„Così fan tutte“ gilt mittlerweile als Mozarts schönste und reichste Oper. Das Bühnengeschehen ist allerdings schematisch. Die Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker hat an der Pariser Oper den Sängern jeweils einen Tänzer zur Seite gestellt. Thomas Rothschild empfiehlt die DVD-Aufnahme der getanzten Inszenierung.

DVD

So tanzen alle

Wie kommt eigentlich ein Konsens bei der Beurteilung von Kunst zustande? Sehr oft nur durch Rosstäuscherei: Kritiker, die wenig wissen und noch weniger aus eigener Anschauung kennen und schon deshalb über keinerlei Maßstäbe verfügen, plappern nach, was irgendwelche tatsächlichen oder angemaßten Autoritäten verkündet haben.

Lange Zeit herrschte Einhelligkeit in der Überzeugung, dass „Così fan tutte“ nicht an die anderen Opern Mozarts heranreiche. Mittlerweile gilt dieses Werk von 1790, jedenfalls musikalisch, für viele als Mozarts schönste und reichste Oper. Der Konsens hat sich als kollektives Vorurteil entlarvt. Auch das Libretto wird heute gemeinhin mit mehr Verstand bewertet als früher.

Anne Teresa De Keersmaeker, Foto: Hugo Glendinning / Wikimedia Commons
Anne Teresa De Keersmaeker

Was sich freilich nicht leugnen lässt, ist dies: Das Bühnengeschehen ist, im Vergleich zu Mozarts anderen Opern, schematisch und wenig attraktiv. Das bedeutet eine Herausforderung für die Regisseure. In den vergangenen Jahren haben sie anregende, aber sehr unterschiedliche Lösungen gefunden. Mal neigen sie zu düsteren, mal zu eher komischen Deutungen. Michael Haneke hat „Così fan tutte“ in Madrid als psychologisches Drama inszeniert. Anne Teresa De Keersmaeker hat an der Pariser Oper den extrem entgegengesetzten Weg eingeschlagen. Sie entscheidet sich für radikale Künstlichkeit, indem sie den Sängerinnen und Sängern jeweils eine Tänzerin oder einen Tänzer zur Seite stellt.

Nun ist dieser Einfall nicht neu. Pina Bausch hat ihn schon 1974 in ihrer „Iphigenie auf Tauris“ realisiert, Joachim Schlömer fügt seinen Operninszenierungen Tänzer hinzu, und bei den englischen Semi-Operas gehört Tanz sowieso zum Genre – freilich eher als Einlage denn als durchgängige Zutat.

Farblich markierte Darsteller

Anne Teresa De Keersmaeker spielt verschiedene Möglichkeiten durch. Mal verdoppeln die Tänzerinnen und Tänzer die Gesten der Sängerinnen und Sänger, mal illustrieren sie deren innere Bewegung, mal verselbständigen sie sich und beziehen sich eher auf die Musik als auf die äußere Handlung. Nichts lenkt ab von den farblich markierten Darstellern, auch nicht die nüchterne Kulisse, die an eine gekalkte, seitlich von hängenden Plexiglasplatten begrenzte Fabrikhalle erinnert. Die Choreographin bevorzugt selbst in den schnellen Musikteilen langsame Bewegungen, oft auch aus dem Stand, die es den Tänzerinnen erlauben, hohe Absätze zu tragen. Sie gleiten und schweben durch den Raum, statt sich schlängelnd am Boden zu verrenken, wie sie das seit einiger Zeit bei nervtötend minderbeganten Choreographinnen zur Aufmöbelung des Sprechtheaters tun. Läufe und Sprünge werden sparsam eingesetzt. Dafür kommt der Handhaltung große Wichtigkeit zu, und die Sängerinnen und Sänger machen mit, als wären sie immer schon beim Ballett gewesen.

Despina ist die plebejische Realistin, die mit der halbherzigen Treue-Ideologie von Dorabella und Fiordiligi – „È mal che basta / Il far parlar di noi“ – aufräumt. Wenn sie sich zum Arzt verwandelt, indem sie sich die langen Haare als Bart unters Kinn bindet, setzt sich ihr tänzerisches Pendant eine Clownsnase auf: Die Verkleidungstücke, mit der die Männer die Frauen prüfen, ins Komische gewendet. Die Maskerade der Liebhaber überlässt De Keersmaeker übrigens, ebenso wie die Requisiten – den Mesmerschen Magneten, das Bildnis Ferrandos, den Ehevertrag – der Fantasie der Zuschauer. Und wenn die Kammerzofe einen Apfel anbeißt, erinnert sie an Eva, die hier nicht Adam, sondern ihre beiden Herrinnen verführt, sie ihrerseits zur Verstellung und zum unschuldigen Amüsement ermuntert. Spätestens wenn die beiden Damen ihr eigenes Todesurteil fordern, erweist sich die Untreue als die humanere Alternative. De Keersmaeker lässt denn auch alle nach dem vermeintlich glücklichen Ende fluchtartig auseinander laufen.

Bilder von bewegender Schönheit

Im Beiheft der DVD bemerkt Anne Teresa De Keersmaeker: „Einige Feministinnen verschmähen die Oper wegen ihres vermeintlichen Sexismus mit derselben Verbissenheit der Moralisten des 19. Jahrhunderts. Così fan tutte ist allerdings nicht misogyn, ganz im Gegenteil: Die beiden Interpretationen, Misogynie und die überschüssige Frivolität, zeugen meiner Ansicht nach von einer oberflächlichen Betrachtung, vor allem von einem oberflächlichen Hören.“ Wie genau Anne Teresa De Keersmaeker zu hören vermag, hat sie mit ihrer Tanztruppe Rosas unzählige Male bewiesen. Dass dabei Bilder von zum Heulen bewegender Schönheit entstehen, belegt die Qualität, die Kunst von der Wissenschaft unterscheidet: In ihr bilden Erkenntnis und Ästhetik eine Einheit.

Der Tanz, die eigentliche Domäne Anne Teresa De Keersmaekers, reüssiert in dieser Operninszenierung nicht auf Kosten der Musik. Das junge Ensemble singt unter der Leitung von Philippe Jordan mit solcher Innigkeit, zugleich aber scheinbar, auch in den Großaufnahmen der Kamera, ohne Anstrengung, dass man nichts vermisst. Das Geheimnis Mozarts – die Hervorrufung tiefer Empfindungen bei völliger Absenz jenes Pathos, das die Oper im 19. Jahrhundert prägte – ist bei diesen Interpreten gut aufgehoben. Wer derlei verschmäht, muss in der Tat verbissen sein. Dabei setzt Jordan eigenwillige Akzente. Im Duett „Il core vi dono“ von Guglielmo und Dorabella dehnt er die Pausen, nicht nur an den Stellen, an denen Mozart sie mit einer Fermate versieht, auf ungewohnte Weise aus, so dass die Musik das Unbehagen unterstreicht, das die beiden bei dem Vorgang empfinden. Die Wahrheit liegt in der Musik, nicht bei den verbissenen Ideologen.

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erstellt am 23.2.2018

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