Nicht immer entspricht der Inhalt den Versprechungen auf der Verpackung. Und wenn es sich um CDs handelt, ist eine Überprüfung an Ort und Stelle meist nicht möglich. Aber mit schrumpfenden Preisen wächst die Versuchung. Hans-Klaus Jungheinrich ist ihr erlegen, und er hat mit Tippetts „Midsummer Marriage“, Dukas‘ „Ariane“ und Elisabeth Schwarzkopf Überraschungen erlebt.

Preisreduzierte CDs

Vom Wühltisch

Ohne mit der Wimper zu zucken, verlangen sie an den Foyerbars mancher deutscher Theater jetzt schon drei Euro für eine Tasse Kaffee. Dass die nur halb voll (also halb leer) ist, quittiert man noch dankbar, weil man sie selbst zum nächsten Wackeltisch tragen oder an irgend einem Hocker auf den Knien balancieren muss. In solchem Ambiente gilt: Wer die teuren Konzert- oder Opernkarten bezahlen kann, soll an dieser Stätte auch sonst noch blechen. Wenn es hier also auch Verkaufsstände mit CDs gibt, mache ich um sie einen respektvollen Bogen, weil ich hinter diesem cordon sanitaire erfahrungsgemäß einen notorischen Hochpreissektor wittere. In einigen großen ausländischen Operntempeln gibt es immerhin reichlich bestückte Shops, in denen man, wenn auch teuer, immer etwas von jenen Rara und Rarissima findet, denen man schon dreißig Jahre erfolglos nachjagte. Etwas ganz anderes erlebte ich kürzlich in der Deutschen Oper Berlin. Mir fiel schon auf, dass der hiesige Bücher- und CD-Tisch in den Pausen eine größere Menge des flanierenden Publikums angezogen hatte, was mir ungewöhnlich schien. Also trat auch ich neugierig heran und wurde sofort frappiert von einer Fülle lockender, ja märchenhaft billiger Angebote. Hier gab sich ein geschickter Discountpfadfinder anscheinend mit winzigen Provisionen zufrieden, und entsprechend lebhaft waren die Verkäufe. Sofort sah auch ich Reizvolles – zwei Gesamtaufnahmen der seltenen Opern „The Midsummer Marriage“ (Michael Tippett) und „Ariane et Barbe-Bleue“ (Paul Dukas) für je 9 Euro. Da konnte man ohne Zögern zugreifen. Daneben prangte schwergewichtig ein dickes Paket mit dem Konterfei der Sängerin Elisabeth Schwarzkopf. Situationsbedingt leicht flippig, las ich auf dem Preisschild etwas von 519 Euro. Nun ja, für 31 CDs ist das weder billig noch wirklich zu teuer, dachte ich, war aber keineswegs gewillt, eine derartige Investition zu tätigen. Ich sah aber noch einmal genauer hin und konnte nun die richtige Preissumme erkennen: 51,90 Euro. Unglaublich! Die ganze Schwarzkopf für das Entgelt eines etwas splendideren Herrenhaarschnitts! Da trägt man denn auch gerne für den Rest der Vorstellung noch einen Backstein mit sich herum.

Elisabeth Schwarzkopf, Foto: Max Albert Wyss / Stiftung Fotodokumentation Kanton Luzern / Wikimedia Commons
Elisabeth Schwarzkopf, Foto: Max Albert Wyss

Aristokratische Aura

Für mich ist Elisabeth Schwarzkopf neben Maria Callas das größte und beglückendste Gesangsphänomen der neueren Musikgeschichte. Und damit, seien wir ehrlich, das größte überhaupt, denn zwischen den erhaltenen Tonaufzeichnungen eines Caruso und seiner Legende gibt es einen riesigen Abstand. Die Callas und öfter noch die Schwarzkopf habe ich aber auch „live“ gehört. Was ihrer beider Repertoire betrifft, so ist mir das der Schwarzkopf näher und lieber: kein italienischer Belcanto zwischen Rossini und dem Verismo, sondern Klavierlieder von Schubert bis Wolf und die großen Opernpartien von Mozart und Strauss. Die Stimme hat wenig von jener unverwechselbar stählern-kernigen, dunkel grundierten Konsistenz des Callasorgans, sondern Leichtigkeit und lyrischen Schmelz, dabei ist sie biegsam, wandlungs- und facettenreich. Man glaubt, die Schwarzkopf zu kennen, wenn man sich etwa die beiden unendlich innig und mit vollendeter Feinabtönung gesungenen Gräfinnenarien aus dem „Figaro“ vergegenwärtigt. Oder die hochkultivierte Abschiedsnostalgie aus der letzten Gräfin-Szene in Strauss‘ „Capriccio“. Zu den Gräfinnen gehört natürlich die Marschallin aus dem „Rosenkavalier“, deren damenhafte Ergebung angesichts der ersten Anzeichen vergehender Zeit niemand sonst so sanft-betörend und ahnungsvoll zu beschwören vermochte. Immer hatte Elisabeth Schwarzkopf ja diese damenhafte, eventuell mondäne, gleichsam aristokratische Aura. Fast überraschend aber, dass sie auch Dramatisches, ja Hochdramatisches zu bieten vermochte. Das lässt sich am besten verifizieren an einer Oper, die sonst vielleicht nicht besonders hörenswert ist: William Waltons „Troilus and Cressida“. Eine der 31 CDs der Kassette ist größeren Fragmenten dieser neuromantisch-gefühlvollen „Literaturoper“ gewidmet, und Elisabeth Schwarzkopfs Anteil daran ist beeindruckend.

Die Callas war in ihren musikalischen Vorstellungen eine ausgereifte, souveräne, ja solipsistische Persönlichkeit, die sich nicht so leicht „korrepetieren“ ließ (das auch der Grund für die prompte Entzweiung mit Karajan, der gerne die Pferdchen nach seiner Peitsche zum Tanzen brachte). Die Schwarzkopf dagegen stand im Ruf, so etwas wie ein Medium des ingeniösen, höchst kreativen Londoner Musikproduzenten Walter Legge gewesen zu sein. Soviel ist richtig, dass sie von Legge auch hinsichtlich ihrer Rollen und Auftritte beraten, motiviert und inspiriert wurde – er hielt sie auch zu vorsichtiger Erweiterung ihres Repertoires an, was sie zum Beispiel zur anrührenden Interpretin englischer Volkslieder machte. Den größten Teil der 31 CDs (Aufnahmen aus den Jahren 1952-1974) füllen aber deutsche Klavierlieder. Insbesondere zu der sprachpointierten Kunst von Hugo Wolf hatte Elisabeth Schwarzkopf eine enge Beziehung. Wolf war ja, anders als Schubert, nicht in erster Linie Melodiker; er entwickelte die Spannungskurven immer aus dem Duktus der Poesie heraus und akzentuierte sie mit fein dosierten harmonischen Fügungen. Solchen Detailfinessen und subtilen Nuancierungen nachzugehen war Schwarzkopfs Stärke. Im Liedgesang (mit dem bevorzugten Klavierpartner Gerald Moore) agierte sie überdies mit akribischer Genauigkeit und ohne die heute etwas altmodisch wirkenden Portamento-Schleifer, die sie sich in der Oper (und legitimerweise in einigen dokumentierten Operettenausschnitten) gönnte. Man wird mit diesem sängerischen Lebenswerk so schnell nicht fertig werden und dank mehr als 30 Stunden Musik immer wieder neue Entdeckungen machen.

Aus der Konservendose

Obwohl die Schwarzkopf-Kassette auch Monoaufnahmen enthält, braucht man kaum unter akustischen Defiziten leiden. Das ist ganz anders bei den beiden Opern-Gesamtaufnahmen, die sich mit 9 Euro denn doch nicht als die ganz idealen Schnäppchenoffenbarungen zeigen. „Midsummer Marriage“ (Gala GL 100.524) erklingt in einer Covent-Garden-Interpretation mit dem Dirigenten John Pritchard und der damals jungen australischen Koloratursopranistin Joan Sutherland (sie kreierte zusammen mit ihrem Mann, dem Dirigenten Richard Bonynge, anschließend viele Massenet-Rollen), die hier weniger durch Stimmakrobatik als mit einem taufrischen, schwebenden Timbre begeistern kann. Soweit man als Hörer davon abstrahiert, dass Orchester, Chor und Vokalensembles dieses farbenreichen Werkes wie aus der Konservendose oder einem geschlossenen Nebenraum des Opernhauses zu kommen scheinen. Nun ja, denkt man resigniert, was ist aus dem Produktionsjahr 1955 auch Besseres zu erwarten?

Aber bei einer angeblich von 1968 (also mitten aus der Stereo-Ära) stammenden Einspielung ist es nicht anders. Keine Spur von High Fidelity, und die geradezu ins Mikroskopische ausdifferenzierte hochimpressionistische Klangpalette in Paul Dukas‘ Maeterlinck-Oper „Ariane et Barbe-Bleue“ (Gala GL 100.721) wird aufs Dürftigste reduziert und ertönt wie uraltes Dampfradio. Zudem gibt es einige Indizien, dass es sich bei dieser Edition um einen halben oder ganzen Fake handelt. An der Information „Made in Portugal“ stimmt zunächst nichts misstrauisch. Doch die beteiligten Chor- und Orchesterkollektive( sie liefern, abgesehen vom beschnittenen 3. Orchestervorspiel, solide Arbeit ab) bleiben verdächtig anonym! Den Namen des Dirigenten Tony Aubin habe ich noch nie gehört. Der Versuch, die Sängernamen im Personenregister von Jürgen Kestings Kompendium „Die großen Sänger“ erwähnt zu finden, endete in jedem Fall negativ. Alles getürkt und das Ganze eine frei flottierende Raubkopie? Wer will, kann sich an zwei „Bonustracks“ mit der hochberühmten und hier ohne weiteres identifizierbaren Suzanne Danco (Chabrier, Ravel) festhalten. Wer aber die wunderbare, hellere und hymnischere, ja dithyrambisch aufschäumende Schwesteroper zu „Pelléas et Mélisande“ richtig genießen will, der ist für ein paar Euro mehr besser bedient mit dem Sängerpaar Katherine Ciesinski und Gabriel Bacquier (dieser Blaubart hat allerdings nur ein paar Takte im ersten Akt zu singen) aus dem Jahre 1983.

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erstellt am 22.2.2018

Michael Tippett
The Midsummer Marriage
2 CDs
Gala GL 100.524

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Paul Dukas
Ariane et Barbe-Bleue
2 CDs
Gala GL 100.721

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Elisabeth Schwarzkopf
The Complete Recitals 1952-1974
31 CDs
Warner Brothers

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