Buchkritik

Nachbar Naumann

„Am Morgen liest Herr Naumann Zeitung und hört die Nachrichten im Radio“ – Lorenz Justs literarisches Debüt, der Erzählband „Der böse Mensch“, ist seinem Titel nicht gewachsen, meint Jamal Tuschick.

Ein Kind findet seine Wege im nächtlichen Dickicht. Im Hochland der Kronen kennt es die letzten verlässlichen Äste vor den Todeszonen. Aus Luft näht es sich ein Kissen. Es ist eine Autonome (seinem Wesen) nach. Nutrias und Eichhörnchen halten es auf dem Laufenden.

Das Kind heißt Fini nach einer anderen Romanperson. Lorenz Just klärt den Zusammenhang. Er bezieht Fini aus Joseph Roths Roman „Der blinde Spiegel“, wo sie als postexpressionistische Stenotypistin im Stil der neuen Sachlichkeit scheitert. „Der böse Mensch“ betitelt eine Sammlung von Erzählungen. Sie lassen sich als Episodenroman am besten lesen. Der Autor verfolgt seine Figuren in Szenen, die ihre Selbständigkeit oft nur behaupten. Ihr Prinzip ist der Perspektivwechsel. Lebhaft werden sie im Spiel mit Erzählmanieren. Mal ist der Ton kräftig wie in Blech geblasen, dann wieder wird pointillisiert. Es braucht Herrn Naumann, um zu erfahren, dass der aus einem afrikanischen Krieg nach Deutschland vielleicht nicht unbedingt geflohene Badewannenmeister aus einer düsteren, dem bösen Menschen unter der Überschrift „Der Nachbar“ nachgehenden Introspektion seinem Erscheinen nach ein Mandingo ist – eine durchgreifende Persönlichkeit, die jeden Deutschen ins Ausland schickt, der seinen Laden betritt. Darin schneidet der grandiose Nachbar betrübten Landsleuten die Haare.

Der Nachbar hat den Krieg vor jeder zivilen Beschäftigung kennengelernt. Er veranlasste die Entvölkerung von Gebieten und erzog den Nachwuchs zu Marodeuren. Auch in der neuen Heimat überragt er jene Männer, die in seinem Geschäft Heimat tanken. Jeden Tag wohnt er seiner Frau Fanta bei, um sich auf Wesentliches zu beschränken. Fanta bietet den Genuss ohne Reue. Auch noch nach vielen Ehejahren erbaut sie der Gatte.

Nachbar Naumann ist aus traurigem Holz geschnitten. Sein Dasein verätzt ihn. Man übergeht ihn im Text wie im richtigen Leben.

Der monumentale Titel überspannt die Erzählbögen. Der Autor hetzt hinter dem bösen Menschen her, ist aber zu langsam. Nach einer Weile weicht die Erwartung, es gäbe seelische Abgründe zu besichtigen, der heiteren Langeweile, mit der man zeitgenössische Literatur sympathisierend zur Kenntnis nimmt.

Lorenz Just, Der böse Mensch, Erzählungen, DuMont, 150 Seiten

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Tuschicks Kolumne

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erstellt am 08.2.2018

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur.