungen’ wie die sämtlichen Opern von Pjotr Iljitsch Tschaikowskij, 1936 bis 1963 eingespielt von bedeutenden Künstlern und Kollektiven, wahre Schatztruhen. Hans-Klaus Jungheinrich hat sich darin umgehört.

Tschaikowskij-Opern in historischen Aufnahmen

Ein Kontinent der Kontraste und Leidenschaften

Musikalische Rezeptionsgeschichte ist in neuerer Zeit zum erheblichen Teil Tonträgergeschichte. Die Euphorie des Hörens kulminierte in den 1960/1970er Jahren, als HighFidelity und Langspielplatte die Hürden und Einschränkungen häuslichen Musikgenusses (das Wort „Hausmusik“ ließ sich darauf wohl nicht anwenden) beseitigten, machtvolle Firmenimperien sich vorübergehend als öffentlich unentbehrliche Kulturvermittler gerierten und die Verfügbarkeit des „klassischen“ Gesamtrepertoires als einer klingenden Heimbibliothek aufschien. Die Erfindung der CD mit ihren vergrößerten Speichermengen (und platzsparendem Format) war dann nur noch ein vergleichsweise unspektakulärer Fortschritt, und die nachfolgenden technologischen Neuerungen einschließlich der mobilen Hörmodalitäten betreffen (einstweilen?) wohl mehr den Pop-Bereich, obwohl es natürlich auch Leute gibt, die sich beim Joggen von Mahlersymphonien begleiten lassen.

Ein wenig an die gute, alte Zeit der enzyklopädischen Klassikpakete erinnert die Editionspraxis des württembergischen Hänssler-Verlags und seiner Profil Medien GmbH. Mit dem Unterschied, dass es sich bei seinen schwerleibigeren Veröffentlichungen (in kleinerem Umfang produziert die Firma auch selbst beziehungsweise mit aktuellen Partnern) durchweg um „Altmaterial“ handelt, das neu zusammengestellt oder überhaupt erstmals als käufliches Objekt auf den Markt gebracht wird. Das ist hochwillkommen, denn Tonträger sind ja keine Autos, die rasch veralten und sich dadurch der angemessenen Verwendung mehr oder weniger entziehen. Andersherum: Die Oldtimer in den Musik-Archiven sind tatsächlich ein „ewiger Vorrat klassischer Musik“ (so eine unvergessen vollmäulige Werbeformel der frühen HiFi-Jahre), der niemals ganz veraltet. Auch, wenn Mode, Zeitgeist, Geschmack und historisches Bewusstsein auf diesen Bereich nicht ohne Einfluss bleiben und jede Epoche ihre eigentümlichen Interpretationsstile entwickelt. Automobiltechnik zeigt messbare Fortschritte, aber wer wäre so verwegen, Walter Gieseking für unbedeutender zu erachten als Andras Schiff oder den Straussdirigenten Thielemann gegen seinen zwei Generationen älteren Kollegen Joseph Keilberth ausspielen zu wollen? Einige großformatigere Anthologien, in den letzten Monaten bei Hänssler erschienen, bieten in diesem Sinne interessantes Studienmaterial und immer wieder auch exemplarische Hörerlebnisse. Hier ein paar pauschale Erwähnungen: eine 10 CD-Kassette mit Joseph Keilberth (PH 18019, von besonderem Repertoirewert seltene Orchesterwerke Max Regers), eine mit Schmankerln bestückte Sammlung von Karl Böhm-Aufnahmen mit der Staatskapelle Dresden (PH 18035), eine allerdings überwiegend Instrumentalkonzerte enthaltende Hommage an den Dirigenten Kurt Sanderling (PH 17018), Mozarts sämtliche Klavierwerke mit Walter Gieseking (PH 18026) und ein Klavier-Konvolut des jungen Daniel Barenboim mit dem hübschen Titel „The First Steps To Glory“ (PH 18038, drei Viertel Beethoven). Nein, so etwas gehört nicht auf den Müllhaufen geschmissen.

Mehr frenetisch als subtil

Etwas ausführlicher möchte ich mich mit einem anderen Hänssler-Backstein (einem ordentlich neu textierten Karton mit 22 CDs) beschäftigen. Das hat es meines Wissens hierzulande noch niemals gegeben: Sämtliche Opern von Pjotr Iljitsch Tschaikowskij vereinigt in einer Veröffentlichung. 1936 bis 1963 entstandene Wiedergaben führender sowjetischer Künstler und Kollektive (Bolschoi-Theater Moskau, Kirov-Theater Leningrad, Staatliches Radioorchester der UdSSR u.a.). Lässt sich das anhören? Bei älteren russischen Operninterpretationen begegnete man nicht selten einem schwülstigen, gleichsam augenrollend pathetischen Tonfall, den erst neuere Maestri wie Roschdestwenskij, Rostropowitsch oder Gergiev vertrieben. Die Orchester agierten mehr frenetisch als subtil; die holzschnittartige, wenn nicht holzhämmerige Diktion mochte erinnern an die Zeile eines um 1968 populären deutschen Liedermachers: „Zwischentöne sind bloß Krampf im Klassenkampf“. Nein, leuchtende Beispiele für ausdifferenzierte Klangkultur ließen sich da kaum ausmachen. Und die Sängerdarsteller: schwergewichtig röhrend, Soprane wie Stichflammen. Schmerzhafte Spitzentöne: nein, nicht detonierend, aber markzerfressend. Sage einer, der Realsozialismus sei nicht künstlerisch stilbildend gewesen.

Wenn man die Hänssler-Publikation darauf hin etwas argwöhnisch angeht, macht man aber bald günstigere, mildere Erfahrungen. Bedenkt man die frühen Aufnahmedaten, so überrascht erst schon einmal die in jedem Falle erträgliche, akzeptable, ja manchmal geradezu frisch anmutende Klangtechnik. Da wurde offenbar auch geschickt nachgearbeitet. So richtig wie aus der Tonne klingt nichts, und auch Bratkartoffelgeräusche sind eliminiert. Man bekommt etwas in die Hand, das es verdient, mit dem Phänomen des „ganzen Opernkomponisten Tschaikowskij“ assoziiert zu werden. Einzelne Meisterwerke wie „Eugen Onegin“ oder „Iolanta“ sind in aktuelleren Aufnahmen ergiebiger erschlossen, doch die vorliegenden Einspielungen von 1936 bzw. 1940 (sie gehören zu den ältesten hier präsentierten) können sich gerade sängerisch immer noch hören lassen, auch mit der neben Anna Netrebko durchaus gleichrangig wirkenden Iolanta-Sopranistin Glafira Zhukovskaya.

Ein Schmerzenskind in Tschaikowskijs Opernoeuvre ist „Die Jungfrau von Orleans“, eines seiner wenigen nichtrussischen Opernsujets, mit dem er sich idiomatisch etwas schwertut. Die längere orchestrale Introduktion versucht, den Weg der Jeanne aus ländlich-sittlicher Beschränktheit ins visionär Bedeutende und Staatspolitische zu skizzieren, verfällt dabei aber doch unversehens in standardisiert lyrische Genremalerei und „offiziellen“ Tonfall. Einige halbherzige Bearbeitungen (wie die von Gerd Albrecht vor 30 Jahren in München) überzeugten nicht ganz, aber auch die Kirov-Version von 1946 mit dem Dirigenten Boris Khaikin kann etliche Fadheiten nicht überbrücken. Ganz anders der Bolschoi-„Mazeppa“ von 1949. Diese finsterste aller Tschaikowskij-Opern böte reichlich Anlass zu überformatiger Vokal-Heroik, doch unter der Leitung von Vasily Nebolsin agiert ein hervorragend abgestimmtes, auch in den großen Tableaus gut aufeinander reagierendes Ensemble. Besondere Aufmerksamkeit verdient immer “Pique Dame“, die phantastisch-bizarre Entfaltung einer obsessiven Leidenschaft jenseits aller Erotik (ein immer untergründig virulentes Tschaikowskij-Thema) mit der skurril-dämonischen Figur einer greisen Gräfin (grandios die Altistin Faina Petrova), die das Geheimnis der „tri karti“ (der drei Spielkarten) zu Lebzeiten nicht verrät. Die Tragik des jungen Nicht-Paares Liza und Hermann vermitteln mit atemberaubender Intensität Xenia Dzerzhinskaya und Nikandr Khanayev in einer Bolschoi-Produktion von 1937.

Nationalrussische Töne

Wertvollster Aspekt dieses Unternehmens ist die Präsenz der frühen Tschaikowskijopern. Der nachgerade selbstquälerische Komponist vernichtete die Erstlingswerke „Der Wojwode“ und „Undine“, aber wenigstens ersterer konnte rekonstruiert werden; von dem Nixenstück sind nur mehr vier Fragmente aufführbar. Schade, denn diese „Undine“ wäre sicher eine schöne Alternative zu E.T.A. Hoffmann, Lortzing oder Dvorák gewesen. Ansprechend und lebendig die folgenden Opern „Opritschnik“ („Der Leibwächter“) und „Tscherewitschkij“ („Pantöffelchen“), in denen vorzugsweise nationalrussische Töne anklingen. Das geschieht in der letztgenannten Oper auf geradezu drastische, auch den Humoristen Tschaikowskij herausstellende Weise, wobei das Dorfmilieu zu derbkomischen Wendungen veranlasst. Vor allem in dieser Bolschoi-Darstellung von 1948 (Dirigent: Aleksandr Melik-Pashaev) herrscht eine unbefangen, ja unverfroren drastisch-grelle Klanglichkeit, die, in den Chorstimmen wie den Instrumentaltimbres, auf schon surreale Art so etwas wie musikalische russische Bauernmalerei beschwört. In scharfem Kontrast hierzu die schattenhaften Archaismen, wie sie der Komponist auch in den höfischen Musiken à la francaise der „Pique Dame“ zitiert.

Nun denn, wer mit dieser Tschaikowskij-Anthologie umgeht, weiß mehr. Er lernt einen der größten und wichtigsten Kontinente der russischen Musikdramatik (neben Rimskij-Korsakow und Prokofiew) kennen. Man wundert sich kaum, dass Tschaikowskij bei einer größeren Westeuropareise von Bizets „Carmen“ höchst entzückt, von Wagners „Ring“ eher zwiespältig berührt war. In seinem Operngestus gemahnt er gelegentlich an Verdi, dessen Entwicklung zu „durchkomponierten“ Szenen er ähnlich vollzog (am weitesten ging er in „Mazeppa“). In seinem „dramatischen“ Handwerkszeug griff er bisweilen auch zu gröberen Mitteln (rüttelnden Sequenzen, oft bemühtem verminderten Akkord, Schlagzeugbehandlung wie Kosakenpeitschen). Der Gegensatz zwischen subjektiv-intimem Ausdruck und „öffentlichem“ Tonfall (Ballett- und Repräsentations-Tableaus) wird besonders im „Eugen Onegin“ auf die Spitze getrieben. Man darf resümieren: Vier ganz wunderbare und hochoriginelle Werke, die zum internationalen Kernbestand gehören müssten: „Eugen Onegin“, „Pique Dame“, „Mazeppa“ und „Iolanta“. Diese späteste Oper Tschaikowskijs (1892) glänzt übrigens – ein nahezu singulärer Fall unter diesem Dutzend – durch ein gleißend-lichtes Dur-Finale, symbolisierend die Epiphanie der sichtbar gewordenen Welt nach der Heilung der blinden Titelprinzessin. Für verschärfte Tschaikowskij-Freunde gibt es, neben weiteren Fragmenten, noch die ausführlichen Bühnenmusiken zu „Snegurotschka“ („Schneeflöckchen“) und „Hamlet“.

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erstellt am 18.6.2018

Pjotr Iljitsch Tschaikowskij, 1888, vermutlich von Leonard Berlin aufgenommen im Atelier E. Bieber Hamburg
Pjotr Iljitsch Tschaikowskij, Fotografie, 1888

Pjotr Iljitsch Tschaikowskij
Complete Operas, Fragments & Incidental Music
Sowjetische Aufnahmen von 1936-1963
22 CDs
Hänssler Profil, PH 17053

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