Buchkritik

Grundschwarz

Im jüngsten Roman der israelischen Autorin Ayelet Gundar-Goshen stößt eine Lüge das Tor zum Leben auf. Es erscheint die schulpflichtige Eisverkäuferin Nuphar Schalev in der Gestalt des Lavie Maimon. Jamal Tuschick hat „Lügnerin“ gelesen.

Nach kurzer Schonzeit bohrt Avischai Milner schon wieder lange dicke Bretter. Der Sänger ist nicht so vermessen, sich für verkannt zu halten. Er glaubt nicht, dass sich seine Begabung mit Ruhm und erstklassiger Bewirtung paaren muss. Er weiß, dass ihn Launen des Schicksals bewegen wie ein Vers den Geneigten. Doch hält er sich nicht für schlechter als viele, denen es besser geht. Er macht sich Luft und verschafft sich Erleichterung, indem er Leute anpöbelt. Das harmlose Vergnügen wird ihm zum Verhängnis. Das ist eine andere Geschichte.

Ayelet Gundar-Goshen kümmert die Tel Aviver Randgestalt wenig. Die Psychologin und Bestsellerautorin konzentriert sich auf die märchenhaften Aufmerksamkeitsgewinne der schulpflichtigen Eisverkäuferin Nuphar Schalev. Ein Zusammenstoß mit Avischai macht das Mädchen zum Star. Seine Darstellung des Kontakts verwandelt eine Kränkung in einen Vergewaltigungsversuch. Die Lüge wird Nuphar nahelegt. Der Wahrheitswille legt Protest ein und unterliegt lediglich überlegenen Gegnern. In einer Fehlbesetzung als Wehrhafte kommt Gundar-Goshens Heldin zu allem, wovon sie vorher nur träumen konnte.

Eine Lüge stößt das Tor zum Leben auf. Es erscheint Nuphar in der Gestalt des Lavie Maimon. Der Sohn eines Strategen hat selbst nicht viel zu bieten. Er hält sich mit Verrat und Beschiss über Wasser. Trotzdem sieht Lavie „wie ein guter Fick“ aus.

Nuphar und Lavie haben ein Abonnement für verlorene Posten. So steht es geschrieben in ihren Lebensbüchern. Nuphars Aufstieg zur „Medienprinzessin“ kann nur ihre Fallhöhe vergrößern.

Gundar-Goshen dokumentiert eine Reihe von Korrumpierungsprozessen. Sie berichtet von Unterschlagungen und Durchstechereien in der Sphäre öffentlicher Verkehrsteilnahme. Gerechtigkeit und Wahrheit sind einfach nicht zu fassen. Alle lügen, oft grundlos und gewohnheitsmäßig. Avischai drohen bis zu sechzehn Jahren Haft für zwei oder drei unangemessene Bemerkungen, die sich nach den Bedürfnissen der Bestien Öffentlichkeit und Eitelkeit zu einer erwiesenen versuchten Vergewaltigung auszuwachsen im Begriff stehen.

Das Romanlicht erhellt schwach den grundschwarzen Abgrund Bigotterie. Eine überlastete Ermittlerin schüttelt ihre Bedenken ab. Zweifelnde Eltern begnügen sich mit den Attrappen des Selbstbetrugs. In der Zwischenzeit lernen Nuphar und Lavie den Liebeskummer kennen. Die neue Erfahrung dominiert ihren sozialen Ordnungssinn. Avischai hat einmal mehr das Nachsehen, die Welt zuckt vor seiner Not mit den Achseln.

Der Roman versammelt eine Reihe von Konstellationen, die ihre Protagonisten dazu zwingen, in ein Dilemma zu investieren. Am deutlichsten zeigt sich das da, wo Mutterliebe mit anderen Gefühlen kollidiert. Der Wunsch, Schuld abzuwenden, vergrößert nur die Belastung.

Ayelet Gundar-Goshen, Lügnerin, aus dem Hebräischen von Helene Seidler, Roman, Kein & Aber, 333 Seiten

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erstellt am 10.3.2018

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll in seine Kolumne auf Faust Kultur.