Elly Ney (1882-1968) galt als eine der bedeutendsten Beethoven-Pianistinnen, sie war aber auch eine glühende Verehrerin Adolf Hitlers. In einem Dokumentarfilm geht Axel Fuhrmann der Dialektik von außergewöhnlichem Klavierspiel und NS-Gefolgschaft nach. Thomas Rothschild stellt die durch zwei CDs ergänzte DVD-Box vor.

Die Pianistin Elly Ney

Klavierspiel und Gefolgschaft

Es scheint ein natürliches Bedürfnis zu geben, Künstler, deren Talent man bewundert, lieben zu wollen – nicht nur als Künstler, sondern auch als Menschen. Aber Talent und Charakter stimmen nicht notwendig überein. Wolf Biermanns Überzeugung, dass die Musen keinen küssen, der sich mit Bonzen und Spitzeln einlässt, entspricht eher einem Wunschdenken als der Erfahrung. Auch unter den Nationalsozialisten gab es begabte Künstler, und die Musen bestraften sie nicht unbedingt für ihre politische Dummheit oder ihren Opportunismus.

Der bekannteste Fall ist Gustaf Gründgens – wohl nicht zuletzt wegen Klaus Manns Schlüsselroman „Mephisto“. Während man aber bei Schauspielern und Regisseuren wie bei Schriftstellern noch belegen kann, dass und wo sich in ihrer Kunst die Gesinnung offenbart, ist das bei Musikern sehr viel schwerer. Ihrer „Sprache“ mangelt es an semantischer Eindeutigkeit. Es bedarf schon einiger argumentativer Verrenkungen, um einer Komposition oder gar der Interpretation einer älteren Komposition Kriegshetze, Nationalismus oder Antisemitismus nachzuweisen.

Eine glühende Verehrerin Hitlers

Elly Ney galt und gilt, fast fünfzig Jahre nach ihrem Tod, immer noch als eine der bedeutendsten Beethoven-Pianistinnen. Sie war aber auch eine glühende Verehrerin Adolf Hitlers, schon ehe er an die Macht kam und über das Ende des Zweiten Weltkriegs hinaus. In einem etwas biederen Dokumentarfilm geht Axel Fuhrmann der Dialektik von außergewöhnlichem Klavierspiel und nationalsozialistischer Gefolgschaft nach: mit Interviews, Archivmaterial, nachgespielten Szenen im Stil eines Dokudramas und sehr viel Kommentar aus dem Off. Ansatzweise wird auch der Versuch unternommen, die Interpretation einer Beethoven-Phrase ideologisch zu deuten, aber so recht kann das nicht überzeugen. Im Übrigen mag man sich fragen, ob die Möglichkeiten des Mediums ausgeschöpft sind, wenn man die Interpretationen von Ney und anderen Pianisten nachspielen lässt, wo Originalaufnahmen vorhanden sind. So anständig die moralisierende Haltung des Films ist, so eindrucksvoll er die widersprüchliche Rezeption der „Gottbegnadeten“ nach 1945 bewusst macht – eine genauere Analyse von Elly Neys spezifischer Beethoven-Auffassung über die Tempi und den Anschlag hinaus, wie sie Joachim Kaiser hätte liefern können, wäre hilfreich. Kaiser hat 2014, als der Film gedreht wurde, noch gelebt.

Mehrfach werden in Fuhrmanns Film, unter Hinzuziehung des Gutachtens einer Schriftpsychologin, die ausgeprägten „männlichen Züge“ Elly Neys betont. Wenn damit ihre Begeisterung für Hitler erklärt werden soll, widerspricht das jeglichen statistischen Tatsachen. Und dass Frauen zu Elly Neys Zeiten, wie schon zuvor, unter Konzertmusikern unterrepräsentiert waren, verdankt sich patriarchalischen Vorurteilen, nicht den Hormonen. Das beweisen solche heute angesehenen Pianistinnen wie Clara Haskil, Martha Argerich, Hélène Grimaud, Elisabeth Leonskaja, Mitsuko Uchida, Katia und Marielle Lebèque oder die im Film erwähnte Annie Fischer.

Sie fühlte sich als Opfer

Die DVD, die auch eine Filmaufzeichnung von Elly Ney mit Beethovens Sonate Nr. 12 As-Dur op. 26 enthält, wird ergänzt durch ein aufwendig gestaltetes dreisprachiges Begleitbuch und eine CD, auf der Elly Ney zusammen mit Wilhelm Stross, Heinz Endres, Ingo Sinnhoffer und dem Cellisten Ludwig Hoelscher, dessen Sohn in Fuhrmanns Film als Gesprächspartner auftritt, zwei Klavierquartette und ein Klaviertrio von Mozart spielt, und eine weitere CD mit im Auto aufgenommenen Gesprächen zwischen Elly Ney und ihrem Chauffeur Frithjof von Bodungen, der ebenfalls im Film auftritt. Diese Gespräche hat Axel Fuhrmann zusammen mit Zitaten aus Briefen, Reden und Veröffentlichungen Elly Neys, Erinnerungen des deutlich jüngeren Chauffeurs und Musikzuspielungen zu einem Rundfunkfeature montiert.

Die Künstlerin spricht vorwiegend über Musik, aber kurz auch über Politik. Wie so viele ihrer Generation fühlt sie sich als Opfer – sowohl im Dritten Reich, weil ihr öffentlich bekundeter „unerschütterlicher Glauben“ an den Führer nicht so schnell belohnt wurde wie der einiger eifersüchtig registrierter Kolleginnen und Kollegen, wie auch nach 1945, weil sie ein vorübergehendes Auftrittsverbot hinnehmen musste, ehe sich der Bundespräsident Theodor Heuss für sie einsetzte und sie schließlich, geehrt von Würdenträgern der Bundesrepublik Deutschland, in Tutzing am Starnberger See begraben wurde. Vierzig Jahre später ließ der parteilose Bürgermeister von Tutzing das Porträt der Pianistin aus dem Sitzungssaal des Rathauses entfernen. Der Chauffeur blickt milde auf den Führer-Flirt seiner geliebten Miss Daisy. Ihr ging es ja immer nur um Beethoven, der nach ihrem Willen den Kampfgeist der deutschen Soldaten stärken sollte. Was hat das mit Hitler zu tun?

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erstellt am 19.2.2018

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