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bis 12. Januar 2020 - Fridericianum, Friedrichsplatz 18, 34117 Kassel

Rachel Rose: Autoscopic Egg, 2017

Rachel Rose

Die 1986 geborene Videokünstlerin Rachel Rose gehört zu den wichtigsten Positionen der jüngeren Generation.

Mit ihrer Abschlussarbeit an der an der New Yorker Columbia University, „Sitting Feeding Sleeping" (2013), war Rose gleich in namhaften Galerien präsent. 2014 erhielt sie auf der Artissima den ersten Nachwuchspreis und hatte 2015 bereits Einzelausstellungen in der Serpentine Gallery in London, dem Castello di Rivoli in Turin und dem Whitney Museum in New York.

Die Ausstellung in Kassel, ihre erste Einzelausstellung in Deutschland, bietet zusammen mit einer Gruppe neuer Skulpturen und einer Auswahl von fünf filmischen Arbeiten einen Überblick über Roses Schaffen. Zu sehen sind folgende Videoarbeiten (alle weniger als elf Minuten lang): „Sitting Feeding Sleeping" (2013), „Everything and More" (2015), „Lake Valley" (2016), „Autoscopic Egg" (2017) und „Wil-o-Wisp" (2018).

In ihrem Film „Sitting Feeding Sleeping" geht es um Zustände zwischen Leben und Tod – wie sie die Künstlerin vorfindet bei Tieren im Zoo, bei Robotern und bei eingefrorenen Menschen in Cryptolabs.

„Lake Valley" (2016) dagegen ist ein animierter Film, der Vorstellungen von Kindheit und Kindlichkeit untersucht. Ein einsames Haustier, einem Häschen nicht unähnlich, verlässt seine Familie, schlüpft unter einen Teppich und landet in einen phantastischen Garten. Die Sehnsucht nach der Natur bleibt aber unerfüllt, denn es hat verlernt, in der Natur zu überleben. Vor der Leinwand hat Rachel Rose einen gewaltigen und flauschigen Teppich auslegen lassen, auf dem es sich die Zuschauer*innen bequem machen können und den bildgewaltigen Film anschauen, für den Rachel Rose mehr als hundert Kinderbücher durchstöbert und diese abfotografiert hat.

In „Wil-o-Wisp" (2018), einer ihrer neusten Arbeiten, beschäftigt sie sich mit dem Verlust des Gemeinschaftseigentums im England. Er spielt in London im 17. Jahrhundert und erzählt von einer Frau, die als Hexe diffamiert wird. Der historische Hintergrund ist das so genannte „Enclosure Movement" in England, als das Gemeinschaftseigentum des Mittelalters privatisiert und Land intensiver genutzt wurde. Für diesen Film arbeitete die Künstlerin erstmals mit einem kompletten Schauspieler*innen- und Produktionsteam zusammen.

Grundlage und Ausgangspunkt des Films „Everything and More" ist ein Interview mit einem Astronauten, in dem er seine Erfahrungen mit der Schwerlosigkeit schildert.

In ihren Arbeiten wirft die Künstlerin einen Blick auf die Evolution unserer Erde. Auch auf ihre Kreaturen und deren Seelen- und Gefühlszustände. Das Leben der Tiere steht hier auch stellvertretend für das der Menschen. Ihre Videos wirken oft wie Reflexionen der eigenen Erfahrungen. Große Tiefe und ein sicheres Gespür für das Aneinandersetzen und Wiederholen von Filmsequenzen zeichnen ihre Videoarbeiten aus.

Die ausgestellten Skulpturen sind alle eiförmig und bestehen aus unterschiedlichen Materialien. Für Rachel Rose ist das Ei ein alchemistisches Symbol und steht auch für die Beschäftigung mit dem Körper, mit Dingen, die innerhalb und außerhalb eines Körpers existieren können. Deshalb sind im Raum, in dem „Wil-o-Wisp" gezeigt wird, drei „Optical Eggs" – sie erinnern an Okulare – ausgestellt und weisen auf die Verzerrung der Wahrnehmung in Bezug auf die Protagonistin des Films Elspeth Blake hin.

Die Arbeiten von Rachel Rose zeigen je eigene Antworten auf Fragestellungen, denen ihr besonderes Interesse gilt. Trotz der Vielfalt der Motive wird als übergreifendes Thema ihres Werks eine Verbindung zwischen unserem Verhältnis zur Natur, dem Erzählen von Geschichten und unseren jeweiligen Glaubenssystemen sicht- und hörbar.

Rachel Rose setzt vielfältige filmische Techniken – wie beispielsweise die Collage existierenden Materials – und erzählerische Formen ein. Dabei entwickelt die Künstlerin eine für sie charakteristische Form der Projektion und Installation, um es Zuschauer*innen zu ermöglichen, in eine körperlich und psychologisch bewegende Erfahrungswelt aus Filmbildern und Klängen einzutauchen. Dazu übersetzt die Künstlerin in ihren Arbeiten grundlegende existenzielle Fragen in Bilder und untersucht im Rückgriff auf die Vergangenheit, wie gegenwärtige Verhältnisse unser Verständnis von Vergänglichkeit prägen.

Über ihre Arbeiten sagt Rachel Rose selbst: „Ich glaube, jedes Werk ist für mich ein Container, um eine bestimmte Frage zu entwickeln, um die Gefühle, die ich habe, nach außen zu tragen und sie an Dinge in der Außenwelt zu heften".

Die Ausstellung im Fridericianum ist auch deshalb besonders, weil die Künstlerin bei der Präsentation ihrer Arbeiten mit dem Ausstellungsort gearbeitet und dessen historische Besonderheit, Architektur und Lichtverhältnisse berücksichtigt hat und so auch der Ort in anderem Licht erscheint und Film und Raum miteinander kommunizieren.

Freundlicherweise hält das Museum eine Audiotranskription der Texte von „Sitting Feeding Sleeping", „Everything and More" und „Wil-o-wisp" auf Deutsch bereit – dessen vorherige Lektüre ist zu empfehlen – trägt sie doch zum besseren Verständnis der gezeigten Werke bei.

(Walter H. Krämer)

Abb.: Rachel Rose: Autoscopic Egg, 2017, © Rachel Rose, Courtesy of the artist und / and Gavin Brown's enterprise, New York / Rome, Foto / Photo: Lance Brewer

Weitere Informationen zur Ausstellung


erstellt am 10.6.2015