24. Januar 2020 bis 02. Februar 2020 - Opernhaus Wuppertal, Kurt-Drees-Straße 4, 42283 Wuppertal

© Tanztheater Wuppertal Pina Bausch

Blaubart. Beim Anhören einer Tonbandaufnahme von Béla Bartóks Oper »Herzog Blaubarts Burg«

Ein Stück von Pina Bausch aus dem Jahr 1977

Im Januar und Februar 2020 wird das Stück in komplett neuer Besetzung wieder zu sehen sein. Die Leitung der Neueinstudierung haben Jan Minarik aus der Besetzung der Uraufführung sowie Helena Pikon und Barbara Kaufmann übernommen.

Bei diesem Stück geht Pina Bausch noch von einem geschriebenen Werk aus. Ihre späteren Arbeiten entstehen auf den Proben gemeinsam mit den Tänzer*innen mittels einer lockeren und intuitiven Arbeitsweise. „Blaubart" zählt zweifelsfrei zu den Meisterwerken von Pina Bausch. Sie geht in dieser Arbeit über die Grenzen des herkömmlichen Theaters hinaus und nutzt die Ausdrucksmöglichkeiten aller Sparten – Oper, Schauspiel, Ballett, Pantomime, Film – und verzichtet dabei auf eine konventionelle Tanzästhetik.

Die Geschichte von Herzog Blaubart, dem Mörder seiner Ehefrauen, geht auf eine Sage aus dem 17. Jahrhundert zurück. Béla Bartók verdichtet die Geschichte auf die Auseinandersetzung des Herzogs mit Judith, deren Tod (wie schon bei den sechs anderen Frauen davor) hinter einer von sieben Türen auf sie wartet. Die Uraufführung seiner Oper fand am 24. Mai 1918 im Königlichen Opernhaus in Budapest statt.

Pina Bausch interessiert das Verhalten zwischen Menschen, ihre Angst vor der Einsamkeit und auch die Angst vor dem, was diese Einsamkeit durchbrechen könnte. Die Unfähigkeit, mit Emotionen umzugehen. Die gegenseitigen Demütigungen und immer wieder die Angst, oft die Angst der Frauen vor den Männern.

Pina Bausch thematisiert diese Angst roh und ungeschönt. Ihr Blick auf die Welt, auf das Verhältnis zwischen Mann und Frau ist düster, fast hoffnungslos. Kommunikation zwischen Menschen scheint nur noch möglich als Aggression oder Verletzung. Jedes Gefühl wird in der Auseinandersetzung zwischen den Geschlechtern zur Waffe.

In „Blaubart", verwandelt sich Hilflosigkeit in Wut. Es wird geschlagen und gezerrt, gerissen und getreten und die Tänzer*innen liefern sich dem aus bis an die Grenze der Selbstzerstörung.

Pina Bausch nutzt das Libretto der Oper als Folie – reißt die Fabel aus ihrem märchenhaften Milieu und übersetzt das Symbolhafte der sieben Kammern in die Gegenwart, Das Märchenschloss des Herzogs ist bei ihr ein großes leeres Altbauzimmer, mit einem Korridor im Hintergrund, hohen Fenstern und verwohnten Wänden. Der Boden ist bedeckt mit welkem Laub, in das sich die Spuren der Tänzer*innen eingraben (Bühne und Kostüme: Rolf Borzik).

Blaubart sitzt zu Beginn vor einem fahrbaren Tisch mit Tonbandgerät, lauscht der Oper, unterbricht, spult zurück, beginnt wieder von vorne, wiederholt das mehrmals, überlässt sich seinen Erinnerungen. Sucht nach Hinweisen erfahrener Liebe und Zärtlichkeit. Während vom Band immer wieder der gleiche Abschnitt ertönt, rennt er auf die am Boden liegende Judith zu, fällt über sie her und tut ihr Gewalt an.

Nie wieder hat Pina Bausch so starke und verstörende Bilder für das Unverständnis zwischen Mann und Frau gefunden wie gerade in diesem Stück. Macht und Unterdrückung werden sinnlich erfahrbar. Sexualität auf den animalischen Akt reduziert. Die Frau als Lustobjekt und Gebrauchsgegenstand übersetzt in ein starkes Bild: eine Frau wird durch das Überziehen mehrerer Kleidungsstücke gequält und anschließend wie eine Stück Fleisch über den Boden gezogen. Eine verstörende Szene und Ausdruck für die Unterdrückung von Frauen.

Bei so viel Gewalt kann auch die Musik keine Harmonie mehr stiften. Pina Bausch greift daher radikal in die Struktur der Oper ein und zerstückelt Bartóks Oper in einzelne Fragmente. Passagen werden immer wieder wiederholt – fast bis zur Unerträglichkeit. Erst als Judith bereit ist zu sterben, hört man eine längere Passage ohne Unterbrechung.

Wiederholungen von szenischen Abläufen, Gesten, Bewegungen, Wörtern und Sätzen – „Eine Wiederholung ist für mich einfach nur eine Wiederholung, und jede hat ihren Sinn, weil immer etwas ganz anderes und nie dasselbe entsteht" Pina Bausch in einem Interview – sind ein wichtiges Stilelement und Gestaltungsprinzip dieses Stückes.

Choreografien existieren nur, wenn sie getanzt werden, und vor dem Vergessen bewahrt sie nur eine Wiederaufnahme. Lassen sie sich also „Blaubart. Beim Anhören einer Tonbandaufnahme von Béla Bartóks Oper 'Herzog Blaubarts Burg'" nicht entgehen.

(Walter H. Krämer)

Der Vorverkauf beginnt am 29.11.2019.

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erstellt am 10.6.2015