01. Mai 2020 bis 17. Mai 2020 - Haus der Berliner Festspiele und diverse Orten in Berlin

Theatertreffen 2020

Theatertreffen 2020 in Berlin

Noch nicht abgesagt.

Wir fahren nach Berlin! Diesen freudigen Ausruf hört man derzeit ganz sicher an einigen Orten und Theaterhäusern im deutschsprachigen Raum.
Denn die Auswahl für das 57. Theatertreffen vom 1. bis 17. Mai 2020 in Berlin steht. Die siebenköpfige Jury, bestehend aus den drei Kritikerinnen Cornelia Fiedler, Shirin Sojitrawalla und Margarete Affenzeller und den vier Kritikern Wolfgang Höbel, Georg Kasch, Andreas Klaeui und Franz Wille, trafen ihre Auswahl nach 432 gesichteten Inszenierungen in 56 Städten.

Margarete Affenzeller schaute in Österreich, Shirin Sojitrawalla im Rhein-Main-Gebiet, Cornelia Fiedler suchte in Nordrheinwestfalen, Wolfgang Höbel bereiste den Norden, Georg Karsch und Franz Wille in Berlin und im Osten Deutschlands und Andreas Klaeui schaute sich in der Schweiz um. Wenn eine/r eine Inszenierung empfiehlt, reisen die anderen dorthin. Auf eine Shortlist schafften es letztlich 35 der gesichteten Inszenierungen. Von diesen wiederum zehn, die nach Berlin eingeladen werden.  
Berlin also nicht nur für den Fußball ein Sehnsuchtsort (DFB-Pokal), sondern auch für Theaterschaffende.  Und nach Berlin fahren in diesem Jahr die schon mehrfach eingeladenen Johan Simons, Katie Mitchell und Claudia Bauer auf der einen und die Theatertreffen Neulinge Alexander Giesche, Antonio Latella, Anne Lenk, und Tokishi Okada auf der anderen Seite. Johan Simons kommt mit Sandra Hüller als „Hamlet“ aus Bochum und steht für klassische Stoffe und großes Schauspieler*innentheater.  Auch der „Der Menschenfeind“ von Anna Lenk am Deutschen Theater Berlin und „Süßer Vogel Jugend“ von Claudia Bauer in Leipzig setzen sich mit klassischen Stoffen auseinander. Katie Mitchell bringt mit „Anatomie eines Suizids“ eine deutsche Erstaufführung aus Hamburg nach Berlin. Ansonsten etliche Stückentwicklungen, bei denen Autor*innenschaft und Regie meist identisch sind wie bei "Chinchilla Arschloch, waswas. Nachrichten aus dem Zwischenhirn" von Rimini Protokoll (Helgard Haug), "Die Kränkungen der Menschheit" in der Regie von Anta Helena Recke, "Eine göttliche Komödie. Dante < > Pasolini" von Federico Bellini in Szene gesetzt von Antonio Latella am Residenztheater München noch unter der Intendanz von Martin Kušej – deshalb fraglich, ob sie in Berlin gezeigt werden kann - und "The Vacuum Cleaner" von Toshiki Okada an den Münchner Kammerspielen. Nicht das erste Mal, allerdings eher selten dabei – die Sparte Tanz. Diesmal fiel die Wahl auf Florentina Holzinger, eine der provokativsten Performerinnen der letzten Jahre, mit ihrer Tanzperformance „Tanz. Eine sylphidische Träumerei in Stunts“. Bleibt noch „Der Mensch erscheint im Holozän“ - ein sogenanntes Visual Poem nach Max Frisch aus Zürich.
Das Berliner Theatertreffen gilt als das wichtigste Festival seiner Art im deutschsprachigen Raum und eine Einladung zum Theatertreffen ist mit überregionaler Anerkennung verbunden. Besonders gespannt war man in diesem Jahr auf die Auswahl auch wegen der Quote: mussten doch mindestes fünf der Einladungen an Regisseurinnen gehen – so der Beschluss der Jury, für zwei Jahre eine Frauenquote von mindestens 50 Prozent einzuführen.  Im Klartext bedeutete dies, dass mindestens fünf der „bemerkenswerten“ Inszenierungen von Frauen stammen müssen. Inszenierungen also, die man nicht nur bemerken, sondern die es auch wert sind, nach Berlin eingeladen zu werden.
Die Leiterin des Theatertreffens, Yvonne Büdenhölzer daher erleichtert zur diesjährigen Auswahl: „Die Quote ist mit 6:4 mehr als erfüllt! Der diesjährige Jahrgang, zu dem gleich fünf erstmals zum Theatertreffen eingeladene Regisseur*innen gehören, überzeugt durch starke Kreationen, neue Stücke und Klassikerinterpretationen, bei denen Geschlechterrollen bewusst aufgelöst oder umgedeutet werden“.
Nicht eingelöst wurde der Anspruch, auch die kleineren Städte und Bühnen zu berücksichtigen – nach wie vor dominieren die großen Stadt- und Staatstheater.

Im Trend dagegen die Zusammenarbeit zwischen Stadttheater und Produktionshäusern der freien Szene - wie beispielsweise dem HAU in Berlin oder dem Mousonturm in Frankfurt am Main – die mit gleich drei Produktionen in Berlin vertreten sein werden. Dazu Matthias Lilienthal, noch Intendant der Münchener Kammerspiele: „Wir freuen uns sehr und gratulieren den Ensembles und künstlerischen Teams herzlich! Die Hybridisierung (Hybridität bedeutet eine Mischform von zwei vorher getrennten Systemen) von Stadttheater und freier Szene erfährt durch die Einladungen gebührende Anerkennung“.
 
Interessant auch der Blick auf die Dauer der eingeladenen Inszenierungen. Mit etwas mehr als zweieinhalb Stunden inklusive einer Pause hat der „Hamlet“ mit Sandra Hüller aus Bochum eindeutig die Nase vorn. Alle anderen kommen ohne Pause und mit weniger Zeit aus. Anta Helena Reckes "Die Kränkungen der Menschheit" ist sogar schon nach 70 Minuten vorbei.

Wie immer ist die Auswahl umstritten und bietet doch einen facettenreichen Überblick über derzeitige Positionen und Regiehandschriften am Theater und befeuert die Diskussionen um ein Theater der Zukunft auch weiterhin.
Doch warten wir auf die Tage im Mai: dann entscheidet sich auf den Bühnen der Hauptstadt, ob die Inszenierungen taugen oder der Zauber schnell verflogen ist.

Karten für die Vorstellungen sind ab April erhältlich.

Etliche der Inszenierungen sind vorab an den jeweiligen Häusern noch zu sehen oder auf Gastspielreise. So gastiert die Inszenierung „Die Kränkungen der Menschheit“ am 15. und 16. Februar im Mousonturm in Frankfurt am Main.

Weitere Informationen

Walter H. Krämer

 


erstellt am 10.6.2015