Das Seltene, fast schon Verschwundene und das Besondere wird von leidenschaftlichen Suchern entdeckt, von Musikern jenseits des Showbusiness realisiert und aufgenommen, von wenigen CD-Labels publiziert und von singulären Musikjournalisten an die Öffentlichkeit gebracht. Hans-Klaus Jungheinrich würdigt neu veröffentlichte Musik von Anton Urspruch, Georg Philipp Telemann, J.S. Bach und Bruno Maderna.

CD-Empfehlungen

Fußspuren in Südhessen

Gemeinsame Fußspuren in Südhessen sind der hauchdünne rote Faden, der die hier besprochenen CD-Novitäten miteinander verbindet. Der Komponist Anton Urspruch rettet die Ehre Frankfurts als Geburtsstadt eines, nun ja, namhaften Komponisten. Und Frankfurt war – ab 1712 für fünf Jahre – auch die Wirkungsstätte eines der bedeutendsten Tonsetzer seiner Zeit: des umtriebigen und weltgewandten Georg Philipp Telemann. In der Mainmetropole lebt zudem jetzt die Pianistin und rührige Entdeckerin von Bachbearbeitungen – Angelika Nebel. Schließlich fand der aus Venedig stammende Komponist und Dirigent Bruno Maderna, der eine Rheinländerin geheiratet hatte, in Darmstadt seine zweite Heimat.

Urspruch – ein Name mit biblischer, ja prophetischer Anmutung. Sein Träger gehörte zu den durchaus berühmten Musikern seiner Zeit. Anton Urspruch (1850-1907) betätigte sich an einer im deutschen Opernfundus raren Spezies, der „heiteren“ seriösen Muse abseits der Operette. Leider verpasste er seinem Meisterwerk den Titel „Das Unmöglichste von allem“, der so recht nicht zünden will (er spielt, in der Tradition von „Così fan tutte“, auf Frauentreue an). Dem vergessenen Opus widmete sich neuerlich (auch als CD-Editor) Peter Paul Pachl, der in Sachen deutscher fin de siècle-Musik zu den kundigsten Trüffelsuchern gehört. Nun zog cpo nach, der Produzent, der überhaupt die Nummer eins ist, was die Erschließung abgelegener und zu Unrecht vernachlässigter musikgeschichtlicher Phänomene betrifft – von „Nischen“ zu sprechen, verbietet sich angesichts so wichtiger Œuvres wie derjenigen von Pettersson oder Weinberg, die ohne cpo auf dem Markt kaum existieren würden. Das aktuelle Doppelalbum enthält Urspruchs Klavierkonzert op.9 und seine Symphonie op.14, beide stehen in der Tonart Es-Dur und entstanden in einer Zeit (1878 bzw. 1881), als Brahms und Wagner noch lebten und Strauss noch braver kompositorischer Musterschüler war.

Brahmselnde Symphonie

Die Vermutung, dass man es hier also mit gepflegtem Eklektizismus aus der Brahms-Ecke samt ein paar Spritzern Bruch, Draeseke und Wagner handle, ist also nicht falsch. Die recht ausladende Symphonie „brahmselt“ auf weite Strecken, wirkt aber mit ihrem geradtaktigen Scherzo auch originell. Verfechter von Tonartencharakteristik mögen irritiert sein: das Es-Dur signalisiert hier nichts Heldisches oder Erhabenes, sondern eher bukolische Beschaulichkeit – man könnte an ein Pendant zur F-Dur-Symphonie (Nr.5) des ja ebenfalls nicht brahmsfernen Antonin Dvorák denken. Etwas angestrengt ist das Finale geraten, wo der satztechnisch aufgerüstete „alte Stil“ eher zu Akademismus als zu krönender Lebhaftigkeit führt – dagegen war damals sogar ein exaltierter Phantast wie Alexander Skrjabin nicht gefeit. Das Klavierkonzert kann als wohlgelungenes Schwesterstück zu Brahms‘ B-Dur-Konzert betrachtet werden, wiewohl es mit seinem breit ausfahrenden Kopfsatz (der aber wenig Dramatik entwickelt) eher den Proportionen des d-moll-Konzerts von Brahms entspricht. Das Finale hebt mit einem unwiderstehlich schlendernden Schwung an, dessen sich auch Brahms nicht hätte zu schämen brauchen. Die Wiedergabequalitäten (Oliver Triendl am Klavier, die Nordwestdeutsche Philharmonie mit den Dirigenten Georg Fritzsch und Marcus Bosch) sind in beiden Fällen tadellos.

Georg Philipp Telemann war neben J. S. Bach und Händel der dritte mitteldeutsche Megastern der Musik kurz nach 1700. Der gebürtige Magdeburger, mit Händel und der Bachfamilie befreundet, musste posthum allerdings mehr Federn lassen; sein umfangreiches kompositorisches Lebenswerk wurde oft als langweilige „barocke“ Dutzendware abgefertigt. Es dürfte wohl noch nicht allzu viele Interpreten gegeben haben, deren klingender Einspruch gegen derlei Urteile ähnlich vehement, ja schrill ausfiel wie die Kantaten-CD mit dem Dirigenten Florian Heyerick. Schon die Auswahl der Kantatentitel appelliert an Skurrilitäts-Connaisseure. Da gibt es „Siehe, eine Jungfrau ist schwanger“ und, noch um einen Zahn seltsamer als religiöses Sujet, „In Christo gilt weder Beschneidung noch Vorhaut“ (zum 7. bzw. 13. Sonntag nach Trinitatis). Die scheinbare Obszönität von letzterem fußt auf einem Passus aus dem Galaterbrief des Paulus, der eine merkliche Distanzierung vom Judentum anzeigt. Die Exzentrik der Wiedergabe triumphiert aber besonders in der Osterkantate „Ich bin der Erste und der Letzte“, wo die mutig dahermeckernden Basskoloraturen Werner Van Mechelens abenteuerlich mit der Trompete duettieren. In Chor (Ex Tempore) und Orchester setzt Heyerick enorme Crescendo-Effekte und -Affekte frei, inspiriert womöglich von der beteiligten Mannheimer Hofkapelle, die zur Zeit des jungen Mozart berühmt für solche Musizieraufregungen war. Alte Musik, echt verblüffend.

Meditative Ruhe

Das pure Gegenteil zu solcher Praxis muss aber keineswegs eindrucksschwach oder unelektrisierend sein. Angelika Nebels Bachspiel atmet meditative Ruhe auch noch im lebhaft Figurativen, erst recht bei den Tastenversionen von so berühmten Arien wie „Aus Liebe will mein Heiland sterben“ oder „Erbarme dich“ aus der „Matthäuspassion“. Vielfach handelt es sich um Transskriptionen romantischer oder nachromantischer Tonsetzer, was der heutigen Annäherung sozusagen einen doppelt historisierenden Standpunkt abfordert. Derlei zeigt sich überzeugend etwa in der leise nostalgischen Verhangenheit der Naoumoff-Fassung von „Betrachte, meine Seel‘, mit ängstlichem Vergnügen“. Den Zusammenhalt der tendenziell heterogenen Bearbeitungen bildet Angelika Nebels Zweiklang von hingebungsvoller Poesie und struktureller Strenge – beides zusammen ergibt so etwas wie eine eherne Folgerichtigkeit des klingenden Ablaufs, eine unaufdringliche und ohne jede Theatralisierung auskommende Grandeur. Sehr schön auch der – eher lockere – Bezug zu Bachs Wohltemperiertem Klavier, der dieser Edition den griffigen Titel „Opus magnum“ zukommen ließ.

Bruno Maderna (1920-1973) war im Kreis der Darmstädter Avantgardisten sozusagen das extrembegabte Naturtalent. Den Theoretikern in dieser Umgebung unterlegen, frappierte er als alleskönnerischer Dirigent (sein Paradestück war die „Fledermaus“) und eigenwilliger, bei aller Anpassung an den Serialismus klangsinnlich orientierter Musikautor (Oper „Satyricon“). Unter dem wunderschönen Motto „Now, and then“ erschienen unlängst Madernas Bearbeitungen alter Meister wie Frescobaldi, Legrenzi und Gabrieli für Kammerorchester (unaufdringlich virtuos: Orchestra della Svizzera Italiana mit Dennis Russell Davies) – sicherlich geschrieben zur Erholung von den Strapazen des atonalen Tonsatzes, wie es auch Schönberg und Webern immer wieder gerne mit Bach oder Johann Strauß praktizierten. (Ich denke ebenfalls mit Amüsement daran, wie bei den Darmstädter Avantgardekursen ab der zweiten Woche nur noch Chopin aus den geöffneten Fenstern der Übungsräumen ertönte). Wo das aber ästhetisch beheimatet ist, zeigt indes das rabiat postserielle Gitarrenkonzert „Chemins V“ (1992) von Luciano Berio (Solist: Pablo Marquez), übrigens auch Metamorphose eines früheren, eigenen Werkes, der „Sequenza XI“. Für mich, wenn dieses kleine finale Bekenntnis erlaubt ist, sind solche spröd-attackierenden Stücke aus der Darmstadt-Sphäre etwas sehr Vertrautes, Anheimelndes als Boten einer Jugendzeit, in der man die faszinierenden Sackgassen noch als verlockende Königswege aus der musikalischen Tradition wahrnahm.

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erstellt am 12.3.2018

Die Pianistin Angelika Nebel, Foto: Ilona Antina

Die Pianistin Angelika Nebel, Foto: Ilona Antina Photography

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