Im Jahr 2017 feierte das Deutsche Ledermuseum in Offenbach sein hundertjähriges Bestehen. Zwei Sonderausstellungen boten einen Vorgeschmack auf die zukünftige Ausrichtung des Museums. Eugen El hat mit Direktorin Inez Florschütz über ihre Pläne, sensible Sammlungsobjekte und das Leben in der Rhein-Main-Region gesprochen.

Gespräch mit Inez Florschütz

»Ich erlebe immer wieder Überraschungen«

Eugen El: Liebe Inez Florschütz, im vergangenen Jahr feierten Sie den 100. Geburtstag des Deutschen Ledermuseums (DLM) mit zwei gänzlich neu konzipierten Sonderausstellungen. Womit möchten Sie potentielle Museumsbesucher nach dem großen Jubiläum nach Offenbach locken?

Inez Florschütz: Für 2018 sind wir in den Vorbereitungen von Ausstellungen und einem umfangreichen Vermittlungsprogramm. Unter anderem werden wir uns weiterhin dem Inhalt des Museums entsprechend mit dem Thema Leder beschäftigen. Nach der Ausstellung „Linking Leather – Die Vielfalt des Leders“, die 2017 einen Einstieg in die vielfältige Welt des Leders präsentierte, führen wir das Thema mit dem Aufbau eines multimedialen Projektraums fort. Mithilfe von verschiedenen Medien und inhaltlichen Schwerpunkten zeigen wir die Wandelbarkeit von Leder und nehmen auch Ersatzmaterialien kritisch unter die Lupe. Ausgewählte Exponate aus der umfangreichen Sammlung des Museums werden direkt mit dem Material aus welchem sie bestehen, kombiniert. Dadurch haben die Besucherinnen und Besucher die Möglichkeit, gängige Lederarten wie Rind- und Ziegenleder, aber auch Krokodil-, Straußen- und Rochenhaut haptisch zu erfahren.

Das Deutsche Ledermuseum besteht aus drei Sammlungen: Angewandte Kunst, Ethnologie und Deutsches Schuhmuseum. In der Ausstellung „Leder. Welt. Geschichte.“ kombinieren Sie Objekte quer durch Sammlungsbereiche, Epochen und Länder. Nach welchen Kriterien haben Sie die Exponate ausgewählt und zusammengestellt?

Die Auswahl erfolgte im Hinblick auf die historische und künstlerische Bedeutung, aber auch unter dem Gesichtspunkt mit den Objekten Geschichten aus verschiedenen Zeiten und Ländern zu erzählen. Die Ausstellung setzt auf spannende Dialoge und Querverweise, indem sie Objektpaare oder Gruppen bildet und will damit auf Verbindendes wie Widersprüchliches aufmerksam machen. So trifft der erste Ankauf des Museumsgründers Hugo Eberhardt im Jahre 1912, eine Tiroler Truhe aus dem 16. Jahrhundert, auf die letzte Erwerbung im August 2017 kurz vor Eröffnung der Ausstellung, ein Rupfenspielzeug mit Lederbesatz von 1970 aus der ehemaligen DDR. Das älteste Exponat der Sammlung, ein ägyptisches Rohhautgefäß 4000 Jahre v.Chr., wird in Dialog mit einem der jüngsten, einem edlen, mit Rind- und Lammleder überzogenen Kopfhörer, gesetzt.

Erster Ankauf von Hugo Eberhardt (1912), eine Tiroler Truhe aus dem 16. Jh. und Neuerwerbung (2017), ein Spielzeug mit Lederbesatz von 1970, ehem. DDR, Foto: DLM / C. Perl-Appl

Was unternehmen Sie, um die Provenienz der in der NS-Zeit erworbenen Sammlungsobjekte und die Rolle des Museums im Nationalsozialismus zu klären?
 
Wir haben bereits Provenienzforschung an unserem Haus betrieben und die scheinbar belasteten Objekte, circa 50 Exponate, in die Lost Art-Datenbank des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste gestellt.
Im Katalog „Leder. Welt. Geschichte.“ gibt es einen umfangreichen Beitrag mit dem Titel „Sammelleidenschaft ohne Augenmaß – Hugo Eberhardt und das Deutsche Ledermuseum im Nationalsozialismus“ von dem Historiker Andreas Hansert, der ein ausgewiesener Kenner der NS-Geschichte ist und der in seinem Aufsatz die Rolle des Museumsgründers kritisch beleuchtet.

Sie haben einige „sensible Objekte“, wie zum Beispiel die sogenannten „Schrumpfköpfe“ aus der Amazonasregion, aus der Sammlungspräsentation entfernt. Als Grund nennen Sie unter anderem ethische Bedenken. Was sagt dieser Schritt über Ihr Verständnis eines ethnologischen Museums im 21. Jahrhundert aus?
 
Die meisten Museen nehmen schon seit einiger Zeit aus ethischen Gründen Abstand von einer Präsentation von Tsantsas, umgangssprachlich auch „Schrumpfköpfe“ genannt. Heikle Erwerbshintergründe veranlassen zu einem kritischen Hinterfragen der Provenienz dieser Sammlungsstücke. Auch im DLM wurden sie aus der Dauerausstellung herausgenommen, da eine Reduzierung der Amazonasvölker auf einen kulturellen Teilaspekt vermieden werden soll. Um aber unseren kritischen Umgang mit der Erwerbsgeschichte von ethnographischen Exponaten zu thematisieren und aufzuzeigen, dass uns dieses Thema ein Anliegen ist, präsentieren wir in der Jubiläumsausstellung „Leder. Welt. Geschichte.“ die Originalvitrine, in der einst die Tsantsas ausgestellt waren, leer mit einem erläuternden Text.

Die Ausstellung „Leder. Welt. Geschichte.“ bespielt zwei große Museumsräume, während sich andere Säle in einem in die Jahre gekommenen Zustand präsentieren. Liegt die Zukunft des Ledermuseums in thematischen Wechselausstellungen oder erarbeiten Sie eine dauerhafte Sammlungspräsentation, die das gesamte Gebäude umfassen wird?
 
Da die Dauerausstellung des DLM in großen Bereichen in die Jahre gekommen ist – sie stammt aus den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts –, arbeiten wir hinter den Kulissen an einer dringend erforderlichen Neukonzeption. Im Museumswesen weiß man mittlerweile, dass Dauerausstellungen immer nur eine gewisse Zeitlang Besucherinnen und Besucher ins Haus locken. Aus diesem Grund sieht eine Neukonzeption des DLM eine verkleinerte Dauerausstellungsfläche, vergrößerte Wechselausstellungsflächen und ein Schaudepot vor. Für die Dauerausstellung bieten sich aufgrund des Gründungsanlasses und des Sammlungsinhalts des DLM zwei Schwerpunkte an. Es ist geplant, das Material Leder auf unterschiedliche Weise darzustellen und erfahrbar zu machen sowie die Geschichte der Lederstadt Offenbach am Main mit Objekten aus unserer Sammlung zu thematisieren.
Mit Wechselausstellungen zu übergeordneten Themen wollen wir die umfangreichen Bestände des DLM fortwährend in spannenden Kontexten zeigen und zur Diskussion stellen. So kann die Sammlung unter verschiedensten Aspekten den Besucherinnen und Besuchern immer wieder zugänglich gemacht werden und zu faszinierenden Entdeckungen anregen. Aber leider ist das ist im Moment noch Zukunftsmusik.

In der Ausstellung „Leder. Welt. Geschichte.“ zu sehen: Samurai-Rüstung, Japan, o.J., Foto: DLM / C. Perl-Appl

Wie genau konnten Sie die über 30.000 Objekte umfassende Museumssammlung seit Ihrem Amtsantritt im November 2014 kennenlernen? Sind Sie auf Überraschendes, Unerwartetes oder Skurriles gestoßen?

Seit ich im November 2014 ans Haus gekommen bin, versuche ich regelmäßig in die Depots zu gehen und die umfangreiche Sammlung kennenzulernen. Aber wie Sie sich denken können, ist mir das bei dieser großen Anzahl von Objekten bis jetzt nur ansatzweise geglückt.
Aber Überraschungen erlebe ich zu meiner Freude immer wieder. Eine der größten in wahrsten Sinne des Wortes war wohl bis jetzt der über vier Meter lange Alligator, der auf einem der Dachböden lag und nun seit einiger Zeit in der großen Vitrine in Bereich der Cafeteria wieder ausgestellt wird.

Jede Museumssammlung lebt von ihrer beständigen Erweiterung. Wie strategisch gehen Sie Neuerwerbungen an – und wie finanzieren Sie diese?

Wir schauen üblicherweise in die Auktionskataloge, verfolgen über Fachzeitschriften und Internet, was es Neues gibt. Und wenn wir ein ganz bestimmtes Stück für unsere vielseitige Sammlung erwerben wollen, versuchen wir dies über den Förderkreis oder Sponsoren. Über einen eigenen Ankaufetat verfügen wir nicht. Für die Jubiläumsausstellung „Leder. Welt. Geschichte.“ haben wir einige Objekte noch ganz bewusst angekauft. Dabei hat uns der Rotary Club Offenbach unterstützt.

Offenbach boomt derzeit, immer mehr Menschen ziehen aus Frankfurt in die ehemals verrufene östliche Nachbarstadt. Sehen Sie darin ein Potential – wie könnte das Ledermuseum von dieser Entwicklung profitieren?

Ja, ein großes Potential! Ich hoffe, dass dies ein Publikum ist, dass wir für Kultur begeistern können und das Museen besucht. In Führungen erlebe ich es immer mal wieder, dass Besucherinnen und Besucher mir erzählen, dass sie erst vor kurzem nach Offenbach gezogen sind und nun neugierig waren, was das Ledermuseum zu bieten hat.

Sie leiten das Deutsche Ledermuseum seit mehr als drei Jahren. Vorher haben Sie in Nürnberg und München gearbeitet. Was haben Sie an Offenbach und der Rhein-Main-Region zu schätzen gelernt? Gibt es etwas, woran Sie sich noch immer nicht gewöhnen konnten?

Angenehmen ist, dass in der Rhein-Main-Region die Städte sehr nah beieinander liegen und man so eine große Bandbreite an kulturellen Ereignissen wahrnehmen kann.
Ja, da gibt es etwas, an was ich mich wohl nie so ganz gewöhnen werde: der Fluglärm!

Das Gespräch führte Eugen El

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erstellt am 19.2.2018

Inez Florschütz, Foto: DLM / Jessica Schäfer
Inez Florschütz, Foto: DLM / Jessica Schäfer
Ausstellung in Offenbach

Leder.Welt.Geschichte.

100 Jahre Deutsches Ledermuseum

Verlängert bis Ende 2018

Weitere Informationen

Ausstellungskatalog

100 Jahre Deutsches Ledermuseum
Inez Florschütz (Hg.)
Texte von Vanessa Didion, Inez Florschütz, Andreas Hansert, Maria Anna Tappeiner
Softcover, 276 Seiten
ISBN 978-3-7356-0391-3
Kerber Verlag, Bielefeld 2017

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