Sahra Wagenknecht, 1969 in Jena geborene Politikerin der Partei „Die Linke“, gibt in einem Interviewband Auskunft über ihre intellektuelle Herkunft. Im Mittelpunkt steht der Einfluss der Literatur auf ihre politische Wahrnehmung. Das Buch liest sich wie ein Bildungsroman, findet Dominik Irtenkauf.

Buchkritik

Literatur und Politik

Eine streitbare Politikerin ist Sahra Wagenknecht, die sich in der gegenwärtigen Politszene medial an vielen Fronten aufstellt, für ihre Partei Die Linke ein charismatisches Aushängeschild ist, dadurch viel Meinung auf sich fokussiert. Der Chefredakteur des Online-Journals Telepolis, Florian Rötzer, hat sie zu verschiedenen Themen interviewt. Frau Wagenknecht zeigt sich gesprächig. Manche Fragen sind kritischer als andere. Es zeichnet sich sowohl eine Art Autobiographie im Interviewstil wie auch eine kritische Verortung der eigenen Politik ab.

Die Berufspolitikerin räumt ein, dass sie kaum noch zur eigenen Textarbeit kommt und dass in Talkshows kaum Gelegenheit für qualifizierte Beiträge bleibt.

Die Frage ist, wie stark Literatur die politische Wahrnehmung von Wagenknecht geprägt hat und noch prägt. Ihre Einflüsse sind u.a. Johann Wolfgang von Goethe, über den sie sich auch mit einer weiteren wichtigen literarischen und vor allem auch philosophischen Koryphäe ausgetauscht hat: Peter Hacks. Der Kontakt zu Hacks führte zu einer intensiven Lektüre philosophischer Werke, zum Beispiel von Hegel. Wagenknecht gab Nachhilfe von zu Hause aus. Da sie „kein ordentliches Arbeitsverhältnis hatte“ (S. 65), waren ihre politischen Möglichkeiten in den letzten Jahren der DDR beschränkt. Diese Zeit nutzte sie für Philosophielektüre und trat kurz vor Ende der DDR in die SED ein. Karriere wollte sie keine in der Partei anstreben. „Es war mehr das Gefühl, dass alles zerfällt und sich Veränderungen anbahnen, die alle Träume von einem reformierten Sozialismus für die nächsten Jahrhunderte erledigen könnten. Da habe ich mir gesagt: ‚Jetzt darfst du nicht einfach nur zu Hause sitzen und Bücher lesen, jetzt musst du versuchen, etwas mitzugestalten oder zumindest Gesicht zeigen.’“ (ebd.)

Literarische Lektüre befeuert die politische Arbeit. Dass jedoch Fiktion letztlich freier agiert als ein politisches Programm, setzt ein falsches Verständnis von Realismus voraus. Literatur, die soziale Missstände schildert, kann sich politischen Diskursen anschließen. Letztlich hängt es vom Leser ab, tätig zu werden und sich politisch zu betätigen. Wagenknecht bezieht sich auf dieses Thema, indem sie unterstreicht, die Bildung beginne in den Schulen. Die Konsequenzen, die sich aus einer Beschäftigung mit Literatur ergeben, muss hingegen jeder Mensch selbst übernehmen, könnte man ihren Gedankengang verlängern.

»Der Faust ist ein hochpolitisches Werk«

Einen besonderen Bezug entwickelt sie zu Goethes Faust:
„[…] Faust war der Auslöser, erst danach habe ich ernsthaft angefangen, über gesellschaftliche Fragen nachzudenken. Warum sind die Verhältnisse so, wie sie sind? Warum haben sich die Menschen bestimmte Institutionen gegeben, die eigentlich für viele eher nachteilig sind? Die von nicht wenigen auch gar nicht gewollt werden? Was kann man ändern und wie kann man es ändern? Das war für mich der Zugang auch zum politischen Denken. Der Faust ist ja ein hochpolitisches Werk.“ (S. 33-34)

Sie führt das Dilemma zwischen Mephisto und Faust an. Die Ausgangsposition des Fausts, über Bücher zu hocken und entscheiden zu müssen, welche der darin enthaltenen Lehren und Ideen noch Leben besitzen, für die Zukunft anwendbar sein könnten – Wagenknecht fühlt sich dieser Szene intellektuell nahe.

Wagenknecht bezieht sich auf Literatur nicht allein thematisch, sondern greift rhetorisch ebenso darauf zurück. Ihre Reden sind von einem gewissen Bildreichtum gekennzeichnet.
„Stellen Sie sich vor, Sie hatten einen Onkel, der ein ziemlich schwieriger und schwer erträglicher Mensch war. Dennoch haben Sie auf Familiengeburtstagen immer wieder erlebt, dass sämtliche Verwandten diesem Onkel mit schmeichelnder Unterwürfigkeit begegneten, vielleicht weil er ein reicher Mann war und ab und an einen ausgab. Dann stirbt dieser Onkel. Und auf dem nächsten Familiengeburtstag ziehen alle die, die ihm vorher in den Allerwertesten gekrochen waren, aufs Bösartigste über ihn her: Was er doch für ein schlimmer, arroganter, böser Mensch gewesen sei, mit dem man es wirklich gar nicht aushalten konnte. Und angewidert von diesem charakterlosen Verhalten fangen Sie plötzlich an, den toten Onkel zu verteidigen, ja in höchsten Tönen zu loben, was Ihnen zu dessen Lebzeiten nie in den Sinn gekommen wäre. So fühlte ich mich damals. Ich habe aus Wut und Trotz, um mich von den Karrieristen abzugrenzen, nicht nur das DDR-System, sondern sogar die Mauer verteidigt.“ (S. 71-72)

Bei dem Onkel handelt es sich um den Staatssozialismus der DDR. Wagenknecht kritisiert in der Parabel den Pragmatismus nach der Wende – das niedergegangene System zu verfluchen, wohingegen man es während seiner Existenz lobte. Zudem sie zum ersten Mal bemerkte, dass im Westen meist der Begriff Kommunismus mit dem Staatssozialismus der DDR in Verbindung gebracht wurde. Wagenknecht hatte eine andere Vorstellung davon. Kommunismus denkt sie von Marx her: eine utopische Gesellschaft, in der kein Geld mehr notwendig ist und die Menschen ihre Güter teilen.

Im vorliegenden Buch geht Sahra Wagenknecht ausführlich auf ihre intellektuelle Herkunft ein. An gewissen Stellen liest sich das Interview mit Rötzer wie ein Bildungsroman en miniature.

»Würde nicht nur auf dem Papier«

Die literarischen Einflüsse werden angeschnitten, könnten aber sicher in einem gesonderten Buch noch weiter ausgeführt werden. Für Frau Wagenknecht ist ihre Lektüre prägend für den politischen Einsatz:
„Das politische Engagement war eine Konsequenz meines Weltbildes, das ich mir durch meine Lektüre von Philosophie und Literatur angeeignet hatte. Ich bin davon überzeugt, dass die Menschen eine bessere und gerechtere Gesellschaft verdienen, als sie sie heute haben, dass sie verdienen, in Verhältnissen zu leben, die ihre Würde nicht nur auf dem Papier, in schönen Verfassungen wahren, sondern in der Realität.“ (S. 62)

Die Beschäftigung mit Literatur bilde und erhöhe somit die Chancen, eine bessere berufliche Zukunft einzuschlagen. Sie übe den Lesenden zudem in eine offene Welthaltung ein, die auch fremde Meinungen akzeptiere. Garantiert sei solch eine Offenheit durch das Lesen natürlich nicht. Zumal Lesen Zeit in Anspruch nehme und daher meist nur mit entsprechendem Zeitfenster möglich sei. Dieses wiederum sei von der privatökonomischen Situation abhängig. Wagenknecht verfolgt eine Politik des sozialen Ausgleichs und Literatur vermittelt ihrer Meinung nach Werte.

„Wenn die Fähigkeit, sich in korrektem Deutsch auszudrücken, zum Herrschaftswissen wird, also ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung das nicht mehr beherrscht, dann kann von Chancengleichheit, Perspektiven und Aufstiegsmöglichkeiten keine Rede sein. Die Grundfertigkeiten sind daher zunächst mal das Wichtigste. Sind sie nicht vorhanden, braucht man den Schülern mit einem Wallenstein gar nicht erst zu kommen. Und dann geht es darum, Zugang zu Literatur und Kultur zu öffnen. Ob man das weiter pflegen möchte oder nicht, kann jeder für sich selbst entscheiden. Niemand ist verpflichtet, sein Leben lang Thomas Mann zu lesen. Aber den Schülern muss die Chance gegeben werden zu entdecken, ob es ihnen Freude bereitet und sie geistig bereichert, wenn sie den Werther, den Zauberberg oder Krieg und Frieden lesen.“ (S. 44)

In den Interviews, die in Kapiteln nach Themen unterteilt sind, wird deutlich, dass hier eine Politikerin spricht, die einen universalwissenschaftlichen und gesellschaftlichen Anspruch vertritt. Man mag mit den politischen Ansichten von Sahra Wagenknecht nicht konform gehen, ihre umfassende Bildung und die tiefe Reflexion ihrer Gedanken nehmen für sie als eine philosophische Politikerin ein. Auch wenn es bislang noch nicht mit einem „neuen philosophischen System […], so wie Hegel, aber für die heutige Zeit“ (S. 54) geklappt hat. Das Vorhaben ist wahrscheinlich Ansporn für die Politikerin genug, das Lesen nicht aufzugeben.

Nur der Titel des Buches klingt vielleicht etwas zu plakativ.

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erstellt am 16.2.2018

Sahra Wagenknecht, Florian Rötzer
Couragiert gegen den Strom
Über Goethe, die Macht und die Zukunft
Klappenbroschur, 224 Seiten
ISBN: 9783864891878
Westend Verlag, Frankfurt am Main 2017

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