Buchkritik

In gravierender Weise unzulänglich

„Die Affekte“ von Rodrigo Hasbún ist eine fiktionalisierte Lebensgeschichte der deutsch-bolivianischen Attentäterin Monika Ertl. Der Roman ist kurzweilig, aber nicht aufschlussreich, meint Jamal Tuschick.

Jede politische Auseinandersetzung ist nicht zuletzt ein Kampf um Bilder. Die überlegene Ästhetik zeigt die überlegene Technik an.

Hans Ertl (1908 – 2000) trat als Alpinist und Kameramann hervor. Er drehte für Luis Trenker und Leni Riefenstahl. Riefenstahls entfesselte Ästhetik wurde von Ertl miterfunden. 1953 wanderte er mit seiner Familie nach Bolivien aus. Er ließ sich zuerst in La Paz nieder. Ertl führte ein abenteuerliches Leben und starb hochbetagt als eremitischer, mit der Welt hadernder Viehzüchter in der Gegend von Concepción, ursprünglich einer jesuitischen Reduktion.

Wer regelte 1971 in Hamburg den Verkehr für Monika Ertl, als sie Roberto Quintanilla Pereira mit drei Kopfschüssen zu den Toten beförderte? Sie nahm gekonnt Rache. Ihr Vater hatte in Bolivien eine Kunstschützin und Herrenreiterin aus ihr gemacht. Monika konnte auch Golf, sie pendelte zwischen Camouflage und Robe. Die Hinrichtung quittierte eine von Pereira befohlene postume Entwürdigung Che Guevaras und die Ermordung des Guevara-Nachfolgers Inti Peredo, der Monika zum bewaffneten Kampf bekehrt hatte.

Rodrigo Hasbún erzählt die Geschichte von Ertls Tochter Monika (1937 – 1973). Der bolivianische Autor lässt Personen aus dem engsten Kreis um Monika fiktiv aussagen. Die älteste von vier Geschwistern sollte nach dem Willen des Vaters als Stammhalter zur Welt kommen. Der Vater prägte das Mädchen. Er formte es athletisch. Monika begleitete Ertl auf Filmexpeditionen. Sie gefiel ihm als Schützin und Reiterin. Sie zeigte sich unerschrocken gegenüber tödlichen Reptilien. Sie verkehrte in einer „Ersatzfamilie“ und erfüllte auch da die Erwartungen in einer Darstellung der Traumschwiegertochter. Der in gravierender Weise unzulängliche Gatte hielt Monika zu einem konventionellen Gesellschaftsleben an.

Der Rest ist Geschichte. Monika verliebte sich in Inti Peredo und wurde zur Protagonistin im lateinamerikanischen Befreiungskampf. Die Erscheinung der von einem kraftgenialen Vater zur Tat erzogenen Kombattantin verriet ihre Entschlossenheit nicht. Die engagierte Zeitgenossenschaft fand ihren Höhepunkt im Attentat auf einen bolivianischen Geheimdienstoffizier, der in Hamburg den Diplomaten gab. In der Planungspipeline blieb die Entführung des unbehelligt in Bolivien lebenden Klaus Barbie; gemeinsam mit Régis Debray wollte Monika Ertl den „Schlächter von Lyon“ einem Prozess zuführen.

Hasbún führt den Leser auf Schleichwegen zu der historischen Dimension einer Geschichte, die sich ihm widersetzt. Seine Erfindungen sind zu blass, um der vulkanischen Biografie Farben zu geben. Der Autor bleibt vor der Tür seiner Erzählung wie ein Ausgeladener stehen.

Monika Ertl verlor sich angeblich in den Labyrinthen der Konspiration. Sie, so suggeriert es Hasbún, tötete ihre Erinnerungen, ohne den Preis dafür zu begreifen. 1973 starb sie verraten im bolivianischen Straßenkampf.

Rodrigo Hasbún, Die Affekte, Roman, aus dem Spanischen von Christian Hansen, Suhrkamp, 142 Seiten

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erstellt am 02.3.2018

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll in seine Kolumne auf Faust Kultur.