Buchkritik

Kunststoff Realität

„Die zwölf Leben des Samuel Hawley“ – Die in Brooklyn lebende Autorin Hannah Tinti erzählt von einem guten Vater mit einer bösen Vergangenheit und von Louise. Jamal Tuschick hat den Roman gelesen.

„Narben sind die Medaillen des Lebens“, sagt Hemingway. Körperliche Verletzungen verbinden sich nicht selten mit guten und starken Erfahrungen. In archaischen Gesellschaften fand man keine Aufnahme unter Erwachsenen ohne Verletzungsschmerz. Initiationskulturen überleben im Sport. Deshalb gibt es immer noch Vorgesetzte, die im klärenden Gespräch fragen: Welchen Sport praktizieren Sie?

Die Frage zielt auf die Belastbarkeit des Kandidaten jenseits von Anpassung und sozialer Geschmeidigkeit. Wer so fragt, will wissen: Wie verhält sich einer, wenn es hart auf hart kommt. Vorbildlich erscheint in diesem Zusammenhang Herkules. Der Olympier musste zwölf Aufgaben meistern, angefangen bei der Tötung des nemeischen Löwe, dessen Fell Panzerqualitäten hatte. Herkules verstand es, das Tier an seinem Schwachpunkt zu überwinden. Stichwort Achillesferse. Bereits im Titel erklärt Hannah Tinti ihren Roman zur Chronik einer Initiation im antiken Maßstab. „Die zwölf Leben des Samuel Hawley“ müssen in Todesnähe gewonnen werden. Zentraler Schauplatz der Ereignisse ist das Fischernest Olympus (Olymp wie der griechische Gipfel) nahe Rockport und Boston im uralten Essex County von Massachusetts. Olympus gibt es nicht, wohl aber alle Hügel und Weiler in der Umgebung als Fiktionsversteifungen mit dem Kunststoff Realität.

Hawley fehlt ein Ohrlappen. Als junger Mann neigte er dazu, die Ansagen seiner inneren Stimme für Gerüchte zu halten, denen man nicht mehr Beachtung schenken muss, als dem Gerede von Betrunkenen. Tinti beschreibt die fatalen Folgen der Intuitionsverweigerungen. Mehr als einmal traf ihn eine Kugel, die eine Ahnung kommen sah.

Tinti erzählt mit bewährten Mitteln. Ihr Ton amalgamiert historische Schreibweisen von Herman Melville über Jack London und John Steinbeck bis Nelson Algren. In einer „Schienenstrang“ und „Hobo Szene“ (nach London und Steinbeck) reicht der Landstreicher Jove einem vom Sozialamt Verfolgten die Hand. Hawley erschließt sich den Westen auf den Schleichwegen der wirtschaftlichen Depression – mit ihren Überlandelegien in offenen Güterwaggons.

Als krimineller Laufbursche kriegt er es mit einem Wal zu tun. Melville lässt grüßen, zumal die südlich von Boston und so auch in Tintis Erzählkosmos gelegene Hafenstadt New Bedford in „Moby Dick“ eine Rolle spielt.

Als Hawleys Tochter Louise (kurz Loo) ins Spiel kommt, ist der Rumpf des fähigen Vaters und treu das Andenken an Louises Mutter Lily bewahrenden, von einer Vergangenheit als Spezialist für kriminelle Rückholaktionen heimgesuchten Witwers bereits mit zwölf Narben skarifiziert. Die Beweise einer unerschütterlichen Kampfbereitschaft geben dem Mann die richtige Aura. Andere Männer bewundern und fürchten Hawley. Die Frauen begehren ihn. Nur die Schwiegermutter will nichts von dem Asphaltcharismater wissen. Mabel entwickelt aber ein freundliches Verhältnis zu der Tochter ihrer nicht einfach nur bei einem Badeunfall in Wisconsin gestorbenen Tochter. Das Kind übernimmt in der Zuneigung olympische Aufgaben, von denen es gar nichts weiß. Eines Nachts überlässt Mabel der Enkelin ihren Pontiac Firebird – ein magischer Moment im Leben der Adoleszentin.

Louise überstrahlt Hawley. Die Geschichte beginnt an ihrem zwölften Geburtstag und bleibt immer viel mehr bei ihr als bei dem Mann mit den zwölf Narben. Für ihn hat Tinti nur Rückblenden übrig, die wie Folgen einer Schwarzen Serie über die Haupterzählachse flackern.

Hannah Tinti, Die zwölf Leben des Samuel Hawley, Roman, aus dem Amerikanischen von Verena Kilchling, Kein & Aber, 567 Seiten

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erstellt am 23.2.2018

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur.